Zi­vi­ler An­ti-Ter­ror-Kampf: Die Ret­te­rin der jun­gen Män­ner

Wäh­rend sich frü­her Bur­schen lo­ka­len Is­la­mis­ten an­schlos­sen, rei­sen heu­te vie­le zum Ji­had nach Sy­ri­en. Se­vil No­wru­so­wa will sie stop­pen.

Die Presse am Sonntag - - Globus - VON JUT­TA SOMMERBAUER

im Staat. Nicht der Bes­te kommt zum Zug, son­dern der Pas­sen­de. So­lan­ge die Vet­tern­wirt­schaft nicht aus dem Ru­der läuft, drückt Mos­kau ein Au­ge zu.

Bis­her floss das Geld aus dem Zen­trum, die lo­ka­len Eli­ten wa­ren zu­frie­den. Doch in Zei­ten sin­ken­der Ölein­nah­men steht das Herr­schafts­mo­dell im Nord­kau­ka­sus auf dem Prüf­stand. Was, wenn die Zu­wen­dun­gen ge­rin­ger wer­den? Wenn Loya­li­tät nicht län­ger durch Do­ta­tio­nen ab­ge­si­chert wird? Die Ant­wort der Kunst. Die „Ers­te Ga­le­rie“in der Stadt Kaspi­jsk ist ei­ne kur­ze Au­to­fahrt von Machatschkala ent­fernt. Zwi­schen Wohn­blö­cken und ei­ner Strand­pro­me­na­de hat hier ei­ne Ga­le­rie für zeit­ge­nös­si­sche da­ges­ta­ni­sche Kunst in ei­nem Bü­ro­ge­bäu­de Un­ter­schlupf ge­fun­den, ge­för­dert von ei­nem Pri­vat­un­ter­neh­mer – vom Staat gibt es kein Geld. Bür­ger kom­men her­ein, dre­hen ei­ne schnel­le Run­de, ge­hen wie­der. Ein paar al­te Män­ner me­ckern. „Ich bin über­zeugt, dass die Leu­te sich ,ein­se­hen‘ müs­sen“, sagt die Lei­te­rin, Dscha­mil­ja Da­gi­ro­wa, da­zu.

Mo­der­ne Ma­le­rei ist ein jun­ges Phä­no­men in Da­ges­tan, sie ge­lang­te mit den Sol­da­ten der Rus­si­schen Re­vo­lu­ti­on an das Kas­pi­sche Meer. Kunst kön­ne hier nicht so ra­di­kal sein wie an­ders­wo, sagt Da­gi­ro­wa. Doch man­che Wer­ke im licht­durch­flu­te­ten Aus­stel­lungs­saal sind von ge­ra­de­zu bru­ta­ler Deut­lich­keit: „Mär­ty­rer“von Ma­go­med Di­bi­row et­wa, ei­ne Rei­he ab­ge­holz­ter Stäm­me. Der Be­griff „Wald“ist zum Syn­onym für die ver­schwun­de­nen jun­gen Män­ner ge­wor­den, die sich im Dun­kel der Bäu­me dem be­waff­ne­ten Kampf der Is­la­mis­ten an­ge­schlos­sen ha­ben. Man­che aus re­li­giö­ser Ver­blen­dung, an­de­re, weil sie das kor­rup­te Sys­tem be­kämp­fen wol­len.

Wird das Zu­sam­men­le­ben am Kas­pi­schen Meer auch in Zu­kunft funk­tio­nie­ren? „Ei­gent­lich hält uns hier nichts zu­sam­men“, sagt Da­gi­ro­wa nach­denk­lich. So vie­le Spra­chen, so vie­le Grüpp­chen. Dann fin­det sie doch ei­ne Ant­wort, von den Ah­nen: „Nur wenn wir uns zu­sam­men­re­den, kön­nen Kon­flik­te ge­löst wer­den. An­ders geht es nicht.“ In ih­rer Ver­zweif­lung wand­ten sich die An­ge­hö­ri­gen an Se­vil No­wru­so­wa. Der 19-jäh­ri­ge Sohn hat­te sich in Sy­ri­en dem Is­la­mi­schen Staat an­ge­schlos­sen. Se­vil No­wru­so­wa nahm Kon­takt zu ihm auf. Am ers­ten Tag war er noch fel­sen­fest da­von über­zeugt, blei­ben zu wol­len. Am sechs­ten Tag konn­te sie ihn zur Rück­kehr be­we­gen. Wie sie das ge­schafft hat? „Ich ha­be mit ihm ge­spro­chen“, sagt No­wru­so­wa, ei­ne re­so­lu­te Frau von 40 Jah­ren mit ha­sel­nuss­brau­nem Haar und Fin­ger­nä­geln in Ro­sa und Gold. Über die De­tails des Ge­sprächs schweigt sie.

