»EU soll­te Tür­kei-För­de­run­gen strei­chen«

Eva Gla­wi­sch­nig hat kein Ver­ständ­nis für die Er­do˘gan-Fans in Ös­ter­reich. Man kön­ne sie aber nicht ein­fach des Lan­des ver­wei­sen. Die Bei­tritts­ver­hand­lun­gen mit der Tür­kei soll­ten ge­stoppt wer­den. Doch das geht der Grü­nen-Che­fin nicht weit ge­nug.

Die Presse am Sonntag - - Inland - VON THO­MAS PRI­OR

Hat die jüngs­te Ter­ror­se­rie in Eu­ro­pa Ih­re Hal­tung in der Flücht­lings­po­li­tik ver­än­dert? Eva Gla­wi­sch­nig: Mich hat die Ter­ror­se­rie wahn­sin­nig er­schüt­tert, die­se Wahl­lo­sig­keit der Zie­le. Man muss nach­den­ken, wie man die Si­cher­heit er­hö­hen kann, aber man darf nicht ei­ne gan­ze Grup­pe un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht stel­len. Wie könn­te man die Si­cher­heit er­hö­hen? Es ist auf eu­ro­päi­scher Ebe­ne schon noch ei­ni­ges zu ver­bes­sern. Ei­ne bes­se­re Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen Po­li­zei, Jus­tiz und Ge­heim­diens­ten könn­te ei­ne Spur mehr Si­cher­heit brin­gen. Al­ler­dings: Ei­ne hun­dert­pro­zen­tig si­che­re Ge­sell­schaft gibt es nicht. Das ist die bit­te­re Wahr­heit. Ha­ben Sie Angst? Nein. Es ist nur zu­tiefst er­schre­ckend, sich vor­zu­stel­len, dass das in Eu­ro­pa je­der­zeit pas­sie­ren kann. Aber ich per­sön­lich füh­le mich ei­gent­lich si­cher. An der li­be­ra­len Li­nie der Grü­nen in der Flücht­lings­po­li­tik wird sich auf­grund der Ter­ror­an­schlä­ge al­so nichts än­dern. Selbst ab­ge­schot­te­te Län­der wie die USA sind nicht ge­feit vor ter­ro­ris­ti­schen Atta­cken. „Gren­zen dicht“wird den Ter­ror nicht ver­hin­dern kön­nen – auch das ist die Wahr­heit. Wo­bei der ra­di­ka­le Is­lam nicht das ein­zi­ge Pro­blem ist. Vie­le Flücht­lin­ge brin­gen ein sehr pro­ble­ma­ti­sches Frau­en­bild ins Land. Wie soll man dem be­geg­nen? Da muss man höchst vor­sich­tig sein. Na­tür­lich sind wir in Ös­ter­reich auch noch nicht hun­dert­pro­zen­tig in der Gleich­be­rech­ti­gung an­ge­kom­men – das muss man da­zu­sa­gen. Aber hier ei­nen Schritt zu­rück­zu­ma­chen wä­re fa­tal. Was schla­gen Sie vor? In ei­nem acht­stün­di­gen Wer­te­kurs wird man den Flücht­lin­gen kein neu­es Frau­en­bild ver­mit­teln kön­nen. Ich glau­be, das funk­tio­niert nur über In­te­gra­ti­on. Al­so wenn man er­lebt, dass Frau­en in Ös­ter­reich selbst­stän­dig sind und ge­nau­so ih­re Leis­tung in die Ge­sell­schaft ein­brin­gen. Und man muss Gren­zen auf­zei­gen, wo sie über­schrit­ten wer­den. Wie geht es Ih­nen mit den tür­kisch­stäm­mi­gen Ös­ter­rei­chern, die in Wien für Prä­si­dent Er­do˘gan und die AKP de­mons­trie­ren? Es ge­fällt mir kei­nes­falls. In al­ler Deut­lich­keit ei­ne Bot­schaft an die­se Grup­pe: Ihr nehmt hier Rech­te wie Mei­nungs­und Ver­samm­lungs­frei­heit in An­spruch, die Er­do­gan˘ je­nen, die po­li­tisch nicht sei­ner Mei­nung sind, ver­wei­gert. Er geht so­gar so weit, kri­ti­sche Jour­na­lis­ten zu in­haf­tie­ren. Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal be­rich­tet auch über Fol­ter. Ein ehe­ma­li­ger Bun­des­rat der Grü­nen, Ef­ga­ni Dön­mez, hat schon vor Jah­ren da­vor ge­warnt, dass tür­ki­sche Kon­flik­te nach Ös­ter­reich im­por­tiert wer­den könn­ten. Der Par­tei­füh­rung hat das nicht ge­fal­len. Müs­sen Sie ihm im Nach­hin­ein nicht recht ge­ben? Es muss in Ös­ter­reich mög­lich sein, ge­gen oder für ein Re­gime auf die Stra­ße zu ge­hen, ge­gen oder für Pu­tin, ge­gen oder für Sau­dia­ra­bi­en. Man muss zu ei­nem be­stimm­ten tür­ki­schen Fuß­ball­klub hal­ten dür­fen. Was auch im­mer. Das ist im Rah­men un­se­rer frei­en Ge­sell­schaft mög­lich. Und es gibt sehr vie­le in­te­grier­te und in der Ge­sell­schaft mit­wir­ken­de Aus­tro-Tür­ken. Zu de­nen kann man auch Dön­mez zäh­len. Er ist in Ungna­de ge­fal­len, weil er ein One-WayTi­cket für Er­do˘gan-An­hän­ger ge­for­dert hat. Er ist nicht in Ungna­de ge­fal­len, son­dern in Ober­ös­ter­reich nicht mehr ge­wählt wor­den. Sei­ne da­ma­li­gen Aus­sa­gen wa­ren of­fen­sicht­lich emo­tio­nal. Ich glau­be nur, dass man auf Ba­sis von Emo­tio­nen und Angst kei­ne po­li­ti­schen Ent­schei­dun­gen tref­fen soll­te. Und man muss im­mer da­zu­sa­gen, dass vie­le Ein­wan­de­rer in Ös­ter­reich zu un­se­rem Wohl­stand bei­ge­tra­gen ha­ben. Wie man Flücht­lin­gen ein mo­der­nes Frau­en­bild ver­mit­teln kön­ne? „Nicht in acht St­un­den Wer­te­kurs.“ Das wird nie­mand be­strei­ten. Aber vie­le fra­gen sich wie Dön­mez, war­um die ös­ter­rei­chi­schen Er­do˘gan-Fans nicht in der Tür­kei le­ben, wenn Er­do˘gan an­geb­lich so toll ist. Die Fra­ge kann man durch­aus stel­len, und viel­leicht gibt es auch den ei­nen oder die an­de­re, der oder die so be­geis­tert ist von die­ser Po­li­tik, dass er oder sie ei­ne Rück­kehr in die Tür­kei er­wägt. Aber man kann die Men­schen nicht ein­fach hin­aus­schmei­ßen. One-Way-Ti­ckets sind kei­ne po­li­ti­sche Op­ti­on. Glau­ben Sie, dass von ei­ni­gen in die­ser Grup­pe Ge­fahr aus­geht, vor al­lem für an­ders­den­ken­de Tür­ken in Ös­ter­reich? Ei­nes ist klar: Es gibt ei­ne ro­te Li­nie, und die heißt Ge­walt. Und das, was da am Wo­che­n­en­de pas­siert ist (tür­ki­sche Na­tio­na­lis­ten ha­ben auf ei­ner Ver­an­stal­tung in Wien, die sie für ei­ne kur­di­sche ge­hal­ten ha­ben, ran­da­liert, Anm.), ist ab­so­lut in­ak­zep­ta­bel und mit der vol­len Här­te des Straf­rechts zu ahn­den. Der grü­ne Si­cher­heits­spre­cher, Pe­ter Pilz, glaubt, dass die tür­ki­schen Ver­ei­ne in Ös­ter­reich nicht ge­nau ge­nug be­ob­ach­tet wer­den. Vie­le ha­ben sich of­fen­bar hin­ter die Füh­rung in An­ka­ra ge­stellt. Ich ge­he da­von aus, dass der Ver­fas­sungs­schutz die Din­ge im Au­ge hat. Er gibt je­des Jahr ei­nen Be­richt da­zu her­aus. Ob man das noch ge­nau­er ma­chen könn­te, kann ich nicht be­ur­tei­len. Ich bin ei­ne strik­te Geg­ne­rin von an­lass­lo­ser Mas­sen­über­wa­chung. Aber ge­ziel­tes Aus­for­schen, ge­ziel­tes Be­ob­ach­ten und Er­mit­teln – da­ge­gen ver­schlie­ße ich mich über­haupt nicht. Bun­des­kanz­ler Chris­ti­an Kern hat die EU auf­ge­for­dert, die Bei­tritts­ver­hand­lun­gen mit der Tür­kei zu stop­pen. Un­ter­stüt­zen Sie ihn? Dem schlie­ße ich mich an. Ich wür­de auch die 600 Mil­lio­nen Eu­ro, die die Eu­ro­päi­sche Uni­on jähr­lich über­weist, so­fort strei­chen. Die Tür­kei hat sich un­ter die­ser Füh­rung von der Rechts­staat­lich­keit so weit ent­fernt, dass hier ei­ne strik­te Trenn­li­nie zu Eu­ro­pa ge­zo­gen wer­den muss. Wird das Flücht­lings­ab­kom­men mit der Tür­kei hal­ten? Wir ha­ben im­mer be­fürch­tet, dass Er­do­gan˘ die­ses Ab­kom­men miss­brau­chen wird, um er­pres­se­risch vor­zu­ge­hen. Das ha­ben wir jetzt auch ge­se­hen. Wahr­schein­lich wä­re es klü­ger ge­we­sen, wenn sich die EU dar­auf ver­stän­digt hät­te, sich da nicht in ei­ne Ab­hän­gig­keit zu be­ge­ben und Re­gis­trier­zen­tren selbst zu or­ga­ni­sie­ren.

