»Ich den­ke dienst­lich nach«

Was Flücht­lin­ge er­le­ben, sei der Stoff, aus dem die My­then von mor­gen ge­macht sind, er­klärt die Schrift­stel­le­rin Jen­ny Er­pen­beck. Des­halb hat sie dar­über ei­nen Ro­man ge­schrie­ben.

Die Presse am Sonntag - - Kultur - VON BETTINA ST­EI­NER

In Ih­ren Ro­ma­nen spie­gelt sich oft Ge­schich­te im All­tag von Fa­mi­li­en. Mit „Ge­hen, ging, ge­gan­gen“sind Sie in der Ge­gen­wart an­ge­kom­men, bei der Flücht­lings­kri­se – aber Sie ver­we­ben das jetzt mit an­ti­ken My­then. War­um? Jen­ny Er­pen­beck: Was die Flücht­lin­ge er­le­ben, das ist der Stoff, aus dem die My­then von mor­gen ge­macht sind. Die Ge­schich­ten, die sie er­le­ben, wird man spä­ter als Le­gen­den wahr­neh­men. Flücht­lin­ge wis­sen viel über das, was das Le­ben aus­macht. Sie sind mit den wich­tigs­ten Fra­gen des Mensch­sein kon­fron­tiert: Wie geht man da­mit um, dass man al­les ver­lo­ren hat? Da­mit, dass die kom­plet­te Fa­mi­lie um­ge­kom­men ist? Wie geht man mit Er­in­ne­run­gen um, mit dem ein­zi­gen Ge­päck, das nichts wiegt und das doch ei­ne Last ist, die man im­mer da­bei hat? Flücht­lin­ge müs­sen viel an die Ver­gan­gen­heit den­ken, weil sie ja kei­ne Zu­kunft ha­ben, weil sie nicht ar­bei­ten dür­fen. Was hat Sie beim Gespräch mit den Flücht­lin­gen am meis­ten über­rascht? Oft wa­ren das ein­fa­che Über­le­gun­gen, auf die man aber viel­leicht nicht kommt, weil man so ru­hig da­hin­lebt wie wir. Ei­ner der Flücht­lin­ge hat et­wa durch die Kriegs­er­eig­nis­se sei­nen Va­ter ver­lo­ren. Der Va­ter ha­be ihm al­les bei­ge­bracht, ha­be ihm ge­sagt, wer er sei, und jetzt ist der Va­ter tot und er in ei­nem an­de­ren Land: Er hat ge­sagt, dass er nicht mehr wis­se, wer er ei­gent­lich sei. Wenn der All­tag, das Land, die so­zia­len Be­zie­hun­gen, wenn all das weg­bricht, dann stellt sich die Fra­ge, was noch von ei­nem üb­rig ist. Das ist be­son­ders dra­ma­tisch bei jun­gen Leu­ten, die ih­re Iden­ti­tät noch ge­sucht ha­ben, als sie vom Krieg über­rascht wur­den. Die Iden­ti­tät in ei­nen neu­en Kon­ti­nent zu ret­ten ist schwer. Ih­re Haupt­fi­gur ist ein eme­ri­tier­ter Pro­fes­sor. War­um das? Zu­nächst soll­te es ein Mann sein: Hät­te ich ei­ne Frau in ein Afri­ka­ner-Wohn­heim ge­schickt, in dem nur Män­ner le­ben, hät­te das an­de­re As­so­zia­tio­nen aus­ge­löst. Es gibt ja tat­säch­lich die­se Dis­cos, wo 60-jäh­ri­ge kurz­be­hos­te Da­men mit den Jungs et­was an­fan­gen, aber dar­um ging es mir nicht. Was das Al­ter be­trifft: Mich hat die­se Par­al­le­li­tät in­ter­es­siert: Der Pro­fes­sor muss wie der Flücht­ling oh­ne Ar­beit aus­kom­men. Eme­ri­tie­rung ist na­tür­lich die Lu­xus­ver­si­on von Ar­beits­lo­sig­keit, aber auch hier fällt man aus den so­zia­len Zu­sam­men­hän­gen her­aus, auch hier si­gna­li­sie­ren Leu­te ei­nem, dass man nicht mehr er­wünscht ist mit dem, was man kann und was man weiß. Ha­ben Sie zu­erst die Flücht­lin­ge ken­nen­ge­lernt, und kam Ih­nen so die Idee zu dem Buch, oder um­ge­kehrt? Zu­erst war die Idee zum Buch: Das ers­te gro­ße Schiffs­un­glück, das ich wahr­ge­nom­men ha­be, war im Herbst 2013. 300 Leu­te sind er­trun­ken. Ich war un­ter Schock und dach­te mir: Ich will den Flücht­lin­gen zwei Jah­re mei­ner Zeit wid­men. Und weil ich wie vie­le an­de­re auch im Kar­ree sprin­ge, geht das nur, in­dem ich das zu mei­nem Pro­jekt, mei­nem neu­en Buch ma­che, es zur Ar­beit er­klä­re. Auch bei frü­he­ren Ro­ma­nen war das so: Sie dreh­ten sich um Si­tua­tio­nen oder Er­eig­nis­se, die mich so be­setzt ge­hal­ten ha­ben, dass ich so­wie­so an nichts an­de­res den­ken konn­te. In dem Mo­ment, in dem ich es zur Ar­beit er­klä­re, er­lau­be ich mir selbst, so­zu­sa­gen of­fi­zi­ell, dienst­lich über die Din­ge in Ru­he nach­zu­den­ken, die mir auf der See­le lie­gen. Das ist ein gro­ßer Lu­xus. Was wa­ren das für Er­eig­nis­se? Et­wa der Über­gang von der DDR zur Bun­des­re­pu­blik. Da hat sich al­les ra­di­kal ver­än­dert, die Sit­ten, die Ge­set­ze, der All­tag, die Fir­ma, die die Tü­ten­sup­pen her­stellt. Das war der ers­te ra­di­ka­le Wan­del in mei­nem Le­ben, und das bleibt ei­nem auch als Er­fah­rung, wenn man mit­be­kommt, dass das, was man für un­um­stöß­lich hielt, ver­schwin­den kann. Man lernt, dass die Din­ge in Be­we­gung sind. Oder der Ver­lust des Som­mer­hau­ses mei­ner Kind­heit, das im­mer der Ort war, an dem ich mich ein­mal ge­se­hen ha­be als Er­wach­se­ne. Hat das Haus so aus­ge­se­hen wie in Ih­rem Ro­man „Heim­su­chung“be­schrie­ben? Ge­nau so. Nach dem Ro­man ken­ne ich das Haus noch viel bes­ser. Da­bei hat es mir gar nicht so sehr um den Be­sitz leid ge­tan, son­dern dar­um, dass es so lan­ge Zeit ver­waist war. Das Haus war wie ein Un­to­ter. Dass so ein Ort leer

