Pief­kes vor Wi­en: Als Bis­marck Ös­ter­reich aus Deutsch­land warf

So et­was hat­te es noch nicht ge­ge­ben: Ei­ne Na­ti­on will die Ein­heit, und er­reicht dies da­durch, dass sie ei­nen gro­ßen Teil ih­res Ge­bie­tes und ih­rer Be­völ­ke­rung ge­walt­sam hin­aus­drängt. So ge­schah es am 3. Ju­li 1866, als Preu­ßen in der Schlacht bei Kö­nig­grät

Die Presse am Sonntag - - Kunstmarkt - VON GÜN­THER HAL­LER UND JÜR­GEN STREIHAMMER

Re­al­po­li­tik – das Wort mach­te Mit­te des 19. Jahr­hun­derts Kar­rie­re, Po­li­tik, die sich we­nig küm­mert um al­te Bünd­nis­se, Erb­feind­schaf­ten, dy­nas­ti­sche Ver­bin­dun­gen. Mit den düs­te­ren Ele­men­tar­geis­tern des Na­tio­na­lis­mus, die man beim Wie­ner Kon­gress 1815 ge­zähmt zu ha­ben glaub­te, kön­nen Re­al­po­li­ti­ker we­nig an­fan­gen. Der Re­al­po­li­ti­ker gibt dem Na­tio­na­lis­mus nur dann nach, wenn es sei­nen macht­po­li­ti­schen Am­bi­tio­nen in den Kram passt. Preu­ßens Mi­nis­ter­prä­si­dent Ot­to von Bis­marck brach­te die Re­al­po­li­tik im 19. Jahr­hun­dert zur Meis­ter­schaft.

Wie ei­ne deut­sche Na­ti­on aus­se­hen konn­te, war da­mals sehr un­be­stimmt, man hat­te das Ge­fühl, die Deut­schen wuss­ten selbst nicht, wor­auf sie hin­aus­woll­ten. Preu­ßen und Ös­ter­reich wa­ren bei­de, um Bis­marck zu zi­tie­ren, nicht „vom na­tio­na­len Hund ge­bis­sen“, aber sie stan­den im Wett­be­werb um die Macht­po­si­ti­on in Deutsch­land, und da war weit und breit kein fried­lich-freund­li­cher Dua­lis­mus zu se­hen. Preu­ßen fühl­te sich zu­rück­ge­setzt in Deutsch­land, Kai­ser Franz Jo­seph sah sich selbst­ver­ständ­lich als deut­scher Fürst, ent­schlos­sen, Preu­ßen nicht die Vor­herr­schaft in Deutsch­land zu über­las­sen. In die­sem Wett­be­werb such­ten bei­de Ver­bün­de­te in ei­nem Deutsch­land, das es so noch gar nicht gab, in ei­ner hy­po­the­ti­schen deut­schen Na­ti­on. Dass die Aus­ein­an­der­set­zung mit Ös­ter­reich 1866 de fac­to ei­nen „deut­schen Bru­der­krieg“nach sich zog, war Bis­marck egal.

Der Krieg von 1866 war Bis­marcks Krieg. „Mit ei­ner sol­chen Scham­lo­sig­keit und Fri­vo­li­tät ist viel­leicht noch nie ein Krieg an­ge­zet­telt wor­den wie der, den Bis­marck ge­gen Ös­ter­reich zu er­he­ben sucht“, schrieb man in Wi­en am 1. Mai 1866. Da war der Ner­ven­krieg, den der Ho­hen­zol­lern­staat rund um den „Deut­schen Bund“, das we­nig ge­lieb­te Kind des Wie­ner Kon­gres­ses, führ­te, schon et­li­che Jah­re alt. 47 Mil­lio­nen Men­schen leb­ten hier, re­giert .

Preu­ßi­sch­ös­ter­rei­chi­scher Krieg

Der Kon­flikt um die Vor­herr­schaft in Deutsch­land be­gann mit der Kriegs­er­klä­rung Preu­ßens an Ös­ter­reich am 19. 6. 1866. Die Schlacht von Kö­nig­grätz am 3. Ju­li 1866 führ­te zur mi­li­tä­ri­schen Nie­der­la­ge Ös­ter­reichs und da­mit zum Aus­schei­den aus Deutsch­land. Ins­ge­samt be­rei­te­ten drei deut­sche Ei­ni­gungs­krie­ge, 1864, 1866 und 1870/71, die Ver­wirk­li­chung des deut­schen Na­tio­nal­staats vor. Das „Pres­se Ge­schich­te“-Ma­ga­zin über Franz Jo­seph I. schil­dert die hef­ti­gen Re­ak­tio­nen auf die Nie­der­la­ge im Wie­ner Kai­ser­haus. Im „Spec­trum“vom 25. 6. brin­gen wir ei­ne Buch­be­spre­chung zu 1866, ei­ne Lang­ver­si­on des ne­ben­ste­hen­den Tex­tes er­scheint zum 150-Jahr-Ju­bi­lä­um auf www.diepresse.com. von 34 sou­ve­rä­nen und gleich­be­rech­tig­ten Fürs­ten und vier frei­en Städ­ten, ein Ko­loss auf dem Pa­pier, der den deut­schen Klein- und Mit­tel­po­ten­ta­ten ih­re Sou­ve­rä­ni­täts­il­lu­si­on be­wahr­te. Ei­ne ge­mein­sa­me Len­kung des Bun­des durch die bei­den deut­schen Groß­mäch­te Preu­ßen und Ös­ter­reich wur­de bald im­mer un­mög­li­cher. Mit der mi­li­tä­ri­schen und öko­no­mi­schen Po­tenz wuchs auch Preu­ßens An­spruch auf ei­ne do­mi­nie­ren­de Rol­le in Nord­deutsch­land. Ös­ter­reich ge­riet ins Hin­ter­tref­fen. Zu­mal die Preu­ßen den be­hä­bi­gen Viel­völ­ker­staat aus dem deut­schen Zoll­ver­ein aus­ge­sperrt hat­ten. Ein dy­na­mi­scher Wirt­schafts­markt wuchs zu­sam­men. Oh­ne Habs­burg.

