Kin­der­zim­mer Stra­ße: Al­les, nur nicht nach

Theo­re­tisch gibt es kei­ne ob­dach­lo­sen Ju­gend­li­chen, prak­tisch sind es al­lein in Wien Hun­der­te. Ein Be­such im neu­en Zu­hau­se in Parks und un­ter Brü­cken.

Die Presse am Sonntag - - Wien - VON AN­NA THAL­HAM­MER

Jan, Pau­li­na, Ka­rim, Chris­ti­na und Ra­du gibt es ei­gent­lich gar nicht. Ih­re Kin­der­zim­mer sind die Stra­ßen und Gas­sen Wi­ens, das Bett ein La­ger in Ab­bruch­häu­sern, ei­ne Bank im Park, ei­ne Ni­sche un­ter ei­ner Brü­cke oder an gu­ten Ta­gen ein sau­be­res Stock­bett in ei­ner Not­schlaf­stel­le. Sie sind min­der­jäh­rig und ob­dach­los. Wie die­se Ju­gend­li­chen auf­wach­sen, ist in Ös­ter­reich ei­gent­lich nicht mög­lich – denn ver­liert ein Kind oder ein Ju­gend­li­cher sein Zu­hau­se, springt bis zum 18. Le­bens­jahr au­to­ma­tisch der Staat ein. So ist es vor­ge­se­hen – aber eben nur theo­re­tisch.

Prak­tisch sind sie kei­ne Ein­zel­fäl­le: Laut Schät­zun­gen von Away, ei­ner Not­schlaf­stel­le der Ca­ri­tas für Ju­gend­li­che, be­fin­den sich in Wien rund 600 Ju­gend­li­che in pre­kä­ren Wohn­si­tua­tio­nen. Das heißt, dass sie zu­min­dest im­mer wie­der woh­nungs­los sind. Weil sie ein zer­rüt­te­tes Zu­hau­se ha­ben, weil sie vor Ge­walt flie­hen, weil sie auf die schie­fe Bahn kom­men oder weil sie der Ar­mut im Os­ten Eu­ro­pas ent­kom­men wol­len. Und weil in Schlüs­sel­mo­men­ten nie­mand be­merkt, wie das Le­ben die­ser Kin­der zu brö­ckeln be­ginnt. Die „Pres­se am Sonn­tag“be­such­te Wie­ner Stra­ßen­kin­der in ih­rem neu­en Zu­hau­se un­ter Brü­cken, in Parks und un­ter den Ram­pen in Skate­parks, wo sie le­ben und ih­re Nacht­la­ger auf­schla­gen. Jan (17) lebt mit Pau­li­na (15) auf der Stra­ße Be­vor Jan (17) schla­fen geht, be­tet er. Dass er mit Pau­li­na (15) ein glück­li­ches Le­ben, ei­ne ei­ge­ne Fa­mi­lie und ein be­hü­te­tes Zu­hau­se ha­ben wird. Da­bei hält er das gol­de­ne Kreuz, das er um den Hals trägt, fest zwi­schen den ge­fal­te­ten Hän­den. Es ist sein Glücks­brin­ger und war ein Ge­schenk sei­nes Va­ters – ne­ben schwin­den­den Er­in­ne­run­gen ei­nes der we­ni­gen Din­ge, die ihm aus sei­nem al­ten Le­ben ge­blie­ben sind.

Denn vor zwei Jah­ren starb sein Va­ter, nach des­sen Tod al­les an­ders wur­de. Jan kommt aus ei­ner ärm­li­chen Ge­gend in der Slo­wa­kei und ist das äl­tes­te von vier Kin­dern. Die Fa­mi­lie leb­te vom Ein­kom­men des Va­ters, der in Ös­ter­reich auf Bau­stel­len ar­bei­te­te. Er träum­te von ei­ner ei­ge­nen Bau­fir­ma, die er spä­ter ein­mal mit Jan in Wien auf­zie­hen woll­te. Dar­um brach­te er dem Bu­ben auch schon in jun­gen Jah­ren ein paar Bro­cken Deutsch bei. Er­wach­sen­wer­den. Nun ist Jan tat­säch­lich in Wien und ver­sucht, Geld zu ver­die­nen. Sei­ne Mut­ter hat­te ihn von zu Hau­se weg­ge­schickt, weil sie nicht mehr al­le Kin­der durch­brin­gen konn­te. Jan sol­le die Fa­mi­lie un­ter­stüt­zen. Er brach die Schu­le ab und ging mit 15 nach Wien, ver­such­te über Be­kann­te sei­nes Va­ters klei­ne Jobs am Bau zu be­kom­men. Als die Po­li­zei ei­nes Ta­ges kon­trol­lier­te, weil der Ju­gend­li­che auch im­mer wie­der auf der Bau­stel­le schlief und dies An­rai­nern auf­fiel, war Schluss da­mit. „Mir hat nie­mand mehr et­was zu ar­bei­ten ge­ge­ben, ich war­te dau­ernd dar­auf, end­lich 18 zu wer­den, dann be­kom­me ich wie­der Jobs“, sagt Jan. In vier Mo­na­ten ist es so weit.

