IN ZAH­LEN

Die Zah­len pas­sen: mehr Wachs­tum, we­ni­ger Ar­beits­lo­se. Aber dass die wirt­schaft­li­che Er­ho­lung in Spa­ni­en im­mer mehr vom Mas­sen­tou­ris­mus ab­hängt, macht den Öko­no­men Sor­gen – und weckt Ag­gres­sio­nen bei den Ein­hei­mi­schen.

Die Presse am Sonntag - - Eco - VON KARL GAULHOFER

Film ab: Ganz gro­ße Au­gen mach­te der Kell­ner Ra­fa, als die blon­de Schwe­din in Bi­ki­ni und Mi­ni­rock in sei­nem Ho­tel ein Zim­mer be­zog. Man schrieb 1967, und „Amor a la es­pan˜ola“, die Lie­be auf spa­ni­sche Art, war in Spa­ni­en die seich­te Er­folgs­ko­mö­die der Sai­son. Der Dreh­ort Tor­re­mo­li­nos an der Cos­ta del Sol ver­wan­del­te sich gera­de vom Fi­scher­dorf in ei­ne Bet­ten­bur­gen­stadt. Al­les roch nach Son­nen­creme und Auf­bruch. Ei­ne gu­te al­te Zeit war es frei­lich nicht: Im­mer noch herrsch­te Dik­ta­tor Fran­co über ein bi­got­tes und bit­ter­ar­mes Land. „Spain is dif­fe­rent“, der na­tio­na­le Tou­ris­mus-Slo­gan, galt vie­len als zy­ni­scher Hin­weis auf die Rück­stän­dig­keit ih­rer Hei­mat. „Her mit den Schwe­din­nen!“aber, der Schlacht­ruf des Ko­mi­kers Al­f­re­do Lan­da in der Rol­le des Ra­fa, drück­te mehr aus als Sehn­sucht nach ero­ti­schen Aben­teu­ern. In ihm steck­te auch Ver­hei­ßung von Frei­heit, De­mo­kra­tie und, durch den Se­gen der De­vi­sen, ein Le­ben im Wohl­stand – wie oben in Eu­ro­pas Nor­den.

Die Hoff­nun­gen ha­ben sich er­füllt. Trotz der ge­platz­ten Im­mo­bi­li­en­bla­se, der dar­auf­fol­gen­den schwe­ren Re­zes­si­on und ho­her Ar­beits­lo­sig­keit. Von all dem sind die Spa­nier da­bei, sich lang­sam zu er­ho­len. Ge­schwächt, aber auf ei­nem Ni­veau des Le­bens­stan­dards, von dem ih­re Groß­el­tern vor 50 Jah­ren nicht zu träu­men wag­ten. Wut statt Dank­bar­keit. Trei­ber ist ein­mal mehr der Tou­ris­mus. 74 Mil­lio­nen aus­län­di­sche Gäs­te er­war­tet das Land heu­er. Ein neu­er Re­kord, neun Pro­zent mehr als im Vor­jahr. Zum er­war­te­ten BIP-Wachs­tum von 2,6 Pro­zent für das Ge­samt­jahr steu­ert der Tou­ris­mus­boom über ein Vier­tel bei. Er sorgt, ne­ben den Ex­por­ten der In­dus­trie, für ei­nen so­li­den Über­schuss in der Leis­tungs­bi­lanz – der Grund­la­ge ei­ner nach­hal­ti­gen Volks­wirt­schaft. Auch dass die Ar­beits­lo­sig­keit nun im­mer­hin un­ter die ma­gi­sche Gren­ze von 20 Pro­zent fällt, ist un­ter an­de­rem den zah­len­den Gäs­ten zu ver­dan­ken. Was aber kei­nes­wegs nur Dank­bar­keit weckt: Mit der Lie­be zu den Frem­den aus dem Nor­den ist es an man­chen Or­ten vor­bei.