1967

wur­de Jen­ny Er­pen­beck in Ost­ber­lin ge­bo­ren. Sie mach­te nach dem Abitur ei­ne Aus­bil­dung als Buch­bin­de­rin, stu­dier­te dann Thea­ter­wis­sen­schaft.

1997

in­sze­nier­te sie Schön­berg und Bart´ok an der Gra­zer Oper und brach­te ihr ei­ge­nes Stück „Kat­zen ha­ben sie­ben Le­ben“zur Urauf­füh­rung.

1999

er­schien ihr li­te­ra­ri­sches De­büt „Ge­schich­te vom al­ten Kind“. Er­pen­beck be­schäf­tigt sich oft mit his­to­ri­schen The­men, die sie in Fa­mi­li­en­ge­schich­ten spie­gelt.

2008

schrieb sie in „Heim­su­chung“über die DDR und das Som­mer­haus ih­rer Groß­el­tern.

2015

er­reich­te ihr Ro­man „Ge­hen, ging, ge­gan­gen“die Short­list des Deut­schen Buch­prei­ses (Kn­ausVer­lag). steht, ist nicht rich­tig. Das war si­cher auch ein wich­ti­ger Ein­schnitt. Und 2008 ist mei­ne Mut­ter ge­stor­ben, und ich ha­be „Al­ler Ta­ge Abend“ge­schrie­ben. Aber das ist ei­gent­lich kein Buch über mei­ne Mut­ter, son­dern über die vie­len Blick­win­kel, aus de­nen man auf so ei­nen Ver­lust schaut, auf das, was von ei­nem Men­schen zu­rück­bleibt. Ih­re Bü­cher sind sehr mu­si­ka­lisch auf­ge­baut. Ei­ner der Au­to­ren, die ich be­wun­de­re, ist Do­de­rer, und der hat­te auch die­ses Fai­b­le, mu­si­ka­li­sche Struk­tu­ren aus­zu­pro­bie­ren in der Li­te­ra­tur. In sei­ner „So­na­ti­ne“et­wa stellt er drei ver­schie­de­ne The­men vor, die mit­ein­an­der ei­gent­lich nichts zu tun ha­ben, und ver­webt das mu­si­ka­lisch. Es ist ja nicht so, dass ich sa­ge: Ich möch­te jetzt ei­ne Sym­pho­nie schrei­ben. Aber Mu­sik ist ei­ne Mög­lich­keit, Zeit zu struk­tu­rie­ren, und wenn man ein Ge­fühl da­für hat, schlägt sich das auch beim Schrei­ben nie­der. Ich ha­be mich im­mer mit Mu­sik be­schäf­tigt, das ist ja im sel­ben Kopf, mit dem ich schrei­be. Wie ka­men Sie auf Do­de­rer? Ich war ja fünf Jah­re in Graz, und ein Gra­zer Freund hat ihn mir emp­foh­len. Und dann ha­be ich den Do­de­rer-Preis be­kom­men und war sehr glück­lich, dass ich ei­nen Preis ent­ge­gen­neh­men konn­te, der nach ei­nem Dich­ter be­nannt ist, den ich wirk­lich mag. Ha­ben Sie zu den Flücht­lin­gen, die Sie ken­nen ge­lernt ha­ben, noch Kon­takt? Ich bin Vor­mund ei­nes afri­ka­ni­schen Jun­gen. Aber auch zu den an­de­ren ha­be ich noch Kon­takt. Ich wünsch­te, ihr Le­ben wä­re jetzt wun­der­bar und leicht, aber es ist eher das Ge­gen­teil der Fall. Ei­ner von ih­nen, der im­mer sehr ernst war, ist ver­rückt ge­wor­den, sei­ne Freun­de im Quar­tier hat­ten Angst, dass er ih­nen et­was an­tut, dass er das Quar­tier ka­putt­macht, dass er sich aus dem Fens­ter stürzt. Sie hat­ten je­de Nacht Pa­nik. Ich fand es be­wun­derns­wert, wie sie mit ihm um­gin­gen. Ein an­de­rer, den ich sehr moch­te, hat er­klärt, er wol­le nach Frank­reich zur Frem­den­le­gi­on ge­hen. Den Jungs fällt lang­sam nichts mehr ein. Um zu hof­fen, um ver­nünf­ti­ge Hoff­nung zu ha­ben, ist zu viel Zeit ver­gan­gen.

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