„Bis da­hin müs­sen wir noch durch­hal­ten“, sagt der schlak­si­ge Bur­sche und küsst sei­ne Freun­din Pau­li­na auf die Stirn. Wäh­rend des gan­zen Ge­sprächs hat Jan den Arm fest um die Hüf­te sei­ner Freun­din ge­legt, als wür­de sie oh­ne sei­ne Stüt­ze zu­sam­men­klap­pen. Pau­li­na ist klein, zier­lich und hat ih­re schlecht blon­dier­ten Lo­cken lo­se zu ei­nem Dutt zu­sam­men­ge­bun­den. Sie trägt kind­li­che Erd­bee­rohr­rin­ge, ein knap­pes ro­sa T-Shirt und hat ei­ne Je­ans­ja­cke um die Hüf­te ge­kno­tet. An­ders als bei Jan ist von ju­gend­li­chem Elan, Hoff­nung oder Träu­men bei dem Mäd­chen we­nig zu spü­ren. Sie wirkt mü­de, ver­braucht, kaut stän­dig an ih­ren Fin­ger­nä­geln. Die Au­gen sind glanz­los, der Blick of­fen­sicht­lich von Dro­gen ver­ne­belt. Zu­sam­men­halt. Pau­li­na ist eben­falls aus der Slo­wa­kei. Sie sei frü­her stän­dig weg­ge­lau­fen, weil ihr Va­ter sie ge­schla­gen ha­be, er­klärt Jan. Ir­gend­wann kehr­te sie nicht mehr nach Hau­se zu­rück. Sie hät­ten sich vor ein paar Mo­na­ten in Wien beim Fort­ge­hen ken­nen- und lie­ben ge­lernt. „Seit­dem pas­sen wir auf­ein­an­der auf. Für jun­ge Leu­te ist es auf der Stra­ße nicht ein­fach, weil die Äl­te­ren ge­fähr­lich sind“, sagt Jan. Man wer­de be­stoh­len oder an­ge­schrien, manch­mal bru­tal aus dem Schlaf ge­ris­sen. Dar­um wür­den die Jün­ge­ren zu­sam­men­hel­fen. „Der­zeit schla­fen wir mit an­de­ren in ei­nem Ab­riss­haus.“

Wo es ist, will er nicht ver­ra­ten. Nie­mand sol­le wis­sen, wo sie sind. „Ich will nicht, dass mich das Ju­gend­amt, die Po­li­zei oder mei­ne Fein­de fin­den.“Da­von hat Jan ei­ni­ge. Nach­dem es mit Jobs am Bau nicht mehr klapp­te, leb­te er zu­erst von Bet­teln und von ein paar Ge­le­gen­heits­dieb­stäh­len, er­zählt er. Das Geld reich­te aber nicht. „Dann hat mich je­mand ge­fragt, ob ich Dro­gen ver­kau­fen will. Lei­der ha­be ich selbst mehr ge­nom­men als ver­kauft, und na ja“, sagt Jan, der of­fen­bar eben­so wie Pau­li­na ein Dro­gen­pro­blem hat. Auf sei­ner hel­len Je­ans sind dün­ne Strei­fen Bluts zu se­hen, die wohl ent­stan­den sind, als er blu­ti­ge Ka­nü­len dar­an ab­ge­wischt hat. Auf die Fra­ge, wie er jetzt sein Geld ver­die­ne, sagt er: „Ich ha­be Glück, dass ich den Ös­ter­rei­chern ge­fal­le.“Und: „Pau­li­na macht das nicht, das wür­de ich nicht zu­las­sen.“

