In Rp­toff ver­pack­tes Fern­weh

Von der Land­ärz­tin in Ober­traun zur Wel­ten­bumm­le­rin und Ge­schäfts­frau: Ros­wi­tha May­er be­treibt seit ein­ein­halb Jah­ren das Ge­schäft Schö­ne Din­ge mit Ge­schich­ten im ers­ten Be­zirk.

Die Presse am Sonntag - - Mein Geld - VON JO­SE­FI­NE MA­LE

An­ge­fan­gen hat al­les auf ei­ner Rei­se nach Ma­da­gas­kar. Die prak­ti­sche Ärz­tin Ros­wi­tha May­er be­geis­ter­te sich für Din­ge und de­ren Ge­schich­ten – ge­meint sind da­mit lo­ka­le Wa­ren, vor al­lem Schals, Tü­cher, Blu­sen und auch Schmuck. Je­des Stück, meint May­er, er­zählt ei­ne Ge­schich­te, und die möch­te sie wei­ter­ge­ben. Be­vor sie ihr Ge­schäft in der Plan­ken­gas­se in der Wie­ner In­nen­stadt er­öff­ne­te, ar­bei­te­te die vier­fa­che Mut­ter in Ober­traun bei Hall­statt. Aber nach so vie­len Jah­ren fühl­te sie sich wie in ei­nem Kes­sel ein­ge­sperrt.

„Es war mir ir­gend­wann zu eng, ich war im Dau­er­dienst“, er­zählt sie. May­er liebt es zu rei­sen, fand aber zwan­zig Jah­re kei­ne Mög­lich­keit da­zu. Als ih­re Söh­ne äl­ter wa­ren und fast al­le stu­dier­ten, zog sie mit ih­rem jüngs­ten zu­rück in ih­re Hei­mat­stadt Graz und ar­bei­te­te in ei­nem Kran­ken­haus. Die neu ge­won­ne­ne Frei­heit er­mög­lich­te ihr Rei­sen, et­wa nach Neu­see­land, In­di­en und Ma­da­gas­kar.

Zu­erst ha­be sie die mit­ge­brach­ten Er­in­ne­rungs­stü­cke zu Hau­se ge­sam­melt. „Ich woll­te die Sa­chen zei­gen und tei­len. Und wenn schon, dann an ei­nem schö­nen Ort.“Als sie 2013 von ih­rer Ma­da­gas­kar-Rei­se zu­rück­kam, stieß sie bei ei­nem Be­such in der Wie­ner In­nen­stadt auf ein lee­res Ge­schäft mit ei­nem Schild „Zu ver­mie­ten“. „Es war ein ech­ter Glücks­tref­fer!“

In ih­rem La­den ist es vor al­lem bunt. Übe­r­all hän­gen Schals und Blu­sen aus den un­ter­schied­lichs­ten Stof­fen. Auf ori­en­ta­li­schen Ho­ckern sta­peln sich die ge­mus­ter­ten Stü­cke. Klei­ne De­ko­ra­ti­ons­ele­men­te schmü­cken die Re­ga­le und ein Tisch­chen in der Mit­te des Raums. Freun­din und Mit­ar­bei­te­rin Ka­rin Kas­sal nimmt die ein­zel­nen Stü­cke in die Hand und er­zählt über die Stof­fe und die ver­schie­de­nen We­be­tech­ni­ken. „Die­ses Tuch ist aus Bam­bus und Seide ge­macht“, er­klärt sie. Sie hält ein wei­ßes Tuch mit bun- ten Blu­men und Punk­ten hoch. Es kommt aus In­di­en.

Dort hat sich May­er, wie sie sagt, ih­re zwei­te Hei­mat auf­ge­baut. Als sie 2007 das ers­te Mal das Land be­such­te, reis­te sie kreuz und quer her­um. „In­di­en ist mei­ne gro­ße Lie­be“, er­zählt sie. Mitt­ler­wei­le reist sie zwei- bis drei­mal pro Jahr nach In­di­en. Noch be­vor sie ihr Ge­schäft in der In­nen­stadt öff­ne­te, kauf­te sie sich ein Haus in Ma­mal­la­pur­am, an der Ko­ro­man­del­küs­te in In­di­en. In dem Ort, der zum UnescoWelt­kul­tur­er­be ge­hört, öff­ne­te sie ein Gu­est­house. Ei­ne be­freun­de­te in­di­sche Fa­mi­lie be­trei­be es nun für sie.

