»Pu­tin sitzt im gol­de­nen Kä­fig fest«

Die ame­ri­ka­ni­sche Russ­land­for­sche­rin Ka­ren Da­wi­sha schil­dert in ih­rem Buch »Pu­tin’s Klep­to­cra­cy« die sa­gen­haf­te Be­rei­che­rung des rus­si­schen Prä­si­den­ten und sei­ner En­tou­ra­ge. Aus Angst vor rui­nö­sen Kla­gen lässt ihr US-Ver­lag kei­ne Über­set­zun­gen in an­de­re S

Die Presse am Sonntag - - Letzte Fragen - VON OLI­VER GRIMM

Die po­li­ti­sche Kar­rie­re von Wla­di­mir Pu­tin hat ziem­lich ge­nau vor ei­nem Vier­tel­jahr­hun­dert in St. Pe­ters­burg be­gon­nen. Kann man das per­sön­li­che Ver­mö­gen, das er seit­her an­ge­häuft hat, se­ri­ös be­zif­fern? Ka­ren Da­wi­sha: Sa­gen wir es so: Als Mich­ail Cho­dor­kow­ski, der Grün­der des Öl­kon­zerns Yu­kos, ins Ge­fäng­nis ge­steckt wur­de, frag­ten ihn Jour­na­lis­ten: Wie vie­le Jah­re glau­ben Sie, dass sie hin­ter Git­ter kom­men? Und als Ant­wort mach­te er mit dem Fin­ger dies hier: (das Zei­chen für un­end­lich, Anm.). Die­sel­be Ant­wort trifft auch auf die Fra­ge nach Pu­tins per­sön­li­chen Reich­tum zu. Er hat ein gro­ßes In­ter­es­se an sei­nem Le­bens­stil. Sei­ne Pa­läs­te und Jach­ten sind ihm enorm wich­tig; es gibt jetzt 23 of­fi­zi­el­le Prä­si­den­ten­pa­läs­te. Ich ver­mu­te, nicht ein­mal aus­tro-un­ga­ri­sche Mon­ar­chen hat­ten so vie­le – und wir al­le wis­sen, was mit ih­nen pas­siert ist. Ich glau­be in­so­fern nicht, dass es sinn­voll ist zu sa­gen: Im Jahr 2007 wur­de Pu­tins Pri­vat­ver­mö­gen auf 40 Mil­li­ar­den Dol­lar ge­schätzt, dann ist es so und so stark ge­wach­sen.

ZOb er per­sön­lich die­se Ver­mö­gen be­sitzt, ist zweit­ran­gig in ei­nem Land, wo der Schutz von Pri­vat­ei­gen­tum da­von ab­hängt, wie na­he man am Prä­si­den­ten ist. Nein und ja. Ich den­ke, dass er in den 1990er-Jah­ren in St. Pe­ters­burg, ehe er wis­sen konn­te, dass sei­ne Kar­rie­re so blen­dend ver­lau­fen wür­de, sehr wohl per­sön­li­chen Reich­tum an­ge­häuft hat. Und ich den­ke, dass er die­sen Reich­tum ins Aus­land ge­bracht hat und dass er dort Leu­te hat, die für ihn dar­auf auf­pas­sen. Aber an­de­rer­seits ist es ein Jam­mer, dass Russ­land kein Sys­tem ge­schaf­fen hat, das es Leu­ten, die Geld in Russ­land ge­macht ha­ben, er­mög­licht, die­ses Geld in ih­rem ei­ge­nen Land si­cher­zu­stel­len. Denn das be­deu­tet, dass Herr Pu­tin nicht mit sei­nem Reich­tum in den Ru­he­stand tre­ten kann. Kraft des Sys­tems, das er ge­schaf­fen und ver­stärkt hat, kann er nicht auf­hö­ren, Prä­si­dent zu sein. Das ist die Lo­gik die­ses Sys­tems. Er ist ein Ge­fan­ge­ner sei­ner ei­ge­nen Zwe­cke. Ja. Das ist wie ein gol­de­ner Kä­fig, wie im Os­ma­ni­schen Reich. Sie schil­dern in Ih­rem Buch, welch schlim­me Fol­gen Kor­rup­ti­on und Miss­wirt­schaft für das rus­si­sche Volk ha­ben. Aber vie­le Eu­ro­pä­er sa­gen zy­nisch: Der Rus­se braucht ei­ne star­ke Hand, kann in kei­ner of­fe­nen Ge­sell­schaft le­ben, al­so ver­die­nen wir lie­ber jetzt so viel Geld wie mög­lich mit ihm. Was hält man dem ent­ge­gen? Für die Kor­rup­ti­on gibt es ei­ne Nach­fra­ge: Die rus­si­sche Eli­te ver­langt. Und es gibt ein An­ge­bot: West­li­che Ban­ker ge­wäh­ren sie. Wir ha­ben es zu­ge­las­sen, dass sich ein Sys­tem ver­fes­tigt, mit Ge­set­zen, die von Im­mo­bi­li­en­lob­by­is­ten ge­schrie­ben wur­den, die an­ony­me Ka­pi­tal­ge­sell­schaf­ten er­lau­ben. Und so gibt es in der Ci­ty of Lon­don drei­ein­halb Qua­drat­mei­len, die Leu­ten ge­hö­ren, die Geis­ter sind, nicht dort le­ben, kei­ne Steu­ern zah­len. Ihr Grund wer­tet enorm auf, und sie nut­zen ihn ein­zig zur Geld­wä­sche. Man kann kei­ne 10.000 Dol­lar über die Gren­ze brin­gen, oh­ne vom Zoll ge­prüft zu wer­den. Aber man kann sehr wohl durch den Miss­brauch von Di­plo­ma­ten­päs­sen und Di­plo­ma­ten­post mit drei Mil­lio­nen Dol­lar Bar­geld in Mia­mi Beach an­kom­men und et­was kau­fen – und nie­mand wird je den Na­men ken­nen. Das ist un­ser Pro­blem, nicht je­nes der Rus­sen. Ös­ter­reich kommt in Ih­rem Buch kaum vor. Da­bei ist es be­kannt, dass viel rus­si­sches Geld durch Wi­en fließt.

