Blu­men für die gut be­tuch­ten Mäd­chen

Mit Vin­ta­ge-Blu­men­krän­zen traf De­si­gne­rin Ni­ki Osl den Zeit­nerv mo­der­ner Groß­stadt­ro­man­ti­ker. Pop­star La­na del Rey mach­te ih­re Ge­bin­de be­rühmt. Mo­de­de­si­gner und Pro­mi­nenz lei­hen sich gern ei­nen Hauch des ex­klu­si­ven Wie­ner Hip­pie-Flairs.

Die Presse am Sonntag - - Werkstatt - VON AN­TO­NIA LÖFF­LER

Noch heu­te wür­den sich ih­re Schwes­ter und sie ge­gen­sei­tig die Preis­schil­der in neu er­stan­de­nen Klei­dungs­stü­cken prä­sen­tie­ren. Ein­fach, um der an­de­ren zu ver­si­chern: Es ist nicht Se­con­dhand. Ni­ki Osl nennt sich selbst ein Floh­markt­kind. Ih­re Mut­ter war Leh­re­rin. Vor al­lem aber ist sie ei­ne pas­sio­nier­te Bast­le­rin, die ih­re selbst ge­näh­ten Pup­pen nebst den zwei klei­nen Töch­tern am Wo­che­n­en­de ein­pack­te und auf die Kunst­hand­werks­märk­te der Um­ge­bung mit­nahm.

„Vin­ta­ge ist jetzt ein Trend. Ich ken­ne es nicht an­ders“, sagt die 37-jäh­ri­ge Wie­ner De­si­gne­rin rück­bli­ckend. Osl ko­ket­tiert gern mit dem Charme ver­gan­ge­ner Zei­ten. Ihr von schwe­ren Holz­mö­beln, gold­ge­rahm­ten Spie­geln und vie­len Sei­den­blu­men er­füll­tes Ate­lier na­he der Ma­ria­hil­fer Stra­ße zeugt da­von eben­so wie ih­re selbst ge­wähl­te Be­rufs­be­zeich­nung: Putz­ma­che­rin sei sie. Sprich An­ge­hö­ri­ge ei­ner in Ver­ges­sen­heit ge­ra­te­nen Zunft, die sich frü­her aus­schließ­lich der Ver­zie­rung – eben dem Auf­put­zen – von Kopf­schmuck wid­me­te. Osl zieht hier ei­ne de­zi­dier­te Trenn­li­nie zum Be­ruf der Hut­ma­che­rin. Der Zunft ist sie nach mehr­ma­li­gen Bit­ten den­noch bei­ge­tre­ten.

Das war, nach­dem sie mit ih­rer Mar­ke, Miss Lil­lys Hats, über Ös­ter­reichs Gren­zen hin­aus be­rühmt ge­wor­den war. Nach­dem US-Pop­star La­na del Rey vor gut fünf Jah­ren erst­mals Osls selbst de­sign­te Blu­men­krän­ze bei ih­ren Büh­nen­shows trug. Und nach­dem das deut­sche und in wei­te­rer Fol­ge vie­le wei­te­re „Vo­gue“-Ma­ga­zi­ne über das Wie­ner Fräu­lein­wun­der und sei­ne Blu­men­krea­tio­nen be­rich­tet hat­ten.

Zu del Rey, de­ren Selbst­in­sze­nie­rung ir­gend­wo zwi­schen Be­au­ty­queen aus dem Trai­ler­park und tra­gi­scher Hel­din ei­nes zer­bro­che­nen ame­ri­ka­ni­schen Traums an­ge­sie­delt ist, pass­ten die Blu­men­kro­nen per­fekt. Die jun­ge Wie­ne­rin hät­te sich wohl kei­ne bes­se­re Mar­ken­bot­schaf­te­rin aus­su­chen kön­nen. Da­bei war der Weg bis zum Tref­fen mit del Reys Sty­lis­ten, der ih­re Krea­tio­nen im Sa­lon der be­freun­de­ten De­si­gne­rin Le­na Ho­schek ent­deckt hat­te, al­les an­de­re als vor­ge­zeich­net.

