FAK­TEN

Die Presse am Sonntag - - Globus -

2016 lag die Par­tei vor­an. Auch der Rück­tritt von Pre­mier Sig­mun­dur Gunn­laugs­son im April im Zu­ge der Pa­na­ma-Pa­pers zählt da­zu. Aus­ge­rech­net je­ner Mann, der ver­spro­chen hat, die Is­län­der vor aus­län­di­schen Gläu­bi­gern zu schüt­zen, hat sein Geld auf den bri­ti­schen Jung­fern­in­seln ge­parkt. De­kla­riert hat er dies nie. Ar­beits­ethos. Die Men­ta­li­tät der Is­län­der könn­te die Er­ho­lung von der Kri­se be­schleu­ni­gen. Der re­nom­mier­te is­län­di­sche So­zio­lo­ge Ste­fa´n O´lafs­son schreibt sei­nen Lands­leu­ten, ba­sie­rend auf Um­fra­gen seit den 1970er-Jah­ren, glei­cher­ma­ßen skan­di­na­vi­sche wie ame­ri­ka­ni­sche Zü­ge zu. Is­län­der ha­ben ein ho­hes Ar­beits­ethos, Au­to­ri­tä­ten sind ih­nen we­ni­ger wich­tig. Sie ori­en­tie­ren sich am Hier und Jetzt, nicht not­wen­di­ger­wei­se an der Ver­gan­gen­heit.

Mit 330.000

Ein­woh­nern hat Is­land nur we­nig mehr als Graz. In der Haupt­stadt Rey­jav´ık wohnt mehr als ein Drit­tel der Be­völ­ke­rung: über 120.000 Men­schen.

Mit 103.000

Qua­drat­ki­lo­me­tern ist Is­land nach Groß­bri­tan­ni­en der zweit­größ­te In­sel­staat Eu­ro­pas. Ös­ter­reichs Flä­che ist mit rund 83.000 Qua­drat­ki­lo­me­tern deut­lich klei­ner.

1,26 Mil­lio­nen

Tou­ris­ten ha­ben im ver­gan­ge­nen Jahr die In­sel be­sucht – es war das drit­te Re­kord­jahr in Fol­ge. Heu­er er­war­tet Is­land ein wei­te­res Hoch: 1,34 Mil­lio­nen Tou­ris­ten sol­len das Land be­su­chen. Als zen­tral im is­län­di­schen Wer­te­sys­tem gel­ten aber Gleich­be­rech­ti­gung – zwi­schen Ge­schlech­tern wie Ge­sell­schafts­schich­ten – und Selbst­be­stim­mung. Ähn­lich wich­tig ist Letz­te­re im glo­ba­len Ver­gleich nur Ame­ri­ka­nern, Aus­tra­li­ern und Bri­ten, wo­mit sich Is­land von an­de­ren skan­di­na­vi­schen Län­dern un­ter­schei­det. Die po­li­ti­sche Lin­ke ist eher frag­men­tiert, bei Wah­len sind tra­di­tio­nell Par­tei­en der Mit­te und rechts da­von er­folg­reich. Si­gur­dur Jo-´ hanns­son, der neue Pre­mier, ist Mit­glied der land­wirt­schaft­lich ori­en­tier­ten Fort­schritts­par­tei. Die li­be­ral-kon­ser­va­ti­ve Un­ab­hän­gig­keits­par­tei fuhr nach der Fi­nanz­kri­se her­be Ver­lus­te ein. Ge­spür für In­no­va­ti­on. Ei­ne Art Fisch­fang­men­ta­li­tät – al­so die Neu­ori­en­tie­rung am Er­trag je­des Ta­ges – lässt sich auch an ei­nem Bei­spiel aus der Tou­ris­mus­po­li­tik de­mons­trie­ren. So schreibt et­wa der So­zio­lo­ge Gun­nar Jo­han­nes-´ son, dass Tou­ris­mus erst als wirt­schaft­li­che Kraft ak­zep­tiert wur­de, als der Chef des Tou­ris­mus­ver­ban­des den Wert von Tou­ris­ten für Is­land öf­fent­lich mit dem von Ka­bel­jau ver­glich, und für ei­nen Aus­bau des Flug­ver­kehrs plä­dier­te. Flug­zeu­ge – die neu­en Fisch­kut­ter so­zu­sa­gen, die nun ei­ne an­de­re Sor­te von Le­be­we­sen an Land zie­hen soll­ten. Das hat ge­klappt. Der Ver­gleich er­scheint au­ßer­halb Is­lands frei­lich et­was plump, aber die Nä­he zum Hand­fes­ten, zur Na­tur, in der Spra­che wie Kul­tur, führt er doch vor Au­gen.

