To­kio pro­biert es wie­der ein­mal

Ja­pans Re­gie­rung be­schloss er­neut ein mil­li­ar­den­schwe­res Kon­junk­tur­pro­gramm. Vie­les deu­tet aber dar­auf hin, dass es nur we­nig brin­gen wird – so wie die 25 Pro­gram­me zu­vor.

Die Presse am Sonntag - - Eco - VON JA­KOB ZIRM

Die Zah­len klin­gen gi­gan­tisch: 13,5 Bil­lio­nen Yen (118 Mrd. Eu­ro) will die ja­pa­ni­sche Re­gie­rung heu­er an zu­sätz­li­chen Mit­teln lo­cker­ma­chen, um die schwa­che Kon­junk­tur end­lich in Fahrt zu brin­gen. Das hat das Ka­bi­nett von Pre­mier­mi­nis­ter Shin­zo¯ Abe die­se Wo­che in To­kio be­schlos­sen. Zu­sam­men mit an­ge­sto­ße­nen pri­va­ten In­ves­ti­tio­nen und ge­för­der­ten Kre­di­ten soll sich so so­gar ein Pro­gramm von 28,1 Bil­lio­nen Yen er­ge­ben. Um­ge­rech­net ent­spricht dies 246 Mrd. Eu­ro – fast drei Vier­teln des Brut­to­in­lands­pro­dukts (BIP) von Ös­ter­reich.

Flie­ßen soll das Geld in tra­di­tio­nell keyne­sia­ni­scher Ma­nier. Mehr als die Hälf­te ist für den Aus­bau der In­fra­struk­tur vor­ge­se­hen. So sol­len et­wa neue Bahn­ver­bin­dun­gen schnel­ler ge­baut wer­den. Ei­ne Hoch­leis­tungs­stre­cke zwi­schen To­kio und Os­a­ka wer­de nun be­reits im Jahr 2037 fer­tig – acht Jah­re frü­her als bis­her ge­plant. Der zwei­te gro­ße Pos­ten im neu­en staat­li­chen De­fi­cit Spen­ding be­trifft den So­zi­al­be­reich. Aber auch ei­ne Art He­li­ko­pter­geld im Klei­nen ist vor­ge­se­hen: Ge­ring­ver­die­ner sol­len ei­ne staat­li­che Prä­mie von 15.000 Yen (132 Eu­ro) bar auf die Hand er­hal­ten, da­mit der Kon­sum an­ge­regt wird, be­rich­te­te der TV-Sen­der NHK. De­tails of­fen. Ins­ge­samt sind die De­tails des Pro­gramms aber noch sehr dürf­tig. Be­ob­ach­ter at­tes­tie­ren der Re­gie­rung Abe da­her auch ei­ne „Po­li­tik der Schlag­zei­len“. So wol­le man al­lein durch die an­ge­kün­dig­te Grö­ße des Pro­gramms die Wirt­schaft an­kur­beln. In kon­kre­ten Zah­len soll das BIP um 1,3 Pro­zent stei­gen – al­ler­dings oh­ne An­ga­be ei­nes Zei­t­raums. Un­ab­hän­gi­ge Schät­zun­gen se­hen das Gan­ze deut­lich kri­ti­scher. So er­ga­ben Be­rech­nun­gen der Nach­rich­ten­agen­tur Bloom­berg, dass der An­schub heu­er nur 0,1 Pro­zent und 2017 0,25 Pro­zent be­tra­gen wer­de.