„Mein Rat an al­le El­tern: Man soll­te Kin­der nicht zu früh auf­ge­ben“, sagt Osl. Sie sei der le­ben­di­ge Be­weis. Aus der Mo­de­schu­le He­gel­gas­se war sie ge­flo­gen, weil sie lie­ber Stra­ßen­mu­sik mach­te, als dem Un­ter­richt zu fol­gen. Mit 16 Jah­ren zog sie von zu Hau­se aus, fing ein Kol­leg für Gra­fik­de­sign an, wur­de nach dem Ab­schluss von zwei Pro­fes­so­ren von der Uni­ver­si­tät für an­ge­wand­te Kunst um­wor­ben. „Ich muss­te mich selbst er­hal­ten, hät­te ne­ben dem Stu­di­um aber nicht ar­bei­ten kön­nen.“Al­so ging es auf di­rek­tem Weg in ein Gra­fik­bü­ro. Das wie­der­um ver­ließ sie nach we­ni­gen Mo­na­ten wie­der für die Agen­tur ei­nes Freun­des. „Ich ha­be ein sehr un­ste­tes Le­ben ge­führt“, sagt Osl rück­bli­ckend. Und nicht ganz oh­ne Stolz in der Stim­me. So ha­be ihr lan­ge Zeit der Ruf an­ge­haf­tet, „nix durch­zu­hal­ten“. Man merkt der blon­den Frau an, dass sie selbst über den Um­stand amü­siert ist, nun so sess­haft mit zwei Kat­zen, Hund, Ehe­mann – und vor al­lem ei­nem flo­rie­ren­den Ate­lier – in ei­ner ru­hi­gen Ma­ria­hil­fer Sei­ten­gas­se zu re­si­die­ren. Zu­rück zum An­fang. Schon als Kind be­gann Ni­ki Osl, al­te Hü­te zu sam­meln. Fa­mi­li­är vor­be­las­tet war sie nicht nur auf­grund ih­rer Mut­ter, die sich par­tout wei­ger­te, den Töch­tern neu­es Ge­wand zu kau­fen. Auch ihr On­kel war da­für be­kannt, mit fei­nem Blu­men­draht die schöns­ten Braut­krän­ze der Ge­gend zu bin­den. „Ir­gend­wie kommt man im­mer zu­rück“, sagt die De­si­gne­rin. Sie ha­be für ih­ren Ei­gen­be­darf Haar­krän­ze ge­wollt, aber „kei­nen Fa­schings­schmuck auf dem Kopf“. So be­gann sie ne­ben der Ar­beit als Gra­fi­ke­rin un­ter müt­ter­li­cher An­lei­tung, sich die Ar­beits­schrit­te bei­zu­brin­gen. Ir­gend­wann nahm Freun­din Le­na Ho­schek, da­mals schon ei­ne Grö­ße in der Mo­de­bran­che, ih­re Krea­tio­nen mit in ihr Münch­ner Ge­schäft.

Als dann al­les Schlag auf Schlag ging und nach dem Auf­trag für La­na del Rey im­mer mehr Kun­den und Zeit­schrif­ten an­klopf­ten, stand Osl nicht nur vor dem Pro­blem, kei­ne Kol­lek­ti­on oder fer­ti­gen Mus­ter prä­sen­tie­ren zu kön­nen. Ihr neu­er Haupt­be­rufs­zweig mit dem blü­hen­den Haar­schmuck hat­te noch nicht ein­mal ei­nen Na­men. Da­für hat­te sie gera­de ei­ne Kat­ze aus ei­nem slo­wa­ki­schen Tier­heim bei sich auf­ge­nom­men. Lil­ly, die wäh­rend In­ter­views mit Freu­de auf den Schreib­blö­cken der Jour­na­lis­ten und mit un­ver­stell­tem Blick auf das nächs­te Ka­me­ra­ob­jek­tiv Platz nimmt, wur­de flugs zur Na­mens­ge­be­rin. Heu­te schmückt Miss Lil­lys Ge­sicht Osls Wer­be­pla­ka­te und Preis­schil­der. Manch­mal po­siert die Grün­de­rin auch ge­mein­sam mit ih­rer Lieb­lings­kat­ze – dann stets an­ge­tan mit Blu­men­schmuck und ro­man­tisch-ver­spiel­ten Klei­dern.

Al­les Teil ei­ner gro­ßen Ins­ze­nie­rung. Des­sen ist sich Osl be­wusst. Sie be­zeich­net es als gro­ßen Vor­teil, aus der Wer­be­bran­che zu kom­men. Ide­en wie die Ver­pa­ckung in nost­al­gi­schen, schwarz-wei­ßen Hut­schach­teln oder auch die Selbst­ver­mark­tung als mo­der­nes Blu­men­mäd­chen gin­gen so leich­ter von der Hand. Rest­pos­ten aus der DDR. 220 bis 1500 Eu­ro – je nach Ma­te­ri­al, Auf­wand und Grö­ße – müs­sen mo­der­ne Blu­men­mäd­chen kal­ku­lie­ren, die bei Osl ein­kau­fen. Die al­ten Blu­men aus Vin­ta­ge-Pa­pier, Samt, Seide und Le­der be­zieht sie groß­teils aus Rest­la­ger­be­stän­den in den USA. Dort­hin hat­ten die säch­si­schen Kunst­blu­men­wer­ke in den 1940er- und 50er-Jah­ren des vo­ri­gen Jahr­hun­derts fast ih­re ge­sam­te Pro­duk­ti­on ver­schifft. In Seb­nitz, der eins­ti­gen DDR-Me­tro­po­le für fal­sche Blu­men, ist heu­te bei­na­he die ge­sam­te In­dus­trie ge­stor­ben. Sie konn­te der preis­wer­ten asia­ti­schen Kon­kur­renz nicht stand­hal­ten. Bei den zwei, drei ver­blie­be­nen Be­trie­ben lässt Osl zwar heu­te noch fer­ti­gen. 90 Pro­zent der ver­wen­de­ten Ma­te­ria­li­en sind je­doch „Vin­ta­ge“, sprich bis zu 100 Jah­re alt. „Al­les, was ich hat­te und Ma­mas

»Mein Rat an al­le El­tern: Man soll­te Kin­der nicht zu früh auf­ge­ben.«

Cle­mens Fa­b­ry

Ro­man­tisch, weib­lich und vor al­lem blu­mig – das trifft auf Osls Klei­dungs­stil ge­nau­so zu wie auf die Ein­rich­tung ih­rer Werk­statt.

Fa­b­ry

Ni­ki Osls na­mens­ge­ben­de Kat­ze, Lil­ly, liebt Ka­me­ras.

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