Wie die EU die bes­ten Leu­te ho­len will

In der Ver­gan­gen­heit zog die EU vor al­lem schlecht aus­ge­bil­de­te Mi­gran­ten an. Das soll sich än­dern. Die EU-Kom­mis­si­on will da­her die Blue Card re­for­mie­ren. Ein Vor­schlag liegt be­reits auf dem Tisch.

Die Presse am Sonntag - - Eco - VON JEAN­NI­NE BIN­DER

Mit der Blue Card hat­te man Gro­ßes vor. Das ver­rät schon ihr Na­me. Sie ver­schafft Aus­län­dern aus Dritt­staa­ten ei­nen Zu­gang zum EU-Ar­beits­markt. Ana­log zur US-ame­ri­ka­ni­schen Gre­en Card, die als Syn­onym für den Ame­ri­ka­ni­schen Traum gilt. Ei­ni­ge Gre­en Cards wer­den so­gar in ei­ner Lot­te­rie ver­ge­ben. Ab­ge­se­hen vom Na­men ha­ben die Gre­en und die Blue Card al­ler­dings recht we­nig mit­ein­an­der zu tun. Die Gre­en Card ist ein per­ma­nen­ter Auf­ent­halts­ti­tel in­klu­si­ve Zu­gang zum US-Ar­beits­markt. Die Blue Card wird nur für ei­ne be­grenz­te Dau­er aus­ge­stellt. Und: Die Gre­en Card ist heiß be­gehrt. Wäh­rend sich der An­sturm auf die Blue Card in Gren­zen hält.

Mit an­de­ren Wor­ten: Die Blue Card ist bis­lang ein ziem­li­cher Flop. Im Vor­jahr wur­den EU-weit nicht ein­mal 14.000 Blaue Kar­ten ver­ge­ben, die meis­ten da­von in Deutsch­land. Das hat nun auch die EU-Kom­mis­si­on er­kannt. Sie hat ei­ne Re­form der Kar­te an­ge­kün­digt. Da­mit will sie dem Fach­kräf­te­man­gel auf dem EU-Ar­beits­markt ent­ge­gen­wir­ken – wie es auch ur­sprüng­lich die Idee der Blue Card war. Die Zahl der Er­werbs­tä­ti­gen in der EU wer­de in den nächs­ten Jah­ren um 20 Mil­lio­nen zu­rück­ge­hen, sag­te In­nen­kom­mis­sar Di­mi­tris Av­ra­mo­pou­los im Ju­ni, als er den Re­form­vor­schlag vor­stell­te.

In Ös­ter­reich wird die Blue Card un­ter Blaue Kar­te EU ver­ge­ben. Sie bleibt hier­zu­lan­de un­ter­halb der Wahr­neh­mungs­schwel­le. Im Vor­jahr wur­den laut Da­ten der Wirt­schafts­kam­mer 159 Blaue Kar­ten aus­ge­stellt. Im sel­ben Zei­t­raum wur­den 1817 Rot- Weiß-Rot-Kar­ten ver­ge­ben. Mit der Rot-Weiß-Rot-Kar­te sol­len qua­li­fi­zier­te Fach­kräf­te in Man­gel­be­ru­fen so­wie Stu­di­en­ab­sol­ven­ten und Spit­zen­kräf­te nach Ös­ter­reich ge­holt wer­den. Auch die Rot-Weiß-Rot-Kar­te blieb bis­lang hin­ter den Er­war­tun­gen zu­rück: Bei Ein­füh­rung der Rot-Weiß-Rot-Kar­te war man von 8000 Be­wil­li­gun­gen pro Jahr aus­ge­gan­gen. Nur we­nig Ar­beits­mi­gra­ti­on. Die Or­ga­ni­sa­ti­on für wirt­schaft­li­che Zu­sam­men­ar­beit und Ent­wick­lung (OECD) hat sich die Ein­wan­de­rungs­po­li­tik der EU kürz­lich ge­nau­er an­ge­se­hen. Über ei­ne Mil­li­on Mi­gran­ten kom­men je­des Jahr in die EU – mehr als in je­des an­de­re In­dus­trie­land (wo­bei die EU frei­lich kein Land ist). Die Zahl der Men­schen, die au­ßer­halb der EU ge­bo­ren sind, aber hier le­ben, wuchs in den 2000er-Jah­ren, al­so lang vor der ak­tu­el­len Flücht­lings­kri­se, schnel­ler als im Jahr­zehnt da­vor. Das gro­ße Aber: Nur ein Bruch­teil der Mi­gra­ti­on sei Ar­beits­mi­gra­ti­on. Und der An­teil von hoch qua­li­fi­zier­ten Mi­gran­ten sei ge­rin­ger als in vie­len an­de­ren OECD-Mit­glieds­län­dern, heißt es in dem Be­richt. Gleich­zei­tig ste­he ei­ni­gen Mit­glieds­län­dern ein Man­gel an Fach­kräf­ten be­vor.

