Wort der Wo­che

BE­GRIF­FE DER WIS­SEN­SCHAFT

Die Presse am Sonntag - - Wissen - VON MAR­TIN KUG­LER

Dür­fen Chris­ten Fleisch es­sen? Die tra­di­tio­nel­le Ant­wort lau­tet: Ja. Aber nun hat ein Buch ei­ne span­nen­de De­bat­te über Tier­schutz in der Theo­lo­gie an­ge­regt.

Tie­re sei­en Ma­schi­nen oh­ne Ge­füh­le und Ver­stand, ih­re Schreie nichts wei­ter als das Qu­iet­schen von Ma­schi­nen: Die­se An­sicht ei­nes der ge­schei­tes­ten Men­schen der Ge­schich­te, Re­ne´ Des­car­tes, ist für uns heu­te völ­lig in­ak­zep­ta­bel. Die über­wie­gen­de Mehr­heit ist heut­zu­ta­ge über­zeugt, dass Tie­re emp­fin­dungs­fä­hi­ge We­sen sind. Das zeigt sich u. a. da­rin, dass im­mer mehr Men­schen kein Fleisch es­sen (Ve­ge­ta­ri­er) oder über­haupt kei­ne tie­ri­schen Pro­duk­te ver­wen­den (Ve­ga­ner).

Des­car­tes war sei­ner­zeit mit sei­ner An­sicht frei­lich nicht al­lein. Er spitz­te „nur“die Mehr­heits­mei­nung zu, und die­se war Teil der christ­lich ge­präg­ten abend­län­di­schen Geis­tes­ge­schich­te. Mit dem bi­bli­schen Un­ter­wer­fungs­auf­trag ha­be Gott „die Tie­re un­ter die Herr­schaft des Men­schen ge­stellt, den er nach sei­nem Bild ge­schaf­fen hat“, heißt es et­wa im Ka­te­chis­mus.

Aber auch in der Kir­che ist ei­ni­ges in Be­we­gung ge­kom­men, wie der Gra­zer Theo­lo­ge Kurt Re­me­le in sei­nem Buch „Die Wür­de des Tie­res ist un­an­tast­bar“(231 S., 20,60 €, Butzon Bercker) aus­führt. Re­me­le will, so der Un­ter­ti­tel, „ei­ne neue christ­li­che Tie­re­thik“be­schrei­ben. Papst Fran­zis­kus spricht die­ses Um­den­ken im­mer wie­der an: Je­des Ge­schöpf ha­be „ei­nen Ei­gen­wert, ei­nen Wert des Da­seins, des Le­bens, der Schön­heit und der ge­gen­sei­ti­gen Ab­hän­gig­keit mit den an­de­ren Ge­schöp­fen“, sag­te er et­wa im Vor­jahr vor der UNO.

Re­me­le un­ter­nimmt in sei­nem Buch be­züg­lich un­se­res Um­gangs mit Tie­ren ei­nen wei­ten Streif­zug durch die Theo­lo­gie. Bi­blisch gut be­grün­det sei et­wa die Ver­mu­tung, dass die Er­näh­rungs­wei­se im Pa­ra­dies ei­ne ve­ga­ne ge­we­sen sei. Ob Je­sus Ve­ge­ta­ri­er war, dar­über ge­be es hin­ge­gen kei­ne ge­si­cher­ten Be­rich­te. Un­ter den Chris­ten gab es im­mer wie­der Tier­schüt­zer – et­wa Franz von As­si­si oder Phil­ipp Ne­ri. Trotz­dem ha­be der in den christ­li­chen Fas­ten­ge­bo­ten fest­ge­leg­te Fleisch­ver­zicht nichts mit Tier­schutz zu tun, be­tont Re­me­le – die­ser ha­be aus­schließ­lich as­ke­ti­sche Grün­de. Über­zeug­te Ve­ge­ta­ri­er wa­ren meist der Hä­re­sie ver­däch­tig.

Die­se Zei­ten sind vor­bei, Re­me­le sieht in der lau­fen­den De­bat­te gu­te theo­lo­gi­sche Grün­de für ei­nen „ve­ge­ta­risch-ve­ga­nen Im­pe­ra­tiv“. Doch die Tra­di­ti­on ist im­mer noch macht­voll: Es ge­be, so schreibt er, ei­ne nicht zu über­se­hen­de „Dis­kre­panz zwi­schen from­men Sonn­tags­pre­dig­ten, die sehr all­ge­mein zur Ver­ant­wor­tung für die Schöp­fung auf­ru­fen, und dem opu­len­ten Sonn­tags­bra­ten, der nach dem Hoch­amt im Pfarr­hof ver­speist wird“. Der Au­tor lei­te­te das For­schungs­res­sort der „Pres­se“und ist Chef­re­dak­teur des „Uni­ver­sum Ma­ga­zins“.

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