Am Herd

BRANDHEISS UND HÖCHST PER­SÖN­LICH

Die Presse am Sonntag - - Leben - VO N BET­TI­NA ST­EI­NER

Die Kin­der in ih­rem Kum­mer: Wenn ein Drei­jäh­ri­ges weint, scheint dar­in al­les Elend die­ser Welt zu lie­gen. Und spä­ter?

Schwer zu sa­gen, wie alt er war. 14? Oder doch eher 17? So groß und noch ein Bu­ben­ge­sicht, rie­si­ge Fü­ße und den Blick stän­dig auf den Bo­den ge­rich­tet, als er die Büh­ne er­klomm. Er spiel­te Kla­vier und al­le horch­ten zu­min­dest kurz auf, denn das war sehr sanft und sehr klar und hat­te gar nichts von dem Mecha­ni­schen, das man so von Klas­sen­a­ben­den kennt.

Aber dann patz­te er. Und noch ein­mal. Ein drit­tes Mal, und als am En­de al­le klatsch­ten, lang und warm, wuss­te wohl kei­ner, ob er zum Trost ap­plau­dier­te oder aus Be­geis­te­rung, ich auch nicht. Der Bub aber, denn für mich war es ei­ner, auch wenn er 17 sein soll­te, staks­te zu­rück zu sei­nem Platz in der ers­ten Rei­he, sein Va­ter warf ihm ei­nen auf­mun­tern­den Blick zu, aber das half nicht, nichts konn­te jetzt hel­fen, und dar­um warf er mit ei­ner schnel­len Hand­be­we­gung die No­ten vor sich auf den Bo­den. Nicht, dass er sie rich­tig hin­ge­schmis­sen hät­te. Es war eher ei­ne Mi­schung aus Wer­fen und Le­gen. Sein Kum­mer war lei­se und er war deut­lich.

Die Kin­der und ihr Kum­mer! Wenn sie klein sind, scheint in ih­rem Wei­nen das gan­ze Elend die­ser Welt zu lie­gen, und ir­gend­wie ist dem ja auch so. Was weiß der Ein­jäh­ri­ge, dass das Meer die Ma­ma nicht ver­schluckt, wie soll der Zwei­jäh­ri­ge ah­nen, dass ihm Wert­vol­le­res ab­han­den­kom­men wird als der Plüsch­pa­pa­gei mit dem feh­len­den Au­ge. Lau­ter Qu­el­len des Un­glücks: ein zer­platz­ter Luft­bal­lon. Ei­ne Ku­gel Eis, die von der Tü­te rutscht. Ei­ne Sem­mel, die nicht mehr heil ist, weil sie je­mand an­ge­bis­sen hat. Die Ord­nung ist ge­stört, das Uni­ver­sum im­plo­diert, so hört sich das Wei­nen von klei­nen Kin­dern an. Über­all Luft­bal­lons. Spä­ter ler­nen sie, hof­fent­lich, dass die Ka­ta­stro­phe aus­bleibt. Dass beim Früh­stück je­mand von ih­rer Sem­mel ab­bei­ßen kann, und gar nichts pas­siert. Luft­bal­lons gibt es bei je­dem Zelt­fest, sie wer­den ein an­de­res Ku­schel­tier lieb ge­win­nen und den Pa­pa­gei ver­ges­sen, je­den­falls fast. Wenn wir er­wach­sen wer­den, ler­nen wir, was das ist: Zeit. Was das heißt, wenn je­mand sagt: Es wird al­les gut. Dass man aus­ge­knockt sein kann und im­mer noch da ist. Und selbst wenn der Kum­mer groß ist, so groß wie da­mals, ja, noch grö­ßer, zu­min­dest glau­ben wir das, dann ler­nen wir, ihn zu be­herr­schen. We­nigs­tens so, dass man uns nichts an­merkt, und das ist ja auch gut so, für uns selbst und die an­de­ren.

Aber manch­mal klappt das nicht, manch­mal bricht der Kum­mer doch her­aus, und wenn man das sieht, möch­te man hin­ge­hen, und man möch­te sa­gen, dass es vor­bei­geht, dass er in ein paar Jah­ren dar­über wird la­chen kön­nen, dass das nicht so wich­tig ist. Aber wir sa­gen nichts.

Denn er wird uns nicht glau­ben. Und viel­leicht stimmt es ja auch gar nicht.

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