Cul­tu­re Clash

FRONTNACHRICHTEN AUS DEM KULTURKAMPF

Die Presse am Sonntag - - Geschichte - VON MICHA­EL PRÜLLER

En­de gut, al­les gut. War­um es rich­tig sein kann, ei­ne Schu­le nach ei­nem Ver­bre­cher zu be­nen­nen. Und war­um der Na­tio­nal­so­zia­lis­mus da­mit nur am Ran­de zu tun hat.

Ei­ne Mit­tel­schu­le in Wi­en trägt nun den Na­men ih­res ehe­ma­li­gen Schü­lers Fried­rich Za­wrel. Laut den FPÖ-Be­zirks­rä­ten ein „Skan­dal“: Ein „Ver­bre­cher“als Na­mens­ge­ber! ÖVP und SPÖ hiel­ten da­ge­gen: Ja, Za­wrel sei zwar we­gen Dieb­stahl und Ein­bruch jah­re­lang ein­ge­ses­sen, aber er war ein Op­fer des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus und ha­be spä­ter die Rol­le des Arz­tes Hein­rich Gross bei den NS-Kin­der­mor­den im Wie­ner Spie­gel­grund ans Licht ge­bracht. Mir fehlt da der we­sent­li­che Punkt. Fried­rich Za­wrel war der In­be­griff des hoff­nungs­lo­sen Falls. Ei­ne dis­funk­tio­na­le Fa­mi­lie, zwei­mal wer­den den El­tern die Kin­der weg­ge­nom­men. Als der 14-jäh­ri­ge Bub 1944 erst­mals als Dieb vor Ge­richt steht, hat er schon neun Jah­re Pfle­ge­fa­mi­li­en, Er­zie­hungs­hei­me und die „Für­sor­gean­stalt“am Spie­gel­grund hin­ter sich. Im­mer ist er der letz­te Dreck, ge­de­mü­tigt, ge­mobbt, durch me­di­zi­ni­sche Ex­pe­ri­men­te ge­quält, ge­prü­gelt, miss­han­delt und miss­braucht. Für ki­chern­de Schwes­tern­schü­le­rin­nen ist er nack­tes An­schau­ungs­ma­te­ri­al für „erb­bio­lo­gi­sche und so­zio­lo­gi­sche Min­der­wer­tig­keit“. Er ist der „Dep­per­te“, aus dem eh nie was wird.

Ein bür­ger­li­ches Le­ben schei­tert, er kehrt im­mer wie­der zum Steh­len zu­rück. Und die De­mü­ti­gun­gen hö­ren nicht auf. 1975 be­gut­ach­tet ihn Hein­rich Gross für die Jus­tiz, aus der Ju­gend­ak­te zi­tie­rend: Za­wrel sei „cha­rak­ter­lich grob ab­ar­tig“und von „mons­trö­ser Ge­müts­ar­mut“. Man sol­le ihn für im­mer in ei­ne An­stalt für ge­fähr­li­che Rück­fall­stä­ter ste­cken. Ein hoff­nungs­lo­ser Fall.

Und doch: 1981 kommt Fried­rich Za­wrel frei und lebt die rest­li­chen 34 Jah­re sei­nes Le­bens in Wür­de und An­stand, wird mehr­fach aus­ge­zeich­net. Dass der Mensch in Fried­rich Za­wrel sich trotz al­lem nicht un­ter­krie­gen ließ und schließ­lich ganz auf­rich­ten konn­te – das ist sei­ne ei­gent­li­che, ge­wal­ti­ge Leis­tung. Es gibt kei­nen hoff­nungs­lo­sen Fall.

Denn ein Mensch kann nie nur auf ein Ein­zi­ges re­du­ziert wer­den. Nie­mand ist nur Ver­bre­cher. Oder nur Vor­bild. Selbst ein Mör­der ist nie nur ein Mör­der. Ein Mensch ist im­mer noch mehr. Und: Man kann den Wert ei­nes Le­bens, ei­ner Bio­gra­fie nicht an ein­zel­nen Sta­tio­nen fest­ma­chen.

Auch im Chris­ten­tum ist ein Hei­li­ger nicht der, in des­sen Le­bens­bi­lanz das Gu­te das Schlech­te über­wiegt, son­dern der, der sein Le­ben zu ei­nem gu­ten En­de, zu ei­nem En­de im Gu­ten führt. Die­se Sicht­wei­se er­löst uns von der Ty­ran­nei der Alt­las­ten: Nicht, was ein Mensch hin­ter sich hat, de­fi­niert ihn, son­dern wo­hin er strebt. Nicht das Fal­len, son­dern das Auf­ste­hen. Ei­ne Schu­le, in der man wirk­lich für das Le­ben lernt, soll den Na­men Fried­rich Za­wrels hoch­hal­ten. Der Au­tor war stv. Chef­re­dak­teur der „Pres­se“und ist nun Kom­mu­ni­ka­ti­ons­chef der Erz­diö­ze­se Wi­en.

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