Der Metz­ger und der to­te Flei­scher

Ein eit­ler Li­te­ra­tur­kri­ti­ker, ein to­ter Wurst­her­stel­ler und bren­nen­de Re­clam­hef­te: Tho­mas Ra­ab legt nach drei Jah­ren ei­nen neu­en Metz­ger-Kri­mi vor. Das War­ten hat sich ge­lohnt.

Die Presse am Sonntag - - Lesenhören - VON MIR­JAM MARITS

Den Metz­ger geht dies­mal un­ter die Fleisch­hau­er. Un­frei­wil­lig wie im­mer, na­tür­lich. Als sich der Metz­ger näm­lich an ei­nem quä­lend hei­ßen Tag um ein Würs­tel beim Bio-No­bel-Würs­tel­stand vom Za­wod­nik an­stellt, wird er nicht nur Zeu­ge, wie der be­kann­te Li­te­ra­tur­kri­ti­ker mit dem wun­der­bar eit­len Na­men Mi­guel Ma­ria Ho­fer von ei­nem Lie­fer­wa­gen über den Hau­fen ge­fah­ren wird. Eben­die­ser Lie­fer­wa­gen, der auch noch in Za­wod­niks Würs­tel­stand rast, ge­hört dem Wurst­kai­ser der Stadt, dem Heinz Wo­pla­tek, der, gro­ßes Ego, gro­ße Ei­tel­keit, sich stän­dig auf di­ver­sen So­cie­ty-Events bli­cken lässt.

Bli­cken ließ. Denn kurz nach dem Würs­tel­stand-Crash hängt der Wo­pla­tek tot in der Selch­kam­mer. So schei­det man eher nicht frei­wil­lig aus dem Le­ben. Und das in­ter­es­siert ihn dann doch, den Metz­ger, Hit­ze hin, die ihm ei­ge­ne Be­hä­big­keit her. Auch, weil er sich frü­her um den Sohn vom Wo­pla­tek, den Han­si, ge­küm­mert hat, der lie­ber Schrift­stel­ler als Fleisch­hau­er ge­wor­den ist. Da forscht der Metz­ger ein biss­chen nach, in der Flei­scher- und vor al­lem in der Li­te­ra­tur­sze­ne.

So be­ginnt er, der neue Kri­mi von Tho­mas Ra­ab, in dem der Wie­ner Au­tor sei­nen über­ge­wich­ti­gen Wil­li­bald Adri­an Metz­ger in sein sie­ben­tes Aben­teu­er schickt und zu­nächst ein­mal über­rascht, denn: Dem Metz­ger, der stets ei­nen aus­sa­ge­kräf­ti­gen Ti­tel hat­te („Der Metz­ger sieht rot“, „Der Metz­ger holt den Teu­fel“), ist eben­die­ser ab­han­den­ge­kom­men. Der neue Metz­ger-Kri­mi heißt schlicht: „Der Metz­ger“. Punkt. Selbst­iro­nie. Sonst aber ist, die An­hän­ger­schaft des gran­teln­den Re­stau­ra­tors darf be­ru­higt sein, al­les beim Al­ten ge­blie­ben, min­des­tens. Ra­ab hat sich, nach­dem er im Vor­jahr mit dem Metz­ger-frei­en „Still“ei­nen gro­ßen, ernst­haf­ten Ro­man vor­ge­legt hat, auch für den Metz­ger ei­ne un­ge­wöhn­lich kom­ple­xe und raf­fi­nier­te Hand­lung aus­ge­dacht. Zwi­schen Metz­gers Er­mitt­lun­gen in der Li­te­ra­tur­bran­che, über die sich Ra­ab – eit­le Au­to­ren, noch eit­le­re Kri­ti­ker – wun­der­bar lus­tig zu ma­chen ver­steht (durch­aus selbst­iro­nisch auch über Kri­mi­au­to­ren und ih­re Le­ser), streut er Ka­pi­tel aus ei­nem an­de­ren Buch ein, in dem der Prot­ago­nist ei­nen Ra­che-Thril­ler liest und sich so zu grau­sa­men Mor­den in­spi­rie­ren lässt. Ein Buch im Buch im Buch al­so, des­sen In­halt, mehr sei nicht ver­ra­ten, Par­al­le­len zur Haupt­hand­lung zeigt.

Auch wenn Metz­gers Aben­teu­er schon bis­her durch­dacht wa­ren: Dass man der Auf­lö­sung dies­mal mehr als sonst ent­ge­gen­fie­bert, über­rascht in­so­fern, als man ei­nen Ra­ab-Kri­mi vor al­lem des un­ver­wech­sel­ba­ren Stils, der Wort­wit­ze, der fei­nen, tref­fen­den Ge­sell­schafts­kri­tik, des schrä­gen Hu­mors we­gen ge­le­sen hat. (All das gibt es, kei­ne Sor­ge, im­mer noch.) Ei­ne ur­ös­ter­rei- chi­sche Art des Kri­mi­sch­rei­bens, die sich selbst nicht zu ernst nimmt und die man et­wa auch von Wolf Haas oder Rai­ner Ni­ko­witz kennt.

Wer letzt­end­lich der Tä­ter ist, wel­che Mo­ti­ve er ge­habt ha­ben mag, all das ist in die­ser Art Kri­mi mit ih­ren so amü­san­ten wie wahn­wit­zi­gen Hand­lungs­strän­gen sonst eher zweit­ran­gig. Dies­mal aber bleibt es span­nend fast bis zur letz­ten Sei­te. Und dann kommt, als Epi­log qua­si, der Pro­log auf den nächs­ten, den ach­ten Metz­ger. Und der hat wie­der ei­nen ech­ten Metz­ger-Buch­ti­tel. Und was für ei­nen.

Si­mo­ne He­her-Ra­ab

Der Mann hin­ter dem Metz­ger: der Wie­ner Au­tor Tho­mas Ra­ab.

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