1949

in Co­lo­ra­do ge­bo­ren, nach Stu­di­en in Lan­cas­ter und an der Lon­don School of Eco­no­mics so­wie der Ar­beit als Be­ra­te­rin des Hou­se of Com­mons und des USAu­ßen­mi­nis­te­ri­um Pro­fes­so­rin an der Uni­ver­si­ty of Ma­ry­land, seit 2000 Pro­fes­so­rin an der Mia­mi Uni­ver­si­ty in Ohio.

2014

Cam­bridge Uni­ver­si­ty Pres­se (CUP), der Ver­lag, bei dem sie be­reits fünf Bü­cher ver­öf­fent­licht hat, lehnt ihr Ma­nu­skript für „Pu­tin’s Klep­to­cra­cy: Who Owns Rus­sia?“ab. Be­grün­dung: das Ri­si­ko teu­rer Kla­gen we­gen ver­meint­li­cher Ruf­schä­di­gung. „The Eco­no­mist“ver­öf­fent­lich­te den E-Mail­ver­kehr zwi­schen Da­wi­sha und CUP, der US-Groß­ver­lag Si­mon & Schus­ter sprang ein und brach­te das Buch her­aus – al­ler­dings nur in den USA. Die Rech­te für an­de­re Märk­te hält er vor­erst zu­rück. Pu­tins In­ter­es­se gilt Deutsch­land, denn dort hat­te er sei­ne KGB-Spio­ne und Ge­schäfts­kon­tak­te. Aber Ös­ter­reich spiel­te beim Zer­fall der So­wjet­uni­on ei­ne zen­tra­le Rol­le. Die Do­nau-Bank in Wi­en war Ar­beits­ort für meh­re­re KGBA­gen­ten, et­wa Alex­an­der Med­we­dew (heu­te Gaz­prom-Vor­stands­mit­glied, Anm.) und And­rej Aki­mow (heu­te Vor­stands­vor­sit­zen­der der Gaz­prom­bank, Anm.). Sie wa­ren die ers­ten rus­si­schen Ban­ker, dar­auf trai­niert, mit dem west­li­chen Fi­nanz­sys­tem zu ar­bei­ten. Und sie wa­ren dar­auf trai­niert, den Fluss von Geld aus Russ­land zu or­ga­ni­sie­ren. Die Rus­sen be­trach­ten Ös­ter­reich auch heu­te nicht als Ne­ben­schau­platz. Wel­che Wir­kung ha­ben die Sank­tio­nen auf die Macht­struk­tu­ren in Russ­land? Ich den­ke, sie ha­ben al­les kom­plett ge­än­dert. Ers­tens sind sie ein kla­res Si­gnal des Wes­tens an Pu­tin und an­de­re: Wir wis­sen, was ihr tut. Das be­trifft so­wohl die Art der Sank­tio­nen als auch de­ren For­mu­lie­rung. Es ist ein of­fe­nes Ge­heim­nis, dass Pu­tin an der Schwei­zer Öl­han­dels­fir­ma Gun­vor be­tei­ligt ist. Wenn das US-Fi­nanz­mi­nis­te­ri­um das al­so aus­drück­lich so be­nennt, ent­kräf­tet es Pu­tins Be­mü­hun­gen, sich als selbst­lo­ser Ga­lee­rens­kla­ve dar­zu­stel­len. Die­ses Wort­bild ver­wen­det er üb­ri­gens selbst. Die Sank­tio­nen sind al­so ein gu­ter po­li­ti­scher Schritt. Wo­her rührt Ihr In­ter­es­se an Pu­tins Auf­stieg und den rus­si­schen Macht­struk­tu­ren? Ich war 2007 auf der Wal­dai-Kon­fe­renz. Das war wun­der­voll, man wird sehr gut um­sorgt. Man braucht bloß al­les schlu­cken, was ei­nem dort prä­sen­tiert wird. Das wur­de für