„Tou­ris­ten haut ab!“, „Der Tou­ris­mus zer­stört die Stadt“, „Stoppt die Tou­ris!“: Sol­che Bot­schaf­ten auf Haus­mau­ern emp­fan­gen ver­schreck­te Gäs­te in der Alt­stadt von Pal­ma de Mallor­ca. Auf den Ba­lea­ren ist die „Tu­ris­mo­fo­bia“noch ein neu­es Phä­no­men, in Bar- ce­lo­na schon wohl­ver­traut. Frem­den­füh­rer in der ka­ta­la­ni­schen Ka­pi­ta­le be­rich­ten, wie Ein­hei­mi­sche sie an­rem­peln, ih­nen auf die Fü­ße tre­ten und bö­se Wor­te nach­ru­fen. Bür­ger pro­tes­tie­ren auf der Stra­ße ge­gen die Aus­wüch­se des An­sturms. Die Bar­ce­lo­ner ma­chen sich in Um­fra­gen mehr Sor­gen über die In­va­si­on der fröh­li­chen Frem­den als über höl­li­schen Ver­kehr oder Schwä­chen der Wirt­schaft.

Wo­her das Un­be­ha­gen? Die Alt­städ­te ver­wan­deln sich in Spiel­plät­ze für er­leb­nis­hung­ri­ge Rei­se­grup­pen. Der Flei­scher weicht dem Sou­ve­nir­shop, der Bä­cker der Piz­zabu­de. Durch die Stra­ßen zie­hen die Mas­sen: zu Fuß, auf Leih­rä­dern, auf Seg­way-Rol­lern. Kreuz­fah­rer zei­gen sich kurz, aber hef­tig: An ei­nem Tag im Mai zähl­te man im Ha­fen von Pal­ma acht Kreuz­fahrt­schif­fe, die 22.000 Pas­sa­gie­re aus­spül­ten. Mie­ter wer­den an den Stadt­rand ver­trie­ben. Die Ei­gen­tü­mer kön­nen ih­re Woh­nun­gen über Airb­nb wo­chen­wei­se zum dop­pel­ten Preis an zah­lungs­kräf­ti­ge Kund­schaft aus al­ler Welt ver­mie­ten, oh­ne Steu­ern – wer lie­ße sich ein sol­ches Ge­schäft ent­ge­hen?

Auf Mallor­ca und Ibi­za ha­ben vie­le Sai­son­ar­bei­ter des­halb kein an­stän­di­ges Dach mehr über dem Kopf. Ab Mai hau­sen sie in Bet­ten­la­gern und Ga­ra­gen oder über­nach­ten im Au­to. Im Hoch­som­mer droht auf den In­seln das Was­ser aus­zu­ge­hen. Auf dem Par­ty­ei­land Ibi­za nä­hert sich die In­fra­struk­tur dem Kol­laps: Stra­ßen, Flug­ha­fen, Klär­an­la­gen – al­les ist am Li­mit. In den Am­bu­lan­zen war­ten Pa­ti­en­ten bis zu vier St­un­den, weil es an Per­so­nal fehlt.

Die Po­li­tik re­agiert auf das Mur­ren. Ada Co­lau, die Bür­ger­meis­te­rin Bar­ce­lo­nas von der lin­ken Po­de­mos-Par­tei, hat den Bau neu­er Ho­tels in stark be­such­ten Vier­teln ver­bo­ten und Kon­zes­sio­nen für Apart­ments ge­stri­chen. Auf den Ba­lea­ren bremst die Pro­vinz­re­gie­rung bei Bau­ge­neh­mi­gun­gen und kas­siert wie­der ei­ne „Um­welt­ge­bühr“von bis zu zwei Eu­ro pro Na­se und Nacht.