Eva Gla­wi­sch­nig

(47) ist seit 2008 Bun­des­spre­che­rin der Grü­nen. Dem Na­tio­nal­rat ge­hört sie seit 1999 an. Von Ok­to­ber 2006 bis Ok­to­ber 2008 war sie Drit­te Na­tio­nal­rats­prä­si­den­tin. Gla­wi­sch­nig stammt aus Kärn­ten, sie hat in Graz und Wien Jus stu­diert und sich in ih­rer Dis­ser­ta­ti­on dem Pro­blem der grenz­na­hen Atom­kraft­wer­ke ge­wid­met. Da­nach hat sie für die Um­welt­or­ga­ni­sa­ti­on Glo­bal 2000 ge­ar­bei­tet. Nein. Kurz spricht im We­sent­li­chen vom aus­tra­li­schen Ab­schot­tungs­mo­dell. Das hat er ja auch so be­wor­ben. Wo­bei Kurz spä­ter hin­zu­ge­fügt hat, dass Eu­ro­pa die­ses Mo­dell mensch­li­cher um­set­zen müss­te als Aus­tra­li­en. Das hof­fe ich. Man kann Flücht­lin­ge nicht ein­sper­ren oder fest­hal­ten. Sie müs­sen die Mög­lich­keit ha­ben, zu ei­nem or­dent­li­chen Asyl­ver­fah­ren zu kom­men. Un­ser Kon­zept sieht An­lauf­stel­len vor, von de­nen die Men­schen dann auf Eu­ro­pa ver­teilt wer­den. Das setzt na­tür­lich vor­aus, dass man das Du­blin-Über­ein­kom­men au­ßer Kraft setzt (dem­nach muss je­ner EU-Staat, den ein Flücht­ling zu­erst be­tre­ten hat, das Asyl­ver­fah­ren durch­füh­ren; Anm.). Wo sol­len die­se An­lauf­stel­len sein? Ent­lang der Gren­zen Eu­ro­pas. Das ist mit Si­cher­heit sinn­vol­ler, als die Flücht­lin­ge zwi­schen Grie­chen­land und der Tür­kei hin- und her­zu­schi­cken. Sie wol­len auch, dass die EU po­li­tisch ver­folg­ten Tür­ken Asyl ge­währt. Und dann wird mir un­ter­stellt, ei­ne Ein­la­dung zur Mas­sen­zu­wan­de­rung aus­zu­spre­chen. Das hat mich schon sehr ge­wun­dert. ÖVP-Klub­ob­mann Lo­pat­ka und der frei­heit­li­che EU-Ab­ge­ord­ne­te Vilims­ky glau­ben, das wür­de die EU über­for­dern und wä­re des­halb un­ver­ant­wort­lich. Da geht es um Wis­sen­schaft­ler, Leh­rer, Jour­na­lis­ten, die mit dem Putsch in der Tür­kei nichts zu tun hat­ten – klas­si­sche Fäl­le von po­li­ti­scher Ver­fol­gung. Das ist so, als wür­den in Ös­ter­reich kri­ti­sche Jour­na­lis­ten wie Ar­min Wolf oder Su­san­ne Schnabl in­haf­tiert und ge­fol­tert. Da wür­de doch