Und nun wie­der ein we­nig Di­plo­ma­tie!

Kanz­ler Kern und Au­ßen­mi­nis­ter Kurz ha­ben recht, in der Tür­kei-Fra­ge Kl­ar­text zu spre­chen. Und den­noch soll­te man mit den Ver­tre­tern der Tür­kei im Ge­spräch blei­ben.

Die Presse am Sonntag - - Seit - LEIT­AR­TI­KEL VON R A I N E R N OWA K

Die für ih­ren sub­ti­len Hu­mor be­rüch­tig­te „Bild“-Zei­tung ver­kün­det den Be­ginn ei­ner Ära: Die K&K-Zeit sei wie­der da. Ös­ter­reichs Bun­des­kanz­ler, Chris­ti­an Kern, und Au­ßen­mi­nis­ter Se­bas­ti­an Kurz, sonst nicht gera­de ein Herz und ei­ne See­le, wer­den für ihr „Tür­ken-Ba­shing“kri­ti­siert, wie es die Bou­le­vard-Zei­tung for­mu­liert. Die bei­den Her­ren aus Wien wür­den gera­de die EU „auf­mi­schen“, heißt es wei­ter.

Nun, das ist dann wohl et­was zu viel der Eh­re. Bei­de Po­li­ti­ker ha­ben nur das for­mu­liert, was sich Po­li­tik sel­ten traut: die Wahr­heit. Die Tür­kei, al­so das post­put­schis­ti­sche au­to­ri­tä­re Re­gime des Re­cep Tay­yip Er­do­gan,˘ kann nicht Mit­glied der Eu­ro­päi­schen Uni­on wer­den. Da­her muss man nicht wei­ter ver­han­deln. Das wis­sen auch An­ge­la Mer­kel und Je­an-Clau­de Juncker. Aber auf­grund des Kuh­han­dels mit der Tür­kei (Über­nah­me der Flücht­lin­ge ge­gen Geld) wird dies ein­fach ge­leug­net.

So wird das lei­der nichts mit ei­nem star­ken Eu­ro­pa. Der De­al ist von­sei­ten An­ka­ras leicht auf­künd­bar, ei­nen Plan B gibt es nicht. Viel­leicht nen­nen wir das gu­te al­te Gei­sel­neh­mer­phä­no­men in Zu­kunft An­ka­ra-Syn­drom statt Stock­holm. . . Uni­on um­bau­en. Al­ler­dings wä­re es auch ei­ne gu­te Idee, bei Wort­wahl und Laut­stär­ke nun wie­der ein we­nig ab­zu­rüs­ten. Di­plo­ma­tie war für den Kle­in­staat Ös­ter­reich und sei­ne da­zu pas­sen­den Po­li­ti­ker ei­gent­lich im­mer ei­ne ganz gu­te Übung. Das be­ginnt bei den Um­gangs­for­men und en­det bei ver­wen­de­ten Be­grif­fen. Soll al­so kon­kret hei­ßen: Die EU soll­te die lau­fen­den Ver­hand­lun­gen mit der Tür­kei aus­set­zen (je nach Be­darf und Ge­schmack: ein­frie­ren, un­ter­bre­chen, pau­sie­ren). Viel­leicht ge­schieht noch ein Wun­der, und Er­do­gan˘ wagt die Rol­le rück­wärts in Rich­tung ech­ter De­mo­kra­tie und Mei­nungs­frei­heit.

Bis es aber so weit ist, muss Eu­ro­pa – al­so et­wa Juncker und Mer­kel – in ei­nem ent­schei­den­den Punkt die Stra­te­gie än­dern. Brüs­sel muss in Zu­kunft ei­ne völ­lig neue Uni­on bau­en, in der es ganz un­ter­schied­li­che Ge­schwin­dig­kei­ten ge­ben darf und soll: von ei­nem har­ten Kern mit glei­cher Fi­nanz- und So­zi­al­po­li­tik bis hin zu ei­ner Pe­ri­phe­rie, in der es bi­la­te­ra­le Ko­ope­ra­tio­nen mit Staa­ten wie Groß­bri­tan­ni­en, der Schweiz – und eben der Tür­kei ge­ben kann. Mit­glie­der sind das kei­ne mehr, ech­te Part­ner kön­nen es aber durch­aus sein. Mut statt Starr­sinn. Ei­ne der­ar­ti­ge mehr­schich­ti­ge EU wä­re auch ei­ne gu­te und sinn­vol­le Ant­wort auf die Er­fol­ge der Rechts­po­pu­lis­ten: Wenn Län­der be­zie­hungs­wei­se ih­re Wäh­ler wirk­lich be­schlie­ßen, der Uni­on den Rü­cken zu keh­ren, kön­nen sie vor­erst in das Vor­zim­mer (oder in den War­te­saal) ge­hen, oh­ne gleich al­le Brü­cken ab­zu­bre­chen.

Für EU-Dog­ma­ti­ker, die nur drin­nen oder drau­ßen ken­nen, ist dies der­zeit zwar of­fen­bar noch un­vor­stell­bar, aber das war ein Br­ex­it für vie­le vor ei­ni­gen Mo­na­ten auch noch. Solch ei­ne po­li­ti­sche Fle­xi­bi­li­sie­rung Eu­ro­pas setz­te ech­ten Mut für Ve­rän­de­rung und Prag­ma­tis­mus an der Spit­ze Eu­ro­pas vor­aus. Dort re­giert aber lei­der der Starr­sinn.

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