Wie aber kommt es zum ak­tu­el­len An­sturm? Spa­ni­en pro­fi­tiert von der Not der Kon­kur­renz. Wer heu­er Tu­ne­si­en, Ägyp­ten oder die Tür­kei aus Furcht vor Ter­ror und Un­ru­hen mei­det, weicht oft nach Spa­ni­en aus. Der Tou­ris­mus­ver­band Ex­cel­tur er­klärt da­mit über ein Drit­tel des Zu­wach­ses. Die 2,2 Mil­lio­nen „ge­borg­ten“Gäs­te sind den Ver­ant­wort­li­chen aber nicht ge­heu­er: Sie war­nen vor ei­nem nicht nach­hal­ti­gen Boom. Wenn sich die La­ge in den Ver­lierer­län­dern be­ru­higt, könn­ten die Zu­satz­gäs­te an den hei­mi­schen Ge­sta­den aus­blei­ben – wie ge­won­nen, so un­ter hei­ßer Son­ne zer­ron­nen. Teu­rer Be­ton. Denn ei­gent­lich ist der neu­en Kund­schaft die Des­ti­na­ti­on et­was zu teu­er. Die Fol­ge: Sie bleibt kür­zer und hält sich beim Kon­sum zu­rück. Die durch­schnitt­li­chen Aus­ga­ben pro Gast san­ken im zwei­ten Quar­tal um über sie­ben Pro­zent im Ver­gleich zum Vor­jahr. Die feh­len­de Eu­pho­rie der Ho­te­liers und Gas­tro­no­men hat aber tie­fer ge­hen­de Grün­de. Sie wis­sen, wie stark ihr An­ge­bot an At­trak­ti­vi­tät ver­lo­ren hat. Die Mas­sen strö­men zwar zur­zeit wie­der an die häss­lich zu­be­to­nier­ten Strän­de am Mit­tel­meer und auf den Ka­na­ren. „Sol y Pla­ya“, mehr brau­chen sie nicht im Ur­laub. Aber die an­spruchs­vol­le Kund­schaft bleibt aus. Auf sie hat­ten die spa­ni­schen Tou­ris­ti­ker zu­letzt ge­setzt. Ih­ret­we­gen for­cier­te man das kar­ge Hin­ter­land, die stol­zen Kul­tur­städ­te und den grü­nen Nor­den. Aber die­se Re­gio­nen blei­ben un­be­deu­tend. Sie pro­fi­tie­ren eher vom wie­der an­zie­hen­den In­lands­tou­ris­mus – vor al­lem von Ma­dri­le­nen, die vor der Hit­ze der Stadt in die Som­mer­fri­sche flie­hen.

Auch Wirt­schafts­po­li­ti­ker und Öko­no­men ha­ben kei­ne rei­ne Freu­de am Boom des Mas­sen­tou­ris­mus. Sie hat­ten ja aus der Kri­se ei­ne Leh­re ge­zo­gen: Das Land braucht ein nach­hal­ti­ges Wachs­tums­mo­dell, mehr Wert­schöp­fung, hö­her qua­li­fi­zier­te Jobs. Das hat nur zum Teil funk­tio­niert. Si­cher: Der Ban­ken­sek­tor hat sich sta­bi­li­siert. Die In­dus­trie hat durch sta­gnie­ren­de Löh­ne und Ver­zicht auf we­ni­ger pro­duk­ti­ve Mit­ar­bei­ter an Wett­be­werbs­fä­hig­keit ge­won­nen. Die Ex­por­te zie­hen an. Aber da­von pro­fi­tie­ren vor al­lem schon bis­her star­ke Re­gio­nen im Nor­den wie Ka­ta­lo­ni­en und das Bas­ken­land. Der Rest ist wei­ter­hin ge­prägt von klei­nen, we­nig pro­duk­ti­ven Un­ter­neh­men. Mehr Mit­tel für For­schung und ein ef­fi­zi­en­te­res Bil­dungs­sys­tem wa­ren in der Re­zes­si­on – bei ei­nem öf­fent­li­chen Schul­den­berg von über 100 Pro­zent des BIPs – schwer auf­zu­trei­ben.

Jetzt ist die Er­ho­lung da, aber der Tou­ris­mus als Schritt­ma­cher passt

Mil­lio­nen Gäs­te

er­war­tet Spa­ni­en heu­er – ein neu­er Re­kord. Nur Frank­reich und die USA zie­hen noch mehr aus­län­di­sche Tou­ris­ten an.

Pro­zent

des spa­ni­schen BIPs hän­gen am Tou­ris­mus, wenn man In­ves­ti­tio­nen des Sek­tors und Vor­leis­tun­gen ein­rech­net.