Ein Blick in die Ver­gan­gen­heit zeigt, dass die Skep­ti­ker be­züg­lich des neu­en Pro­gramms wohl eher recht be­hal­ten wer­den. Denn Ja­pan be­fin­det sich seit dem Bör­sen­crash 1990 in ei­ner Dau­er­kri­se. Seit­her kün­dig­te noch je­de Re­gie­rung bei­na­he je­des Jahr ein Kon­junk­tur­pro­gramm in Mil­li­ar­den­hö­he an. 25 sol­che Sti­mu­lus­pro­gram­me wur­den seit- her ver­ab­schie­det. Die Zin­sen sind be­reits seit Mit­te der 1990er-Jah­re qua­si ab­ge­schafft. Der Er­folg? Be­schei­den. Laut ei­ner Stu­die der US-In­vest­ment­bank Gold­man Sachs wa­ren die po­si­ti­ven Ef­fek­te an den Märk­ten bei 18 der 25 Pa­ke­te in­ner­halb von nur ei­nem Mo­nat wie­der ver­pufft.

Und auch im Wachs­tum des Brut­to­in­lands­pro­dukts blieb von den Bil­lio­nen Yen bis auf klei­ne, kurz­fris­ti­ge An­stie­ge we­nig üb­rig. So wuchs das BIP pro Kopf in Ja­pan zwi­schen 1990 und 2014 le­dig­lich um 0,8 Pro­zent pro Jahr. Im Schnitt al­ler Mit­glied­staa­ten der In­dus­trie­län­der-Or­ga­ni­sa­ti­on OECD be­trug die­ser Wert hin­ge­gen 1,4 Pro­zent. Ei­nen nach­hal­ti­gen Ef­fekt hat­ten die Kon­junk­tur­pro­gram­me le­dig­lich auf die ja­pa­ni­schen Staats­fi­nan­zen. Lag die staat­li­che Schul­den­quo­te vor ei­nem Vier­tel­jahr­hun­dert noch bei rund 60 Pro­zent des BIPs – und so­mit gut im Schnitt al­ler In­dus­trie­län­der –, so wa­ren es per En­de des Vor­jah­res fast 230 Pro­zent (OECD-Schnitt: 110 Pro­zent). Dass das Land noch nicht kol­la­biert ist, liegt nur dar­an, dass die Staats­ver­schul­dung im In­land er­folgt und ja­pa­ni­sche In­ves­to­ren qua­si da­zu ge­zwun­gen wer­den, ei­nen Gut­teil ih­res Gel­des für Nip­ponStaats­an­lei­hen aus­zu­ge­ben.

Doch was soll­te Ja­pan nun ma­chen, um wie­der an Fahrt zu ge­win­nen, und wo lie­gen die Pro­ble­me? Die Ant­wor­ten dar­auf fin­den sich in ei­ner Viel­zahl von Pu­bli­ka­tio­nen in­ter­na­tio­na­ler Or­ga­ni­sa­tio­nen – und sie las­sen sich un­ter dem von IWF-Vi­ze­chef Da­vid Lip­ton jüngst er­neut pos­tu­lier­ten Satz zu­sam­men­fas­sen, dass ein An­schub durch staat­li­che Mil­li­ar­den nur dann wirkt, wenn struk­tu­rel­le Re­for­men fol­gen.

Für Ja­pan hat die OECD erst jüngst ei­ne Rei­he von kon­kre­ten Pro­blem­fel­dern kon­sta­tiert. So spürt das Land et­wa die de­mo­gra­fi­sche Übe­r­al­te­rung be­reits we­sent­lich stär­ker an­de­re Staa­ten. In den kom­men­den Jahr­zehn­ten wird die Be­völ­ke­rung schrump­fen und da­bei auch äl­ter wer­den. So sol­len aus den

Pro­zent

wuchs das BIP pro Kopf in Ja­pan seit 1990 im Schnitt pro Jahr. Der Schnitt al­ler OECD-Län­der liegt mit 1,4 Pro­zent deut­lich dar­über.