Die meis­ten Pro­duk­te, die die 64-Jäh­ri­ge in Wien ver­kauft, kom­men aus In­di­en. „In­di­en lebt von Ge­schich­ten, die Händ­ler er­zäh­len sie“, meint May­er. „Zum Teil sind sie aber haar­sträu­bend ge­lo­gen. Sie ver­su­chen in ir­gend­ei­ner Form, auf sich auf­merk­sam zu ma­chen.“Ein Händ­ler ha­be ihr ge­sagt: „Mit der Lü­ge ist es wie mit dem Salz – ein biss­chen macht das Es­sen wür­zi­ger. Und die Lü­ge macht die Ge­schich­te in­ter­es­san­ter.“Kas­sal ruft la­chend von hin­ten: „Aber bei uns ist schon al­les echt!“ Näh­zen­trum im Pro­jekt Samb­ha­li. May­er kauft ih­re Wa­re nicht nur bei Händ­lern, son­dern vor al­lem von so­zia­len Pro­jek­ten, in de­nen die Klei­dungs- und Schmuck­stü­cke her­ge­stellt wer­den. Bei ei­ner ih­rer In­di­en-Rei­sen in Jodh­pur lern­te sie ei­nen jun­gen In­der ken­nen, der ei­ne NGO für Frau­en und Kin­der grün­de­te. Im Pro­jekt Samb­ha­li geht es um die Ent­wick­lung und Er­mäch­ti­gung von Frau­en und Mäd­chen in In­di­en. Dort wer­den ih­re so­zia­len Fä­hig­kei­ten ge­för­dert, und sie wer­den in Hin­di, Eng­lisch und Ma­the­ma­tik un­ter­rich­tet. In ei­nem Näh­zen­trum kön­nen sie au­ßer­dem Nä­hen ler­nen und an­schlie­ßend ih­re Stü­cke ver­kau­fen. Mitt­ler­wei­le gibt es 17 sol­cher Pro­jek­te.

May­er er­zählt von ei­ner De­si­gne­rin aus Lon­don, die et­wa für das Näh­zen­trum Klei­dung ent­wor­fen hat­te. Sie nimmt ei­ne Blu­se von der Klei­der­stan­ge. Das Mus­ter lässt schnell auf ei­nen in­di­schen Hin­ter­grund schlie­ßen, aber der Schnitt hat et­was Au­ßer­ge­wöhn­li­ches. In der glei­chen Stadt lern­te May- er auch zwei Brü­der ken­nen, mit de­nen sie seit­her Ge­schäf­te macht. Als sie ihr La­ger zum ers­ten Mal sah, wun­der­te sie sich vor­erst über das Cha­os. „Da wa­ren un­glaub­li­che Sa­chen, sie sind so krea­tiv.“Im Un­ter­schied zu vie­len an­de­ren Händ­lern, be­rich­tet May­er, wür­den die Brü­der gro­ßen Wert auf Qua­li­tät le­gen. Sie lie­ßen sich für ih­re Stü­cke im­mer neu in­spi­rie­ren und wür­den sel­ten die glei­chen nach­pro­du­zie­ren. So sei es auch schwie­rig, auf Wunsch von Kun­din­nen bei ih­nen nach­zu­be­stel­len. „Sie ha­ben so viel Freu­de dar­an, et­was Neu­es zu kre­ieren, kein Stück gleicht dem an­de­ren“, er­zählt May­er und zeigt auf ei­nen Bild­schirm, der ei­ne Dia­show von Fo­tos ih­rer Rei­sen ab­spielt. Auf ei­nem Fo­to sieht man klei­ne We­ber­schiff­chen, für je­de Far­be ei­nes. Den da­bei ent­stan­de­nen Schal bringt Kas­sal und zeigt auf das auf­wen­di­ge Mus­ter, das mit den vie­len We­ber­schiff­chen ge­webt wur­de.

May­er be­zieht ih­re Wa­re vor al­lem von so­zia­len Pro­jek­ten in In­di­en. Sie war gern Ärz­tin, ih­ren al­ten Be­ruf ver­misst sie trotz­dem nicht.

Als sich May­er für ih­ren Be­rufs­wech­sel ent­schied, frag­te sie ih­re Fa­mi­lie nicht lang um Er­laub­nis. „Am An­fang wa­ren sie nicht glück­lich, sie hat­ten kein Ver­ständ­nis. Mitt­ler­wei­le glau­be ich, be­gin­nen sie, stolz dar­auf zu sein.“Zwei ih­rer Söh­ne sind jetzt auch Ärz­te – und ei­nen hat, wie sei­ne Mut­ter, das Fern­weh ge­packt. Er lebt jetzt in Ar­gen­ti­ni­en. Ob­wohl May­er un­glaub­lich gern Ärz­tin war, ver­misst sie ih­ren Be­ruf nicht. In Wien ge­nie­ße sie die Un­ab­hän­gig­keit. Bei ih­rer neu­en Tä­tig­keit ge­he es nicht nur dar­um, et­was zu ver­kau­fen. Sie möch­te zwi­schen den Län­dern, in de­nen ih­re Pro­duk­te her­ge­stellt wer­den, und Wien ver­mit­teln. Und zei­gen, wie es hin­ter den Ku­lis­sen aus­sieht: „Ich hät­te es nie für mög­lich ge­hal­ten, was für un­glaub­li­che Ge­schich­ten sich da­hin­ter ver­ber­gen.“Sie sei kei­ne Per­son, die ein Pro­jekt er­öff­nen oder ka­ri­ta­tiv tä­tig sein wür­de, aber mit ih­rem Ge­schäft möch­te sie auf ih­re per­sön­li­che Art und Wei­se et­was bei­tra­gen.

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