Pro­zent­punk­te

trägt der heu­ri­ge Tou­ris­mus­boom nach die­ser Ab­gren­zung zum er­war­te­ten BIPWachs­tum von 2,6 Pro­zent bei. nicht ins Kon­zept. Die Bran­che hat ei­ne be­son­ders nied­ri­ge Ei­gen­ka­pi­tal­quo­te, ist al­so al­les an­de­re als kri­sen­si­cher. Zu­dem bie­tet sie fast nur schlecht be­zahl­te Sai­son­jobs. Nie mehr ein Volk von Mau­rern sein, hat­ten sich die Spa­nier nach dem Plat­zen der Im­mo­bi­li­en­bla­se ge­schwo­ren. „Spa­ni­en ist da­bei, sich in ein Volk von Kell­nern zu ver­wan­deln“, stöhn­te in die­ser Wo­che die Ta­ges­zei­tung „El Mun­do“. So hat­ten sich die Spa­nier ih­ren Auf­schwung auf dem Ar­beits­markt nicht vor­ge­stellt. Die „Con­tra­tos Ba­sura“oder Müll­ver­trä­ge, be­fris­tet und pre­kär, blei­ben das gro­ße Reiz­wort. Sie ma­chen ein Vier­tel al­ler Ar­beits­ver­trä­ge aus, mehr als in je­dem an­de­ren Eu­ro­staat (in Ös­ter­reich sind es acht Pro­zent). Auch des­halb macht der Boom des Sek­tors Sor­gen: Im Tou­ris­mus ha­ben Be­fris­tun­gen mit 31 Pro­zent ei­nen be­son­ders ho­hen An­teil. Kein Ur­laub für Po­li­ti­ker. Bei Neu­ver­trä­gen ist es ge­ne­rell viel schim­mer: Wer heu­te in Spa­ni­en ei­nen Job an­nimmt, be­kommt in 92 von 100 Fäl­len nur ei­nen be­fris­te­ten Ver­trag. Jun­ge Men­schen ha­ben al­so fast kei­ne an­de­re Chan­ce. Die Wur­zel des Übels ist zu­gleich ein Haupt­grund für die struk­tu­rell ho­he Ar­beits­lo­sig­keit: der ri­go­ro­se Kün­di­gungs­schutz für al­le, die mit fi­xem Ver­trag im Sys­tem sind. In un­si­che­ren Zei­ten ist es für Fir­men zu ris­kant, auf die­ser Ba­sis neue Mit­ar­bei­ter ein­zu­stel­len. Die Re­form von 2012 war (an­ders als die jün­ge­re in Ita­li­en) zu zö­ger­lich, um die kras­se Zwei­tei­lung des Ar­beits­mark­tes zu be­sei­ti­gen. Nun über­bie­ten sich die Par­tei­en mit Ide­en, das Pro­blem neu an­zu­pa­cken. Aber durch das po­li­ti­sche Patt kommt kein Kon­zept zum Zug. Wo­mög­lich müs­sen die Spa­nier bald ein drit­tes Mal wäh­len.

Auf den Ba­lea­ren ist die »Tu­ris­mo­fo­bia« neu, in Bar­ce­lo­na schon ver­traut. We­nig Wert­schöp­fung, be­fris­te­te Ver­trä­ge – ge­nau da­von woll­te Spa­ni­en weg.

Im­mer­hin ha­ben die Mäch­ti­gen ih­ren tra­di­tio­nel­len Ur­laub im Au­gust ab­ge­bla­sen, um sich für wei­te­re Ge­sprä­che be­reit­zu­hal­ten. Pre­mier Ra­joy darf nicht durch sei­ne ga­li­zi­sche Hei­mat wan­dern, So­zia­list San­chez´ bleibt sei­nem ge­lieb­ten Mo­ja­car´ fern. Die Tou­ris­mus­bi­lanz wird das frei­lich nicht trü­ben. Für Mil­lio­nen Spa­nier und Gäs­te ist Som­mer, Zeit für Pla­ya y Sol – und viel­leicht auch ein we­nig Amor.

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