Jan geht al­so auf den Kin­der­strich. Ob­wohl er sonst er­staun­lich of­fen von sei­nem Le­ben er­zählt, wird er bei die­sem Ka­pi­tel wort­karg. „Ich wer­de halt ge­fragt“, sagt er. Oder: „Na ja, das funk­tio­niert über das In­ter­net.“Und: „Ich will gar nicht dran den­ken.“Es ist kurz vor zehn Uhr abends, als sich die bei­den nach stun­den­lan­gem Re­den und ei­ner ge­fühl­ten Pa­ckung Zi­ga­ret­ten ver­ab­schie­den. Auf Jan und Pau­li­na war­ten schon ei­ni­ge Ju­gend­li­che, die sich wie ge­wohnt fast je­den Abend hier am Pra­ter­stern tref­fen. „Schreib was über uns“, sagt Jan. Und: „Dan­ke, dass du zu­ge­hört hast.“ Ka­rim (16), af­gha­ni­scher Flücht­ling Wenn an­de­re Kin­der schla­fen ge­hen, fängt der Tag für Ka­rim (16) erst an. Kurz vor Mit­ter­nacht wirft er auf ei­ner öf­fent­li­chen Toi­let­te in Wien ei­nen letz­ten Blick in den Spie­gel und kämmt sich mit ein we­nig Haar­gel die Sträh­nen aus dem Ge­sicht, auf dem sich noch kaum Bart­wuchs zeigt. Er rückt sei­nen Nie­ten­le­der­gür­tel zu­recht, der an der knal­len­gen Röh­ren­jeans eher Zier­de als funk­tio­nal ist, at­met tief ein und aus, lä­chelt sich selbst zu und macht sich auf Kun­den­fang – in di­ver­sen Schwu­len­lo­ka­len die­ser Stadt. Wie auch Jan pro­sti­tu­iert sich der jun­ge af­gha­ni­sche Flücht­ling, weil er drin­gend Geld braucht. „Mei­ne Fa­mi­lie in Af­gha­nis­tan war­tet dar­auf. Sie hun­gern und die Ta­li­ban be­dro­hen sie. Und sie ha­ben mir ihr gan­zes Geld ge­ge­ben, da­mit es mir bes­ser geht“, sagt er und blickt ver­schämt in sei­ne Tee­tas­se, als ihn die „Pres­se am Sonn­tag“, kurz be­vor er zu ar­bei­ten be­ginnt, in ei­nem Ca­fe´ im fünf­ten Be­zirk trifft. Hier in der Ge­gend sei­en Lo­ka­le, die er die­se Nacht noch ab­klap­pern wol­le.

Es ist be­reits vier Jah­re her, dass er sei­ne El­tern das letz­te Mal ge­se­hen hat. Da­mals hat­te er zwei Ge­schwis­ter, mitt­ler­wei­le sind es drei – seit Kur­zem hat er ei­ne klei­ne Schwes­ter, er zeigt stolz das Fo­to am Han­dy. Die Bil­der se­he er sich je­den Mor­gen nach dem Auf­ste­hen an – und vor dem Schla­fen­ge­hen. „Mei­ne Ma­ma hat mir frü­her zum Ein­schla­fen im­mer ein Lied vor­ge­sun­gen“, sagt er. Be­vor er nach Ös­ter­reich kam, stran­de­te er ei­ni­ge Mo­na­te lang in der Tür­kei. „Auch dort muss­te ich schon so ar­bei­ten“, sagt der 16-Jäh­ri­ge mit den auf­fal­lend hell­grü­nen Au­gen. „Ir­gend­wann macht es ei­nem nichts mehr aus. Ich bin dann nicht ich.“Sei­nen Kun­den wür­de er nie sei­nen ech­ten Na­men ver­ra­ten. „Der ist nur für Freun­de und Fa­mi­lie.“ Flucht­re­flex. Ka­r­ims El­tern wis­sen nicht, dass ihr Sohn sei­nen Kör­per ver­kauft, um ih­nen Geld zu schi­cken. Sie glau­ben, er hät­te ein gu­tes Zu­hau­se und ar­bei­te in ei­nem Re­stau­rant.

Tat­säch­lich hat es Ka­rim in kei­ner Be­treu­ungs­ein­rich­tung lan­ge aus­ge­hal­ten. Die Men­schen wa­ren ihm zu nah, von man­chen fühl­te er sich be­droht, im­mer wie­der kam es zu Streit und Schlä­ge­rei­en. Al­so ist er ab­ge­hau­en – im­mer wie­der. Auch ak­tu­ell hat er kei­ne fi­xe Blei­be, und die Po­li­zei sucht wohl nach ihm. „Ich schla­fe lie­ber drau­ßen, da füh­le ich mich we­ni­ger ein­ge­sperrt“, sagt er. „Ich hab’ ein paar su­per Plät-

Sym­bol­fo­to, Cle­mens Fa­b­ry

Rund 600 Ju­gend­li­che ha­ben in Wien zu­min­dest im­mer wie­der kein Dach über dem Kopf.

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