No­wru­so­was Schreib­tisch in ih­rem Bü­ro im Zen­trum von Der­bent wirkt ver­waist. Meis­tens ist sie un­ter­wegs. Und sie hängt viel am Te­le­fon. No­wru­so­wa ist Lei­te­rin des Zen­trums für Ex­tre­mis­musprä­ven­ti­on, de­rer es vier in Da­ges­tan gibt. Die Be­hör­den ver­su­chen seit ein paar Jah­ren, das lo­ka­le Is­la­mis­ten­pro­blem nicht nur mit­tels Po­li­zei­ein­sät­zen und Straf­ver­fol­gung zu lö­sen, son­dern set­zen auch auf Dera­di­ka­li­sie­rungs­maß­nah­men und Dia­log. „In den Wald ge­gan­gen“. No­wru­so­wa und ih­re zwölf Mit­ar­bei­ter wol­len durch Auf­klä­rungs­ar­beit Ju­gend­li­che da­von ab­hal­ten, sich dem Ji­had an­zu­schlie­ßen: sei es in Da­ges­tan, wo es dann heißt, je­mand sei „in den Wald ge­gan­gen“, oder – im­mer öf­ter – in Sy­ri­en. „Die Ju­gend­li­chen sind auf der Su­che und des­halb so leicht an­zu­wer­ben“, sagt sie. No­wru­so­was zwei­te, schwie­ri­ge­re Auf­ga­be ist es, jun­ge Män­ner und Frau­en wie­der ins zi­vi­le Le­ben zu­rück­zu­ho­len. „Die Jun­gen glau­ben, sie wer­den in Sy­ri­en im Ka­li­fat le­ben. Dann se­hen sie, dass man sie be­tro­gen hat. Sie wol­len zu­rück. Doch das klappt nicht im­mer.“Bei dem 19-Jäh­ri­gen hat­te sie Er­folg: Er kam zu­rück, ein Ver­fah­ren wur­de ein­ge­stellt. Vie­le frei­wil­li­ge Rück­keh­rer, Ex-Kämp­fer oder „nur“Hel­fer fas­sen in­des Haft­stra­fen aus. No­wru­so­wa kann aber häu­fig ei­ne Straf­mil­de­rung er­wir­ken. Mehr als 100 Fäl­le hat sie in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten er­folg­reich ge­löst.

Auf 3000 schät­zen of­fi­zi­el­le Qu­el­len die Zahl der rus­si­schen Kämp­fer in Sy­ri­en. Fast 1000 stamm­ten aus Da­ges­tan, sagt No­wru­so­wa. Der hei­mi­sche Ji­had wur­de nach Nah­ost aus­ge­la­gert. Ex­per­ten glau­ben nicht an ei­nen Zu­fall. 2013, ein Jahr vor Be­ginn der Olym­pi­schen Spie­le in Sot­schi, hät­ten die Be­hör­den „das Tor auf­ge­macht“, er­klärt der An­walt Ra­sul Ka­diew. „So konn­te man die Kämp­fer los­wer­den.“

Re­cher­chen von Reu­ters er­ga­ben, dass Be­hör­den bei der Aus­hän­di­gung von Päs­sen für Ge­such­te be­hilf­lich wa­ren. Der De­al: ein Ti­cket nach Sy­ri­en oh­ne Rück­keh­r­op­ti­on. Par­al­lel da­zu ver­stärk­ten die Si­cher­heits­kräf­te ih­re Ope­ra­tio­nen ge­gen die An­hän­ger des „Kau­ka­sus-Emi­rats“. Mitt­ler­wei­le ha­ben sich die meis­ten im Nord­kau­ka­sus ver­blie­be­nen Grup­pen dem IS an­ge­schlos­sen. Auch in Da­ges­tan wur­den be­reits An­schlä­ge im Na­men des IS ver­übt. Die is­la­mis­ti­sche Ge­fahr ist nicht ge­bannt.

Un­längst er­hielt No­wru­so­wa in Mos­kau ei­nen Preis für ih­re Ver­diens­te. Auch in Der­bent ist sie all­seits be­kannt, doch das Le­ben ei­ner Ce­le­bri­ty führt sie nicht. Zu je­der Ta­ges- und Nacht­zeit er­war­tet sie An­ru­fe, Au­gen­rin­ge zeu­gen da­von. Hat sie kei­ne Angst vor den Ban­den­chefs? „Klar mö­gen die mich nicht. Aber die fragt nie­mand“, sagt sie ent­schie­den. „Ihr Platz ist im Ge­fäng­nis oder im Jen­seits.“

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