»By He­art« – so bleibt die Dich­tung dau­er­haft

Tia­go Ro­d­ri­gues lässt sich bei den Fest­wo­chen auf ein So­nett Wil­li­am Sha­ke­speares ein, das zehn Frei­wil­li­ge des Pu­bli­kums mit ihm me­mo­rie­ren. Ein tol­les Er­leb­nis.

Die Presse am Sonntag - - Kultur - VON NOR­BERT MAY­ER

Im Fi­na­le der Wie­ner Fest­wo­chen gibt es bis Sonn­tag ei­ne Auf­füh­rung aus Por­tu­gal, die zu Her­zen geht: „By He­art“heißt die Per­for­mance des Schau­spie­lers, Dra­ma­ti­kers und Re­gis­seurs Tia­go Ro­d­ri­gues. Der eng­li­sche Aus­druck trifft es bes­ser als der deut­sche: Zehn Zu­schau­er wer­den auf die Büh­ne ge­be­ten und sol­len dort ein Ge­dicht aus­wen­dig ler­nen.

Bei der Ös­ter­reich-Pre­mie­re im Schau­spiel­haus dau­er­te das am Frei­tag ein­ein­halb St­un­den – ge­won­ne­ne Zeit. Denn das in­di­vi­du­el­le Merk­ver­mö­gen war nur der sport­li­che Teil die­ses Abends. Viel wich­ti­ger schien, dass be­wusst wur­de, wie es­sen­zi­ell Li­te­ra­tur vor al­lem in un­ter­drück­ten Ge­sell­schaf­ten ist, wie dau­er­haft Dich­tung und wie er­hel­lend die Spra­che zur Wahr­neh­mung der Welt.

Bei Ro­d­ri­gues, der be­rühm­te An­ek­do­ten und Tex­te von Li­te­ra­ten mit per­sön­li­chen Er­leb­nis­sen ver­wob, der sei­nen Test­per­so­nen Si­cher­heit gab und zugleich mit dem Pu­bli­kum flir­te­te, wur­de die­se viel­schich­ti­ge Be­geg­nung zu ei­nem tol­len Er­leb­nis. Der Spiel­lei­ter. Er sitzt in der Mit­te der Büh­ne, blät­tert in ei­nem Buch, vor sich drei Holz­kis­ten mit Bü­chern, hin­ten ei­ne Groß­pa­ckung Mi­ne­ral­was­ser, links und rechts Stüh­le. Auf sei­nem wei­ßen T-Shirt ist vorn ein Por­trät des rus­si­schen Dich­ters Bo­ris Pas­ternak ab­ge­druckt, auf der Rück­sei­te ei­nes des Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­lers Ge­or­ge St­ei­ner. Ro­d­ri­gues er­klärt auf Eng­lisch das Pro­jekt: Man wer­de nicht aus dem Thea­ter ge­hen, ehe nicht zehn Per­so­nen ge­mein­sam und zum Teil al­lein auf Deutsch das 30. So­nett von Wil­li­am Sha­ke­speare aus­wen­dig ge­lernt ha­ben. Er bit­tet Frei­wil­li­ge auf die Büh­ne. Neun Frau­en und ein Mann sind be­reit. Nun könn­te man al­so be­gin­nen: „Wenn ich zum stil­len Rat in mei­ner Brust / Ent­bie­te die Erinn’rung al­ter Ta­ge . . .“Doch zu­vor er­zählt er von der be­le­se­nen Groß­mut­ter, der er oft Bü­cher ins Al­ters­heim brach­te, über St­ei­ner, der in ei­ner Talk­show zum The­ma „Schön­heit und Trost“da­von schwärm­te, wie wich­tig das Me­mo­rie­ren von gro­ßer Li­te­ra­tur sei.

Die­se Idee hat Ro­d­ri­gues er­fasst. Er er­zählt von Pas­ternak, be­drängt in sta­li­nis­ti­scher Zeit. Er droh­te, ver­haf­tet zu wer­den, soll­te er beim so­wje­ti­schen Schrift­stel­ler­kon­gress 1937 re­den. Der Mör­der Zh­da­now war un­ter den 2000 Be­su­chern. Pas­ternak sag­te nur ein Wort: „30.“Da re­zi­tier­ten al­le im Saal sei­ne rus­si­sche Über­set­zung des be­tref­fen­den So­netts von Sha­ke­speare. Kein Gu­lag für den Dich­ter. Ein Fest der Er­in­ne­rung. Ro­d­ri­gues zi­tiert un­ter an­de­rem aus Ray Brad­bu­rys Ro­man „Fah­ren­heit 451“, in dem die Hel­den sich mit sub­ver­si­vem Aus­wen­dig­ler­nen ge­gen Bü­cher­ver­bren­nun­gen weh­ren, er er­zählt von Os­sip und Na­desch­da Man­delstamm. Die Ge­dich­te die­ses Gu­lag-Op­fers ha­ben durch das Me­mo­rie­ren sei­ner Frau und vie­ler Freun­de über­lebt.

Im­mer wich­ti­ger wird am En­de die Groß­mut­ter. Mit über 90 droht sie zu er­blin­den, sie will ein Buch aus­wen­dig ler­nen, für die Zeit da­nach, bit­tet den En­kel um Rat. Er schlägt Sha­ke­speares Ge­dich­te vor. Auch bei ihr wird So­nett Nr. 30 ei­ne wich­ti­ge Rol­le spie­len. Und das Er­geb­nis in Wi­en? Ge­mein­sam geht fast al­les. Ge­ret­tet für die Nach­welt! „ . . . nichts ver­lor ich je im Le­ben“.

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