Das al­te Eu­ro­pa ist kei­ne Op­ti­on für die Zu­kunft

Eu­ro­pa steckt nach dem Br­ex­it in ei­ner Exis­tenz­kri­se. Die Uni­on muss sich und ih­ren Bür­gern deut­lich vor Au­gen füh­ren, wel­che Mehr­wert sie bringt. Nur dann hat die­se Kon­struk­ti­on noch ei­ne Zu­kunft.

Die Presse am Sonntag - - Seit - LEIT­AR­TI­KEL VON CHRIS­TI­AN ULTSCH

Zu den mo­der­nen eu­ro­päi­schen Mut­ma­cher-My­then zählt, dass die EU aus Kri­sen bis­her im­mer ge­stärkt her­vor­ge­gan­gen ist. Wenn das Man­tra ei­nen Be­zug zur ge­gen­wär­ti­gen Wirk­lich­keit hät­te, müss­te die Uni­on nur so strot­zen vor Kraft nach der Kri­sen­über­do­sis der ver­gan­ge­nen acht Jah­re. Das ist lei­der nicht der Fall. Zwi­schen Fi­nanz- und Flücht­lings­kri­se of­fen­bar­ten sich viel­mehr ih­re wun­den Punk­te: ih­re struk­tu­rell be­ding­te Ent­schei­dungs­schwä­che, die Fol­gen­lo­sig­keit bei Re­gel­brü­chen und der Nich­tum­set­zung von Be­schlüs­sen, der Op­por­tu­nis­mus und die Il­loya­li­tät ein­zel­ner Mit­glie­der.

Der Br­ex­it mar­kiert ei­nen neu­en Tief­punkt. Nie­mand muss des­halb in Hys­te­rie ver­fal­len. Doch der Ab­schied der zweit­größ­ten Volks­wirt­schaft Eu­ro­pas hat ei­ne der­ar­ti­ge Wucht, dass er Zen­tri­fu­gal­kräf­te frei­set­zen und zu ei­ner Rück­ab­wick­lung des eu­ro­päi­schen Pro­jekts füh­ren könn­te.

An die­ser Weg­schei­de ist es ge­bo­ten, sich den Sinn die­ser Uni­on vor Au­gen zu füh­ren: die Vor­tei­le ei­ner Frie­dens­zo­ne und ei­nes Bin­nen­markts, die An­nehm­lich­kei­ten ei­ner ge­mein­sa­men Wäh­rung und of­fe­ner Bin­nen­gren­zen. Kei­ner kann sich doch ernst­haft das al­te Eu­ro­pa zu­rück­wün­schen: die Zöl­le und Geld­wechs­ler, die Schlag­bäu­me und Ei­gen­brö­te­lei­en. Ab­schot­tung funk­tio­niert im Zeit­al­ter der Glo­ba­li­sie­rung nicht. Wer sich ver­schließt und ver­kriecht, wird ver­ar­men: geis­tig und wirt­schaft­lich. Es müss­te doch je­dem klar sein, dass Kle­in­staa­ten im glo­ba­len Wett­streit un­ter­ge­hen, wenn sie nicht an ei­nem Strang zie­hen.

Das ist kein Plä­doy­er für Schön­fär­be­rei. So wie bis­her kann die EU nicht wei­ter­ma­chen. We­ni­ger wä­re manch­mal mehr. Die Bür­ger sind zu Recht ver­är­gert über Ver­ord­nun­gen, die re­gu­lie­rungs­wü­ti­gen Bü­ro­kra­ten­hir­nen ent­sprun­gen sind und das Le­ben un­nö­tig kom­pli­zie­ren. Da­für wur­de die EU nicht ge­schaf­fen. Um­ge­kehrt wun­dert man sich, war­um es nicht mög­lich war, die EUAu­ßen­gren­zen ge­mein­sam zu si­chern und Flücht­lings­mas­sen an der frei­en Fahrt quer durch den Kon­ti­nent zu hin­dern. Das hat tief ver­un­si­chert und letzt­lich die Br­ex­it-Ab­stim­mung be­ein­flusst. Aber auch da wä­re es zu bil­lig, die EU pau­schal zu be­schul­di­gen, als hät­te sie nichts mit ih­ren Na­tio­nal­staa­ten zu tun. Sie be­steht aus Mit­glie­dern, die Re­geln miss­ach­ten und ih­ren Macht­be­reich hü­ten. Und ge­nau des­halb funk­tio­niert die EU oft nicht. Es muss ein En­de mit der Un­sit­te ha­ben, dass Re­gie­rungs­chefs et­was in Brüs­sel be­schlie­ßen und zu Hau­se auf die EU schimp­fen. Die Uni­on wur­de nicht als Sün­den­bock kre­iert, auch nicht als Blitz­ab­lei­ter oder Müll­ton­ne für Po­pu­lis­ten, son­dern als Ein­rich­tung für ge­mein­sa­me Lö­sun­gen.

Die EU steckt in ei­nem Di­lem­ma. Mehr Schlag­kraft kann sie nur er­lan­gen, wenn die Mit­glied­staa­ten wei­te­re Sou­ve­rä­ni­täts­rech­te (beim Schutz der Au­ßen­gren­ze et­wa) ab­tre­ten. Doch da­für wä­re ei­ne Ver­trags­än­de­rung nö­tig. Das Volk aber will die EU nach den Er­fah­run­gen bei den jüngs­ten Ab­stim­mun­gen lie­ber nicht fra­gen. Hel­fen kann da nur müh­se­li­ge Über­zeu­gungs­ar­beit. Die Ver­ant­wor­tung liegt bei den ein­zel­nen Mit­glied­staa­ten, bei den Re­gie­ren­den, letzt­lich bei den Bür­gern. Der Mehr­wert der EU muss er­kenn­bar sein. Nur dann hat sie Zu­kunft.

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