mich im­mer schwie­ri­ger. Wir tra­fen zum Bei­spiel die Füh­rer al­ler po­li­ti­schen Par­tei­en, dar­un­ter auch Gri­go­ri Jaw­lin­ski, den da­ma­li­gen Vor­sit­zen­den der li­be­ra­len Par­tei Ja­blo­ko. Er sag­te zu mir: Se­hen Sie all die Fern­seh­ka­me­ras um uns? Die sind nur zur Show da. Es ist un­mög­lich, dass ich tat­säch­lich im rus­si­schen Fern­se­hen ge­zeigt wer­de. Da dach­te ich mir: Wir müs­sen schlau­er wer­den in un­se­rer aka­de­mi­schen Ar­beit. Ihr Buch kann au­ßer­halb der USA nicht er­schei­nen, der Ver­lag gibt die Über­set­zungs­rech­te aus Angst vor teu­ren Un­ter­las­sungs­kla­gen nicht her. Da­bei ist nichts da­rin er­fun­den und al­les gründ­lich mit Qu­el­len be­legt. Was sagt das über den Stand der Mei­nungs­frei­heit auf der Welt aus? Ganz ehr­lich: Ich ha­be nie zu­vor das First Amend­ment (Zu­satz zur US-Ver­fas­sung, schützt die Mei­nungs- und Pres­se­frei­heit, Anm.) so sehr ge­schätzt wie jetzt. Das ist echt. In Groß­bri­tan­ni­en und ver­mut­lich auch in Ös­ter­reich liegt die Be­weis­pflicht beim Au­tor – die vor­he­ri­ge Ver­öf­fent­li­chung in ei­ner Zei­tung oder aka­de­mi­sche Do­ku­men­tie­rung reicht nicht. Ein bri­ti­scher Rich­ter be­stimmt, was die Wahr­heit ist. In den USA hin­ge­gen kann man für das, was in den USA ver­öf­fent­licht wur­de, nicht ge­klagt wur­de. Bin­nen Wo­chen nach der Ver­öf­fent­li­chung des Bu­ches hat­te ich 2000 neue rus­si­sche Face­book-Freun­de, und sie be­gan­nen Fo­tos von sich zu ver­öf­fent­li­chen, wie sie das Buch in ih­ren Kü­chen le­sen. Ihr Buch wird in Russ­land al­so als ei­ne Art mo­der­ner Sa­mis­dat ge­le­sen? Ja, das wird es. Wenn man auf Yandex, dem rus­si­schen Goog­le, mei­nen Na­men ein­tippt, fin­det man ei­ne Men­ge Schwarz­ko­pi­en zum Her­un­ter­la­den. Tei­le da­von wur­den be­reits auf Rus­sisch über­setzt. Die Wor­te „Pu­tins Klep­to­kra­tie“be­deu­ten heu­te et­was, und man muss da­für nicht 350 Sei­ten le­sen. Das ist für Di­mi­tri Pes­kow, Pu­tins Spre­cher, ein enor­mes Pro­blem. Es wird für den Kreml im­mer schwie­ri­ger, . . . was man auf Pu­tins Aus­sa­ge, die Wirt­schafts­kam­mer sei ei­ne „gu­te Dik­ta­tur“, ant­wor­tet? Er sagt im­mer wie­der dum­me Sa­chen. En­de 2014 sprach er zu rus­si­schen Spit­zen­ma­na­gern: „In Russ­land sind die Un­ter­neh­men wie Hüh­ner: Sie glau­ben, ih­nen ge­hör­ten die Eier, die sie le­gen – und dann kom­men wir und neh­men sie uns.