Ge­nau des­halb wur­de 2009 die Richt­li­nie über die Blue Card er­las­sen. Bis Mit­te 2011 muss­te sie von al­len EUMit­glieds­län­dern in na­tio­na­les Recht um­ge­setzt wer­den. Aber die Er­war­tun­gen an die Blaue Kar­te ha­ben sich nicht er­füllt. We­ni­ger als die Hälf­te de­rer, die Schät­zun­gen zu­fol­ge für die Blaue Kar­te in Be­tracht ge­zo­gen wur­den, ha­ben sie auch tat­säch­lich er­hal­ten, so die OECD. Die Ex­per­ten ma­chen da­für un­ter an­de­rem kom­ple­xe ad­mi­nis­tra­ti­ve Pro­zes­se ver­ant­wort­lich und emp­feh­len, die­se zu ver­ein­fa­chen.

Sie schla­gen au­ßer­dem vor, bei der Re­form der Blau­en Kar­te Maß­nah­men aus den na­tio­na­len Pro­gram­men ein­zu­be­zie­hen. In Ös­ter­reich ist das die Rot-Weiß-Rot-Kar­te. Als Ver­feh­lung sieht die OECD auch, dass die EU zwar die welt­weit be­lieb­tes­te Des­ti­na­ti­on für aus­län­di­sche Stu­den­ten sei, es bis­lang aber nicht ge­schafft ha­be, dar­aus Ka­pi­tal zu schla­gen – al­so die Stu­den­ten nach dem Ab­schluss auch zu hal­ten. „Die Eu­ro­päi­sche Uni­on muss un­ter po­ten­zi­el­len Ar­beits­mi­gran­ten zur Mar­ke wer­den“, so die OECD.

Wo­bei es in den ver­gan­ge­nen Jah­ren Ver­bes­se­run­gen ge­ge­ben ha­be, sagt Tho­mas Lie­big, Mi­gra­ti­ons­ex­per­te der OECD. Dass sich in der EU nied­rig qua­li­fi­zier­te Mi­gran­ten kon­zen­trier­ten, ha­be sei­ne Grün­de auch in der Ver­gan­gen­heit: Vor al­lem nach Sü­d­eu­ro­pa ha­be es viel Ar­beits­mi­gra­ti­on Nied­rig­qua­li­fi­zier­ter ge­ge­ben. So wur­den et­wa auf dem Bau in Spa­ni­en und Por­tu­gal, aber auch in Grie­chen­land und Ita­li­en Leu­te ge­braucht. Das sei mit der Wirt­schafts­kri­se zu­rück­ge­gan­gen.

Groß­bri­tan­ni­en, das viel qua­li­fi­zier­te Mi­gra­ti­on hat, fal­le bei die­sem The­ma nicht in die EU-Sta­tis­tik. Au­ßer­dem ge­be es ei­nen Sprach­nach­teil vor al­lem in Län­dern wie Ös­ter­reich und Deutsch­land ge­gen­über Län­dern wie Aus­tra­li­en oder den USA, die als Vor­zei­ge­län­der der Ein­wan­de­rungs­po­li­tik gel­ten. „Wir se­hen aber ei­nen An­stieg der Mi­gra­ti­on Hö­her­qua­li­fi­zier­ter nach Eu­ro­pa“, sagt Lie­big. Zwi­schen 2006 und 2013 ha­be sich der An­teil der hö­her qua­li­fi­zier­ten Mi­gran­ten nach Eu­ro­pa um fünf Pro­zent­punk­te er­höht. Ak­tu­el­le­re Zah­len gibt es nicht. „Wir ge­hen da­von aus, dass sich die­ser Trend fort­ge­setzt hat. Was durch­aus be­acht­lich ist“, so Lie­big. Zu ho­hes Min­dest­ge­halt. Da­für, dass sich die­ser Trend fort­setzt, soll nun auch die Re­form der Blue Card sor­gen. Die EU-Kom­mis­si­on will un­ter an­de­rem das Min­dest­ge­halt sen­ken, das für den Er­halt der Kar­te not­wen­dig ist. Der­zeit liegt die­se Gren­ze beim 1,5-fa­chen des na­tio­na­len Durch­schnitts­ein­kom­mens. Ein Aus­län­der müss­te mo­nat­lich brut­to 4174 Eu­ro ver­die­nen, um ei­ne Blaue Kar­te für Ös­ter­reich zu be­kom­men. Die Kom­mis­si­on will die­se Gren­ze auf das na­tio­na­le Durch­schnitts­ge­halt sen­ken bzw. das 1,4-fa­che (die Mit­glieds­län­der ha­ben bei der Fest­set­zung ei­nen ge­wis­sen Spiel­raum). Für Jung­aka­de­mi­ker und Ar­beits­kräf­te in Man­gel­be­ru­fen soll die Gren­ze auf 80 Pro­zent des Durch­schnitts­ein­kom­mens sin­ken.