Bis­marck schrieb in an­tiös­ter­rei­chi­scher Be­ses­sen­heit dar­über, dass Preu­ßen in Deutsch­land kei­ne Luft zum At­men mehr ha­be und „ei­ner wei­chen oder vom an­de­ren ge­wi­chen wer­den“müs­se. Sein Pro­pa­gan­da­krieg führ­te da­zu, dass der Habs­bur­ger­staat mit ei­nem ka­tho­li­schen Kai­ser an der Spit­ze von Tsche­chen und Kroa­ten nörd­lich des Mains im­mer we­ni­ger als deut­scher Staat wahr­ge­nom­men wur­de. Ös­ter­reich hat­te 1858 sei­nen letz­ten be­deu­ten­den Feld­herrn, Ra­detz­ky, zu Gr­a­be ge­tra­gen. Ein Jahr da­nach be­wies der jun­ge Kai­ser Franz Jo­seph sei­ne Un­fä­hig­keit als Feld­herr auf dem Schlacht­feld von Sol­fe­ri­no. Die Nie­der­la­ge wirk­te nach: „Ös­ter­reich hat­te sich ma­te­ri­ell ver­aus­gabt. Dann kam der ers­te Pro­to­par­la­men­ta­ris­mus auf und er­zwang zu­sätz­lich Aus­ga­ben­kür­zun­gen beim Mi­li­tär“, sagt der Mi­li­tär­his­to­ri­ker Chris­ti­an Ort­ner. Die Um­stel­lung auf Hin­ter­la­der­ge­weh­re in der In­fan­te­rie wur­de ver­schleppt, 30 bis 60 Pro­zent der Trup­pe wur­den dau­er­haft be­ur­laubt. Gut ge­öl­tes Rä­der­werk. In Preu­ßen wur­den ähn­li­che par­la­men­ta­ri­sche Wi­der­stän­de durch die Aus­he­be­lung des Land­tags recht grob be­sei­tigt. Schon zu Na­po­le­ons Zei­ten hat­ten die Ho­hen­zol­lern mit dem Auf­bau ei­ner Streit­macht be­gon­nen, die 150 Jah­re lang Maß­stä­be setz­te. Doch im Aus­land trau­te man die­ser Ar­mee we­nig zu, sie hat­te ein hal­bes Jahr­hun­dert, seit Wa­ter­loo, kei­nen ernst­haf­ten Krieg zu füh­ren ge­habt, in den Kämp­fen um Schles­wig-Hol­stein 1864 mach­ten die ver­bün­de­ten Ös­ter­rei­cher die bes­se­re Fi­gur. Auch der An­griffs­geist des preu­ßi­schen „Bür­ger­sol­da­ten“– Ös­ter­reich hat­te ein Be­rufs­heer – wur­de all­ge­mein un­ter­schätzt. Selbst in Ber­lin. Kö­nig Wil­helm pack­te zu Be­ginn der Kämp­fe 1866 si­cher­heits­hal­ber sei­ne Fa­mi­li­en­pa­pie­re zu­sam­men.

Am 18. Ju­ni 1866 al­so zwin­gen Preu­ßen und Ita­li­en Ös­ter­reich in ei­nen Zw­ei­fron­ten­krieg. Ös­ter­reich fehlt Russ­land, sein al­ter Ver­bün­de­ter aus der Hei­li­gen Al­li­anz, den es im Krim­krieg im Stich ge­las­sen hat­te. So blei­ben Sach­sen, Bay­ern und das Gros der deut­schen Klein- und Mit­tel­staa­ten.

Wie in ei­nem gut ge­öl­ten Rä­der­werk greift bei den Preu­ßen zu Kriegs­be­ginn eins ins an­de­re, das aus­ge­bau­te Ei­sen­bahn­netz sorgt in ei­ner nicht ab­rei­ßen­den Fol­ge von Zü­gen für den Trans­port der Sol­da­ten ins böh­mi­sche Kriegs­ge­biet, die mo­der­ne Te­le­gra­fie ver­bin­det die Kom­man­do­stel­len. In den Ein­lei­tungs­kämp­fen setzt es Nie­der­la­ge um Nie­der­la­ge für die Ös­ter­rei­cher. Das be­rüch­tig­te

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