“ . . . wie man mit In­ter­nett­rol­len um­ge­hen soll? Blo­ckie­ren? Mel­den? Ach wo! Son­nen­schein ist die Ant­wort – al­so ret­weeten. Das ma­che ich, wenn ich an­ge­grif­fen wer­de. . . . ob Sie nach Ver­öf­fent­li­chung Ih­res Buchs noch nach Russ­land ein­rei­sen kön­nen? Da­ran ha­be ich kein In­ter­es­se. Ab­ge­se­hen da­von sind al­le Leu­te, mit de­nen ich re­den will, oh­ne­hin in Eu­ro­pa, den USA und an­ders­wo – oder ich tref­fe rus­si­sche Ge­sprächs­part­ner, wenn sie das Land auf Rei­sen ver­las­sen. Und dann sind sie um­so ge­sprächs­freu­di­ger. dem Blick aus­zu­wei­chen, mit dem der Wes­ten auf ihn schaut. Wer­den Sie von rus­si­schen In­ter­net-Trol­len be­läs­tigt? Ab und zu. Re­dak­teu­re rus­si­scher Zei­tun­gen ha­ben mir ge­sagt, dass ih­nen bin­nen zwei Wo­chen nach Ver­öf­fent­li­chung des Bu­ches un­miss­ver­ständ­lich mit­ge­teilt wur­de, dass es nicht in der Be­richt­er­stat­tung er­wähnt wer­den darf. Das hat mir die Freu­de er­spart, auf ei­ner Lis­te für öf­fent­li­che An­grif­fe zu ste­hen. Al­ler­dings wur­den mei­ne On­li­ne-Ac­counts ge­hackt. Man lernt, mit Da­ten­ver­schlüs­se­lung um­zu­ge­hen. Ich bin jetzt ziem­lich si­cher. Es ist ei­ne bö­se Iro­nie, dass die Pu­ti­nis­ten ei­ni­ge der wich­tigs­ten Er­run­gen­schaf­ten of­fe­ner Ge­sell­schaf­ten für ih­re Zwe­cke nut­zen: von eng­li­schen Ge­rich­ten bis zur frei­en Me­dien­land­schaft, in der sie Pro­pa­gan­da­sen­der wie Rus­sia To­day plat­zie­ren. Un­se­re Er­run­gen­schaf­ten wen­den sich ge­gen uns. Wie tritt man dem ent­ge­gen? In­dem man ein Buch mit dem Ti­tel „Pu­tin’s Klep­to­cra­cy“schreibt. Wir müs­sen ein­fach al­le mit un­se­rer Ar­beit wei­ter­ma­chen. Wir müs­sen da­ran glau­ben, dass die Wahr­heit auf viel­leicht gar nicht so lan­ge Sicht siegt. Ich glau­be nicht an die­ses post­mo­der­ne „Es gibt kei­ne Wahr­heit, al­les ist kon­stru­iert“. Die Men­schen glau­ben an Grund­wer­te. Sie mö­gen zwar nicht da­ran glau­ben, dass das west­li­che Sys­tem der­zeit un­be­dingt ih­ren In­ter­es­sen dient. Aber nie­mand, der heu­te links oder rechts wählt, hofft, dass dies das letz­te Mal ist, dass er wäh­len kann. Und: Der Um­stand, dass die Kin­der des rus­si­schen Au­ßen­mi­nis­ters im Aus­land le­ben, dass Pu­tins ei­ge­ne Toch­ter im Aus­land war, zeigt, dass die rus­si­schen Eli­ten selbst wis­sen, dass die west­li­chen Wer­te echt und je­ne Wer­te, von de­nen sie re­den, falsch sind.

Mia­mi Uni­ver­si­ty

Kaum war Ka­ren Da­wishas Pu­tin-Buch ver­öf­fent­licht, hat­te sie 2000 neue rus­si­sche Face­book-Freun­de.

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