Doch es wür­de der Viel­falt Is­lands nicht ge­recht wer­den, das Land auf tra­di­tio­nel­le For­men der Wert­schöp­fung – Ka­bel­jau, Alu­mi­ni­um, Tou­ris­mus – zu re­du­zie­ren. Es ist der Blick fürs Neue, ein Ge­spür für In­no­va­ti­on, der die Is­län­der eben­so aus­macht. High­speed-In­ter­net et­wa war in Is­land frü­her als im Rest Eu­ro­pas die Norm. Da­ten­zen­tren sind we­gen der bil­li­gen, sau­be­ren Strom­er­zeu­gung ein an­de­rer Zu­kunfts­markt. Der dä­ni­sche Wet­ter­dienst gab 2015 be­kannt, sein Da­ten­zen­trum nach Is­land zu ver­la­gern.

Ein an­de­res Bei­spiel: Im Rah­men des Carb-Fix-Pro­jekts im Süd­wes­ten der In­sel wird Koh­len­di­oxid un­ter ho­hem Druck ins dar­un­ter ge­le­ge­ne Bas­alt­ge­stein ge­pumpt. Der Ener­gie­ver­sor­ger Reyk­jav´ık Ener­gy hat früh er­kannt, dass Tech­no­lo­gie zur CO2-Ab­schei­dung und Spei­che­rung (Car­bon Cap­tu­re and Sto­r­a­ge, CCS) sich im Rah­men strin­gen­te­rer Kli­ma­schutz­ge­set­ze zum Ex- oder viel­mehr Im­port­schla­ger ent­wi­ckeln könn­te. Funk­tio­niert die Spei­che­rung, könn­te sich Is­land als CO2-La­ger po­si­tio­nie­ren. Im Ju­ni wies das is­län­disch-ame­ri­ka­ni­sche Carb-Fix-Team nach, dass nach zwei Jah­ren (schnel­ler als er­war­tet) 95 Pro­zent des CO2 voll­stän­dig mi­ne­ra­li­siert wur­de. Vor­erst ist es nur ein Pi­lot­pro­jekt, aber die Er­geb­nis­se sind schon jetzt ein Mei­len­stein in der Wei­ter­ent­wick­lung des um­strit­te­nen CCS.

Auch in der Kunst gilt Is­land als in­no­va­tiv: So­wohl die Band Si­gur Ros´ als auch die Sän­ge­rin Björk zähl­ten lan­ge Zeit zur Pop- und Rock-Avant­gar­de. Der dä­nisch-is­län­di­sche Künst­ler Olaf­ur Eli­as­son, der durch Licht­in­stal­la­tio­nen be­kannt wur­de, ist heu­te ein Welt­star. Ge­ra­de hat er ei­nen gi­gan­ti­schen Was­ser­fall im Schloss­park von Ver­sailles er­rich­tet. Manch­mal führt das Neu­ar­ti­ge auch zu­rück zur Tra­di­ti­on: Hall­dor´ Lax­ness wur­de auch da­für mit dem Li­te­ra­tur­no­bel­preis ge­ehrt, der is­län­di­schen Sa­ga­li­te­ra­tur ei­ne mo­der­ne, le­ben­di­ge Spra­che ver­lie­hen zu ha­ben. Sprach­t­ra­di­ti­on wird bis heu­te hoch ge­hal­ten. So heißt et­wa Com­pu­ter töl­va, was sich aus Zah­len und He­xe zu­sam­men­setzt. Ganz ge­heu­er schei­nen den Is­län­dern Com­pu­ter nicht ge­we­sen zu sein.

Ob die Is­län­der bei der Fuß­ball-EM heu­te ge­gen Frank­reich ge­win­nen, ist ne­ben­säch­lich. Al­lein dass das Team so weit kam, ist für sie Grund zum Fei­ern. „Work hard, play hard“ist zwar ein Mot­to der USA, aber so weit ist es dort­hin schließ­lich nicht – we­der kul­tu­rell noch geo­gra­fisch.

Auch der Blick fürs Neue und ein Ge­spür für In­no­va­ti­on ma­chen die Is­län­der aus.

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