Blue-Card-An­wär­ter müs­sen ein Jo­b­an­ge­bot in ei­nem EU-Land ha­ben, das bleibt auch so. Aber die Min­dest­dau­er für ei­nen Ver­trag soll von zwölf auf sechs Mo­na­te sin­ken. Blue-Card-In­ha­ber sol­len sich au­ßer­dem leich­ter in­ner­halb der EU be­we­gen kön­nen. Für sie gilt die Per­so­nen­frei­zü­gig­keit der­zeit nicht. Bis­her muss­te man sich aus dem Aus­land um die Blaue Kar­te be­wer­ben – künf­tig soll das auch mög­lich sein, wenn man schon in der EU ist. Blu­eCard-In­ha­ber sol­len zu­dem Aus­sicht auf ei­nen dau­er­haf­ten Auf­ent­halts­ti­tel be­kom­men, und letzt­lich soll auch die Web­site für den An­trag at­trak­ti­ver ge- stal­tet wer­den. Mar­git Kreuz­hu­ber, Mi­gra­ti­ons­be­auf­trag­te der Wirt­schafts­kam­mer, be­grüßt den Re­form­vor­schlag. Das Min­dest­ge­halt von 4174 Eu­ro et­wa sei für Jung­aka­de­mi­ker „nicht schaff­bar“. „Das geht ab­so­lut an der Rea­li­tät des Ar­beits­mark­tes vor­bei“, sagt Kreuz­hu­ber. Der Vor­schlag ha­be aber ei­nen rie­si­gen Knackpunkt: Er se­he vor, dass es ab­seits der Blue Card kei­ne na­tio­na­len Re­ge­lun­gen mehr ge­ben soll. „Die Ro­tWeiß-Rot-Kar­te wür­de es in der jet­zi­gen Form nicht mehr ge­ben. Es be­steht so­mit die Ge­fahr, dass die Re­ge­lun­gen zur Ar­beits­mi­gra­ti­on deut­lich ver­schlech­tert wer­den“, sagt Kreuz­hu­ber. Die­ser Punkt müs­se be­sei­tigt wer­den. „Ab­ge­se­hen da­von ist der Vor­schlag in wei­ten Tei­len sehr po­si­tiv.“

Den EU-Län­dern sol­len wei­ter­hin ge­wis­se Spiel­räu­me blei­ben. Sie sol­len zum Bei­spiel selbst fest­le­gen kön­nen, wie vie­le Zu­wan­de­rer sie mit der Blau­en Kar­te ins Land las­sen. Es soll au­ßer­dem mög­lich wer­den, die Blaue Kar­te auf Flücht­lin­ge aus­zu­deh­nen, so­fern sie ent­spre­chen­de Qua­li­fi­ka­tio­nen vor­wei­sen kön­nen. Die Idee ist aber um­strit­ten: Bis­her ga­ben sich Wirt­schafts­ver­tre­ter in Ös­ter­reich zu­rück­hal­tend, was die Ver­mi­schung der Ver­fah­ren für Ar­beits­mi­gran­ten und Asyl­wer­ber (sie dür­fen in Ös­ter­reich nicht ar­bei­ten) be­trifft. Die Kom­mis­si­on schätzt, dass die Re­form der Blue Card der EU ein zu­sätz­li­ches Wirt­schafts­wachs­tum von 0,2 Pro­zent im Jahr 2017 brin­gen könn­te.

»Die EU muss un­ter po­ten­zi­el­len Ar­beits­mi­gran­ten zur Mar­ke wer­den.«

Bl­loom­berg

Die Blue Card soll hoch qua­li­fi­zier­te Fach­kräf­te aus Dritt­staa­ten nach Eu­ro­pa brin­gen.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.