»Ich war wie aus dem Le­ben ge­schos­sen«

Die Presse am Sonntag - - Österreich - VON CHRIS­TI­NE IM­LIN­GER

Vor fünf Jah­ren wur­de Man­fred Was­se­rer im Ein­satz an­ge­schos­sen. Sein Kol­le­ge starb nach die­sem Ein­satz, er über­leb­te nur, weil sein Funk­ge­rät in der Brust­ta­sche ei­ne Ku­gel ab­fing. Seit­her ist nichts wie zu­vor: ein Jahr Kran­ken­stand, De­pres­sio­nen, Schei­dung und Schuld­ge­füh­le, die trotz al­ler The­ra­pi­en blie­ben. Für Man­fred Was­se­rer ist der 11. Fe­bru­ar 2011 je­ner Tag, der al­les ver­än­dert hat. Ein Nul­lacht­fünf­zehn-Ein­satz: Wie vie­le Ma­le zu­vor läuft in Hir­ten­berg, Be­zirk Ba­den, die Su­che nach ei­nem Ab­gän­gi­gen, der ei­ne kur­ze Haft­stra­fe hät­ten an­tre­ten sol­len und des­sen Frau be­fürch­tet, er wol­le sich um­brin­gen. Die Waf­fe des Man­nes ist im Haus si­cher­ge­stellt wor­den, es gibt kei­nen Hin­weis, dass er be­waff­net sein könn­te.

Andre­as Has­ler und Man­fred Was­se­rer tref­fen im Wald ei­nen Mann, der der Ge­such­te sein könn­te, der gibt fal­sche Da­ten an, plau­dert mit den Po­li­zis­ten, scherzt, sagt, beim Wan­dern ha­be er kei­nen Aus­weis da­bei. Dass er sei­ne Hän­de wäh­rend des Ge­sprächs nicht aus der Ta­sche sei­nes Pull­overs nimmt, kommt den Be­am­ten ko­misch vor, sie bit­ten ihn, zum Au­to mit­zu­kom­men.

Dann geht es schnell. Was­se­rer sagt, er hät­te noch ei­nen schwar­zen Ge­gen­stand wahr­ge­nom­men, dann schießt der Mann vier­mal auf ihn, zwei­mal trifft er ihn, ein Schuss geht durch den Ober­kör­per, Lun­gen­streif­schuss, der zwei­te prallt am Funk­ge­rät in sei­ner Brust­ta­sche ab, bleibt im Ak­ku ste­cken. Der Po­li­zist ge­riet 2011 un­ter Be­schuss. Sein Kol­le­ge stŻrb nŻch ©ie­sem Ein­sŻtz. Vier Schuss auf sei­nen jun­gen Kol­le­gen, vier Tref­fer. Die Schreie sei­nes Kol­le­gen, sagt Was­se­rer, hat er heu­te noch in den Oh­ren. Auf dem Wald­bo­den lie­gend schießt er auf den Tä­ter, „er schoss im­mer wei­ter, war da­bei völ­lig ent­spannt und lach­te.“Spä­ter stellt sich her­aus, der Mann hat­te zwei Ma­ga­zi­ne mit 30 Schüs­sen da­bei – die Waf­fe hat­te er erst ge­kauft und nicht re­gis­triert. Das lässt ver­mu­ten, dass der Mann ei­nen „Sui­zid durch Po­li­zis­ten“ge­plant hat­te.

Gut 40 Mi­nu­ten dau­ert es, bis Ver­stär­kung kommt. Die Funk­ge­rä­te sind zer­schos­sen, mit dem Han­dy kann Was­se­rer die Kol­le­gen ru­fen, bis sie den Tat­ort fin­den, dau­ert es. Am Tag dar­auf ver­stirbt Andre­as Has­ler im Spi­tal. Auch Was­se­rer liegt lang im Spi­tal. Ein Jahr ist er im Kran­ken­stand, der Fall wird von der Co­bra und von Kol­le­gen aus dem Bur­gen­land ana­ly­siert, die Staats­an­walt­schaft er­mit­telt we­gen sei­ner Schüs­se. „Bei al­len Un­ter­su­chun­gen ist her­aus­ge­kom­men, dass es sich um rei­ne Not­wehr ge­han­delt hat“, sagt er.

Trotz­dem wird er mit dem Ge­sche­hen nicht fer­tig. Der Tod sei­nes 26-jäh­ri­gen Kol­le­gen, für den er sich als der Äl­te­re ver­ant­wort­lich fühl­te, die Schüs­se auf ihn, da­mit, selbst ge­schos­sen zu ha­ben. Der Will­kür des Tä­ters.

„Ich war wie aus dem Le­ben ge­schos­sen“, sagt er. „In den ers­ten Wo­chen da­nach ist es ein Hy­pe, aber nach ei­nem Mo­nat ist es für al­le an­de­ren vor­bei.“Für ihn ist es das bis heu­te nicht. „Die Psych­ia­ter ha­ben mir ein schwe­res Trau­ma at­tes­tiert. Das, was ge­sche­hen ist, wer­de ich mein Le­ben lang nicht los­wer­den.“In der ers­ten Zeit nimmt er schwe­re Psy­cho­phar­ma­ka und Schlaf­mit­tel, in psy­cho­lo­gi­scher Be­treu­ung ist er nach wie vor. „Ich brau­che je­man­den, mit dem ich re­gel­mä­ßig dar­über re­den kann.“Die Ver­ant­wor­tung ge­gen­über sei­nem Kol­le­gen, die Schuld­ge­füh­le. „Man lebt mit der Schuld, auch wenn es kei­ne Schuld gibt.“Schub­wei­se kom­me das im­mer wie­der auf. Mit Au­ßen­ste­hen­den zu re­den wird schwie­ri- ger. „Nach drei Mo­na­ten woll­te mei­ne Ex­frau nichts mehr da­von hö­ren, sie konn­te nicht da­mit um­ge­hen“. Nach 17 Jah­ren Ehe mit zwei Kin­dern kommt es zur Schei­dung. Was­se­rer zieht zu­rück nach Kärn­ten. Auch um ab­zu­schlie­ßen, den Ge­denk­stein mit dem Bild des er­mor­de­ten Kol­le­gen, der vor der In­spek­ti­on in Bad Vös­lau steht, täg­lich zu se­hen hat er nicht mehr aus­ge­hal­ten.

Bei Nachrich­ten wie je­ner vom jüngs­ten Po­li­zis­ten­mord „kommt al­les wie­der hoch“. Alb­träu­me, Schlaf­lo­sig­keit, in der Nacht hö­re er die Schreie sei­nes Kol­le­gen wie­der. „Dar­über zu re­den ist schwie­rig. Man will nie­man­dem zur Last fal­len, nicht der Schwa­che sein und denkt sich: Ich bin ein Po­li­zist, für so et­was gibt es Ge­fah­ren­zu­la­ge.“Aber dann kom­me in der Nacht al­les hoch.

Bei der Po­li­zei ist er trotz al­lem ge­blie­ben, auch im Au­ßen­dienst. „Ich bin das ein­fach. Wenn du Po­li­zist bist, bist du Po­li­zist.“Aber er ist vor­sich­ti­ger, ach­tet stets dar­auf, wo er in De­ckung ge­hen könn­te. For­dert je­den Un­schein­ba­ren auf, die Hän­de aus den Ta­schen zu neh­men, wenn er mit ihm spricht: „Das Er­eig­nis ist im­mer da­bei.“

»Das Er­eig­nis von da­mals ist im­mer da­bei. So et­was geht nie weg, das be­glei­tet dich.«

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