Am Herd

BRANDHEISS UND HÖCHST PER­SÖN­LICH

Die Presse am Sonntag - - Leben - VO N BETTINA ST­EI­NER

Es war ein Feh­ler, ein schreck­li­cher Feh­ler. Aber es ist al­les noch ein­mal gut ge­gan­gen. Und was jetzt? Wie hoch soll, wie hoch darf die Stra­fe sein?

Man kann es sich schwer vor­stel­len: Wie da mehr als 80 Volks­schul­kin­der, be­glei­tet von vier Leh­rern, be­glei­tet von meh­re­ren El­tern, die Bahn­glei­se über­quer­ten. Un­ter den schon her­ab­ge­las­se­nen Schran­ken durch­schlüpf­ten. Von je­nen durch­ge­winkt wur­den, die auf sie auf­pas­sen soll­ten. Da die Schnell­bahn nach Wi­en ja nicht war­tet. Da sie nicht zu spät kom­men woll­ten. Kurz dar­auf braus­te ein Zug vor­bei. Was da hät­te ge­sche­hen kön­nen! Aber dar­an den­ken wir jetzt nicht, das wol­len wir uns nicht aus­ma­len, und es ist auch nicht pas­siert. Die Kin­der, sie la­gen an die­sem Som­mer­abend wie­der wohl­be­hal­ten in ih­ren Bet­ten, sie krieg­ten ver­mut­lich nicht ein­mal ei­nen Schreck, aber dass nichts ge­schah, be­deu­tet nicht, dass nichts ge­sche­hen wird. Drei der Leh­re­rin­nen, er­klär­te der Stadt­schul­rat, wer­den ent­las­sen. Ei­ne vier­te, die prag­ma­ti­siert ist, ver­mut­lich auch. „Schwer­wie­gen­de Di­enst­pflicht­ver­let­zung“heißt das, was man ih­nen vor­wirft. Es war ein grau­en­haf­ter Feh­ler! Aber nie­mand ist zu Scha­den ge­kom­men! Das pas­siert ga­ran­tiert nie wie­der! So et­was darf aber gar nicht erst pas­sie­ren! Sie ha­ben es nicht mit Ab­sicht ge­macht! Aber sie wa­ren ver­ant­wort­lich! Es stimmt, sie wa­ren ver­ant­wort­lich. Und wenn Volks­schü­ler in der Nä­he sind, er­war­ten wir so­gar von un­be­tei­lig­ten Er­wach­se­nen, dass sie sich im Stra­ßen­ver­kehr vor­bild­lich ver­hal­ten, dass sie et­wa bei Rot ste­hen blei­ben, auch wenn weit und breit kein Au­to zu se­hen ist. Es ist un­ver­zeih­lich. Aber doch. Nie­mand denkt nach. Ich stel­le mir vor, vier Leh­re­rin­nen und meh­re­re Dut­zend Kin­der, da­zu noch ein paar El­tern. Stress. Ich stel­le mir vor: Die letz­te Schul­wo­che. Man ist zu spät dran. Es gibt Di­rek­ti­ven, dass der Schul­aus­flug nicht län­ger als fünf St­un­den dau­ern darf. Man will kei­nen Feh­ler ma­chen und macht des­halb erst recht al­les falsch: Ei­ner macht ei­nen Vor­schlag, viel­leicht ei­ner, dem man ver­traut, der bis jetzt im­mer ver­nünf­ti­ge Vor­schlä­ge ge­macht hat. Die­ser ei­ne hat nicht nach­ge­dacht, man selbst denkt auch nicht nach, nie­mand denkt nach.

Wie es ih­nen jetzt wohl geht, den Leh­re­rin­nen? Ob sie je­mals wie­der ei­nen Job fin­den wer­den? Ob sie je­mals wie­der ei­nen Job fin­den wol­len, in dem sie für an­de­re Ver­ant­wor­tung tra­gen? Für Kin­der? Und ob die El­tern, die nun eben­falls mit ei­ner An­kla­ge zu rech­nen ha­ben, we­gen „fahr­läs­si­ger Ge­mein­ge­fähr­dung“näm­lich, wie­der ei­nen Schul­aus­flug be­glei­ten wer­den?

Es war ein wirk­lich un­glaub­li­cher Feh­ler.

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