Wie lang hält die Bat­te­rie?

Der Mensch hat sich die Er­de un­ter­tan ge­macht, er flo­riert. Aber sein Ener­gie­hun­ger lässt sich auf Dau­er nicht stil­len. Man kann die Frist be­rech­nen.

Die Presse am Sonntag - - Wissen - VON JÜR­GEN LANGENBACH

Kein Be­fehl in der Welt­ge­schich­te ent­fal­te­te ei­ne der­ar­ti­ge Wir­kung – auch bei de­nen, die ihn nie ver­nom­men ha­ben – wie der, die Men­schen mö­gen sich die Er­de un­ter­tan ma­chen. Das ha­ben wir so eif­rig ge­tan, dass wir das sechs­te Mas­senster­ben ein­ge­läu­tet ha­ben und die ers­te vom Men­schen ge­mach­te Epo­che der Erd­ge­schich­te, das An­thro­po­zän. Bei dem strei­tet man nur noch dar­über, wann es be­gann, mit der Atom­bom­be Mit­te des 20. oder der In­dus­tria­li­sie­rung An­fang des 19. Jahr­hun­derts. Oder viel frü­her.

Letz­te­res legt ei­ne Bi­lanz na­he, in der Ni­co­le Bo­vin (Ox­ford) nach­zeich­net, wann und wie der Mensch sich breit- und al­le an­de­ren schmal ge­macht hat (Pnas 113, S. 6388): „Un­be­rühr­te Land­schaf­ten gibt es schon lang nicht mehr“, heißt der Be­fund, er wird in drei Schrit­ten ent­fal­tet, be­gin­nend mit dem, mit dem sich Ho­mo sa­pi­ens vor 70.000 Jah­ren aus Afri­ka auf­mach­te in die wei­te Welt, vor 50.000 Jah­ren war er in Aus­tra­li­en. Zur glei­chen Zeit ver­schwand dort der Groß­teil der Me­gafau­na, zu ihr zählt man al­le Tie­re mit mehr als 45 Ki­lo. Sie ver­schwand auch sonst übe­r­all, wo er hin­kam – vor 50.000 Jah­ren zähl­te die Me­gafau­na 150 Ar­ten, vor 10.000 Jah­ren wa­ren 97 weg –, und das war kei­ne Ko­in­zi­denz, das zeig­te sich et­wa vor 12.000 Jah­ren in Ame­ri­ka. Die Men­schen wa­ren noch nicht lang da, aber sie hat­ten schon ab­ge­räumt: fast al­le an­de­ren Gro­ßen, von Ele­fan­ten (Mam­muts, Mas­to­dons) bis zu Rie­sen­faul­tie­ren und Ka­me­len.

Die wur­den Op­fer ei­ner Mi­schung aus „Blitz­krieg“und „Sitz­krieg“, Jagd und Um­bau der Er­de, vor al­lem durch Brand­ro­dung. Als die Gro­ßen weg wa­ren, war es auch all das, was sie ge­leis­tet hat­ten, die Ver­brei­tung von Sa­men et­wa über gro­ße Dis­tan­zen. Oder die Dün­gung ei­nes hal­ben Kon­ti­nents: Die Bö­den Ama­zo­ni­ens sind ex­trem nähr­stoff­arm, ver­mut­lich des­halb, weil die gro­ßen Gra­ser de­zi­miert wur­den, die Nähr­stof­fe mit ih­rem Kot und ih­ren Ka­da­vern weit ver­brei­tet hat­ten: „Die Re­gi­on ver­lor ih­re Nah­rungs­ar­te­ri­en“, schloss Chris­to­pher Dough­ty (St­an­ford), er hat es durch­ge­rech­net (Na­tu­re Geo­sci­ence 8, S. 761). Nord­ame­ri­ka traf es nicht so hart, weil zwei gro­ße Gra­ser über­lebt hat­ten, Bi­sons und Ka­ri­bus. Aber der Ver­lust der ganz Gro­ßen, der Ele­fan­ten, zeig­te sich: Sie hiel­ten die Sa­van­nen nicht mehr kurz, die ver­wan­del­ten sich in Wäl­der, da­mit wan­del­te sich die Al­be­do, sie gibt an, wie viel Son­nen­licht re­flek­tiert wird. Wäl­der schlu­cken mehr als Gras, das brach­te Er­wär­mung, re­gio­nal ein Grad, ge­rech­net hat wie­der Dough­ty, er ti­tel­te mit Vor­sicht: „The first hu­man-in­du­ced glo­bal war­ming?“(Geo­phy­si­cal Re­se­arch Let­ters 37, L15703).