kein ver­nünf­ti­ger Po­li­ti­ker sa­gen: In­ter­es­siert uns nicht. Man muss den Herrn Lo­pat­ka schon fra­gen, ob er sich nicht ko­misch fühlt, wenn er in die Kir­che geht. Fürch­ten Sie, dass der Ter­ror und die Ent­wick­lun­gen in der Tür­kei Alex­an­der Van der Bel­lens Prä­si­dent­schafts­chan­cen schmä­lern? Nein. Ich wür­de eher sa­gen, dass sich die vie­len of­fen­kun­dig ver­un­si­cher­ten Men­schen jetzt ei­nen ver­läss­li­chen und be­son­ne­nen Prä­si­den­ten wün­schen. Die­se Ei­gen­schaf­ten wer­den stär­ker be­ach­tet wer­den – im Ge­gen­satz zu ei­nem Stra­che-Ho­fer-Kurs, bei dem man dann schon se­hen wür­de, was al­les geht. In­ter­na­tio­nal sind der­zeit al­ler­dings die Rechts­po­pu­lis­ten und die Na­tio­na­lis­ten im Auf­wind. Sie­he Do­nald Trump in den USA. Sie­he Br­ex­it. Ich be­zweif­le, dass das eins zu eins auf Ös­ter­reich um­leg­bar ist. Wir sind ein klei­nes Land, und wir ha­ben ei­ne of­fe­ne Volks­wirt­schaft. Glau­ben Sie wirk­lich, dass es für Van der Bel­len die­ses Mal leich­ter wird? Na­tür­lich wird es ein her­aus­for­dern­der Herbst wer­den. Wir wer­den Van der Bel­len nach Kräf­ten un­ter­stüt­zen. Wird der ei­ne Wahl­kampf dann naht­los in den nächs­ten über­ge­hen? Al­so wir müs­sen je­den­falls da­mit rech­nen, dass die Na­tio­nal­rats­wahl schon nächs­tes Jahr und nicht erst 2018 statt­fin­det. Da­mit wir vor­be­rei­tet sind. Sind Sie mit Chris­ti­an Kern zu­frie­de­ner als mit sei­nem Vor­gän­ger, Wer­ner Fay­mann? Ich ha­be mir vor­ge­nom­men, dem neu­en Bun­des­kanz­ler ein biss­chen Zeit zu ge­ben und sein Be­mü­hen um Lö­sun­gen nicht gleich her­un­ter­zu­ma­chen. Es ist in den ver­gan­ge­nen Jah­ren viel wert­vol­le Zeit durch Still­stand ver­stri­chen. Im Herbst wird man se­hen, ob da wirk­lich Er­geb­nis­se raus­kom­men, oder ob es so wei­ter­geht wie bis­her.

Mich`ele Pau­ty

Das klingt jetzt ein biss­chen nach Au­ßen­mi­nis­ter Se­bas­ti­an Kurz, der als Al­ter­na­ti­ve zur Tür­kei Hots­pots auf grie­chi­schen In­seln ein­rich­ten will.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.