Mil­lio­nen

über 65-Jäh­ri­ge wird es in Ja­pan laut Pro­gno­sen im Jahr 2050 ge­ben. Fast dop­pelt so vie­le wie heu­te. Die Zahl der Ja­pa­ner im ar­beits­fä­hi­gen Al­ter wird in­des von 80 auf 50 Mil­lio­nen schrump­fen. der­zeit noch 120 Mil­lio­nen Ja­pa­nern bis 2050 nur mehr 100 Mil­lio­nen wer­den. Die Zahl der über 65-Jäh­ri­gen wird sich in die­sem Zei­t­raum von der­zeit 25 auf 40 Mil­lio­nen fast ver­dop­peln, die Zahl je­ner im ar­beits­fä­hi­gen Al­ter von 80 auf 50 Mil­lio­nen na­he­zu hal­bie­ren. Kin­der­gar­ten? Da die Ja­pa­ner Zu­wan­de­rung weit­ge­hend ab­leh­nen, müs­sen sie al­so an­der­wei­tig da­für sor­gen, dass es mehr Ar­beits­kräf­te gibt – et­wa ei­ne hö­he­re Ge­bur­ten­ra­te und ei­ne hö­he­re Frau­en­be­schäf­ti­gung. Ers­te­re liegt mit 1,4 Kin­dern deut­lich un­ter dem für den Er­halt der Be­völ­ke­rungs­zahl not­wen­di­gen Wert von 2,1. Letz­te­re ist um 18 Pro­zent nied­ri­ger als je­ne der Män­ner. In kaum ei­nem In­dus­trie­land ist die­ser Un­ter­schied grö­ßer. Als Grund für bei­des nennt die OECD feh­len­de Kin­der­be­treu­ungs­ein­rich­tun­gen und ei­ne „Kul­tur der lan­gen Ar­beits­zei­ten“, die Frau­en – so­bald sie zu Müt­tern wer­den – aus dem Ar­beits­markt drän­gen.

Aber auch Re­ge­lun­gen, die vor­der­grün­dig wachs­tums­freund­lich sind, kön­nen ei­ne Volks­wirt­schaft brem­sen. So hat Ja­pan et­wa star­ke steu­er­li­che För­de­run­gen für Klein- und Mit­tel­be­trie­be. Auf den ers­ten Blick ei­ne gu­te Sa­che. Aber in der lang­fris­ti­gen Be­ob­ach­tung zeigt sich, dass die­se För­de­run­gen vie­le Un­ter­neh­men da­zu ver­an­las­sen, nicht zu ex­pan­die­ren, weil sie sonst die­se Vor­tei­le ver­lie­ren. So ha­ben Star­tups nach zehn Jah­ren im Schnitt im­mer noch le­dig­lich sie­ben Mit­ar­bei­ter, wäh­rend in den USA die­ser Wert bei über 70 liegt – und auch hier­zu­lan­de bei et­wa 35. Ge­ne­rell gibt es auf­grund der Kul­tur und der re­gu­la­to­ri­schen Vor­aus­set­zun­gen in Ja­pan ei­ne we­sent­lich ge­rin­ge­re Dy­na­mik bei Un­ter­neh­mens­grün­dun­gen. Pro Jahr ent­ste­hen in dem Land nur et­wa fünf Pro­zent der Un­ter­neh­men neu oder wer­den wie­der ge­schlos­sen. Im OECD-Raum liegt die­ser Wert beim Drei­fa­chen.

Für Eu­ro­pa ist ein ge­naue­rer Blick nach Ja­pan si­cher­lich nicht ver­kehrt. Nicht nur, weil die dritt­größ­te Volks­wirt­schaft ein wich­ti­ger Han­dels­part­ner ist. Son­dern auch, weil die EU seit dem Bör­sen­crash 2008 selbst da­zu ten­diert, an der „ja­pa­ni­schen Krank­heit“zu lei­den. Und sie mit den glei­chen Mit­teln be­kämp­fen zu wol­len.

Nach­hal­ti­gen Ef­fekt hat­ten die Kon­junk­tur­pro­gram­me nur auf die Schul­den­quo­te.

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