Das Fra­ge­zei­chen ent­fällt beim zwei­ten gro­ßen Um­bau der Er­de, dem der Neo­li­thi­schen Re­vo­lu­ti­on, in der die Men­schen vor 11.000 Jah­ren die Land­wirt­schaft er­fan­den und sess­haft wur­den. Wie­der muss­ten Wäl­der wei­chen, das brach­te vor 7000 Jah­ren Er­wär­mung, die CO2-Ge­hal­te stie­gen. Dies­mal hat Wil­li­am Rud­di­man (Uni­ver­si­ty of Vir­gi­nia) ge­rech­net – un­klar ist, ob er auch die Al­be­do be­rück­sich­tig­te und ob Dough­ty das um­ge­kehrt mit dem CO2 tat –, vor 5000 Jah­ren kam noch ein an­thro­po­ge­nes Treib­haus­gas, Methan aus Reis­an­bau in über­flu­te­ten Fel­dern (Cli­ma­te Chan­ge 61, S. 261). Trans­por­tier­te Land­schaf­ten. Aber die Neo­li­thi­sche Re­vo­lu­ti­on zer­stör­te nicht nur, sie schuf auch, durch Do­mes­ti­ka­ti­on: Die wich­tigs­ten Nutz­pflan­zen ent­stan­den so, und Haus­hüh­ner gibt es heu­te drei­mal so vie­le wie Men­schen, Joe Bull (Kopenhagen) hat bi­lan­ziert (Proc. Roy. Soc. B 29. 6.). Vie­le No­vi­tä­ten gin­gen im drit­ten Schritt mit auf Rei­sen, hin zu den letz­ten Re­fu­gi­en der Na­tur, den ent­le­gens­ten In­seln. Im­mer war mit an Bord, was Patrick Kirch (Ber­ke­ley) „trans­por­tier­te Land­schaf­ten“nann­te, 40 Pflan­zen­ar­ten in Po­ly­ne­si­en, Tie­re auch, Rat­ten gar, als Pro­vi­ant. Mit all dem wur­de wei­ter um­ge­baut – die Süd­seeidyl­len sind Na­tur aus zwei­ter Hand –, auch un­ab­sicht­lich, entlaufene Rat­ten ent­wal­de­ten mit ih­rem Hun­ger auf Baum­sa­men gan­ze In­seln, viel­leicht auch die Os­ter­in­seln, es ist trotz Ja­red Dia­monds er­folg­rei­chem Buch we­nig klar, was sie in den Kol­laps trieb.

So zeig­ten sich Kehr­sei­ten, aber die Mensch­heit flo­riert: Vor 5000 Jah­ren gab es 20 Mil­lio­nen von uns, 2010 wa­ren es 350-mal so vie­le, sie­ben Mil­li­ar- den. Die leb­ten zu­dem bes­ser und län­ger denn je: Ein Bür­ger des Rö­mi­schen Reichs hat­te ei­ne Le­bens­er­war­tung von kaum 25 Jah­ren, 2010 lag sie in rei­chen Län­dern bei 80 Jah­ren, ih­re Be­woh­ner hat­ten im Schnitt 40.000 Dol­lar im Jahr zur Ver­fü­gung, bei den Rö­mern wa­ren es nach heu­ti­ger Kauf­kraft 500 bis 1000, die Bi­lanz ist von Va­clav Smil, und der mahnt lang schon, dass es ewig so nicht wei­ter­ge­hen kann (Po­pu­la­ti­on and De­ve­lop­ment Re­view 37, S. 613).

An­de­re tun es auch, sie bi­lan­zie­ren Gren­zen des Wachs­tums oder öko­lo­gi­sche Fuß­ab­drü­cke oder die Über­nut­zung der Res­sour­cen – die für das heu­ri­ge Jahr sind mor­gen ver­braucht, am 8. Au­gust, da ist der vom WWF er­rech­ne­te „Wel­ter­schöp­fungs­tag“–, Ge­hör fin­den sie kaum. So ver­sucht es Ja­mes Brown (Al­bu­quer­que) mit ei­ner neu­en Me­ta­pher, der ei­ner Er­de-Wel­tall-Bat­te­rie (Pnas 112, S. 9511): Die Er­de ist die Ka­tho­de, in der in Form von che­mi­scher Ener­gie all das steckt, was ver­braucht wer­den kann. Durch den Ver­brauch fließt es ab zur Anode, da­bei wird die Ener­gie um­ge­wan­delt und ent­wer­tet, zu Wär­me, die ins All ent­weicht.

Un­be­rühr­te Land­schaf­ten gibt es schon lang nicht mehr, der Mensch mach­te sich früh breit. Ver­rech­net man die nutz­ba­re mit der ge­nutz­ten Ener­gie, bleibt nicht sehr viel Zeit.

Und wo kommt all das her, was in der Ka­tho­de steckt? Von der (au­ßer Ra­dio­ak­ti­vi­tät) ein­zi­gen Ener­gie­quel­le, die wir ha­ben, der Son­ne, und vom zen­tra­len Weg ih­rer Nut­zung, der Fo­to­syn­the­se. Nun ist ver­sam­melt, was Brown für sei­ne Rech­nung braucht, in ihr geht es um Ome­ga, das En­de: = P ist die Pflan­zen­mas­se, N der Durch­schnitts­ver­brauch, B die Kopf­zahl. Heu­te ver­braucht ein Mensch 74,6 x 109 Joule pro Jahr, wir sind sie­ben Mil­li­ar­den, macht 522,2 x 1018. Dem ste­hen zwei Ze­ta­joule (1021) aus der jähr­li­chen Pro­duk­ti­on der Pflan­zen ge­gen­über und 19 ZJ aus den Vor­rä­ten, fos­si­len Re­ser­ven. Blei­ben, ge­rech­net für das Jahr 2000 1029 Jah­re.

Hält die Bat­te­rie so lang? Nein, wir schrei­ben 2016, und die Ent­la­dung läuft nicht li­ne­ar, sie schießt seit Mit­te des 20. Jahr­hun­derts fast senk­recht in die Hö­he. Und: „Die glo­ba­le Bio­sphä­re, die mensch­li­che Po­pu­la­ti­on und ih­re Öko­no­mie wer­den of­fen­kun­dig zu­sam­men­bre­chen, lang be­vor = 1 ist.“

WW

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