BUCH­TIPP

Aus Angst da­vor, an­de­re zu ent­täu­schen, sagt man all­zu oft Ja, oh­ne dass man es will. Die Au­to­rin Sa­rah Knight rät da­zu, in sol­chen Si­tua­tio­nen ein­fach »Scheiß dar­auf« zu sa­gen.

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON ERICH KO­CI­NA

Sor­ry seems to be the har­dest word“, sang El­ton John. Mag sein, doch es ist nur die hal­be Wahr­heit. Kommt doch die Ent­schul­di­gung in der Re­gel erst, nach­dem et­was pas­siert ist. Es gibt schon vor­her ein Wort, das vie­len Men­schen un­glaub­lich schwer­fällt. Um bei El­ton John zu blei­ben und oh­ne Rück­sicht auf das Vers­maß, wä­re dann „Nein“das Wort, mit dem wir uns so un­glaub­lich schwer­tun. Nicht da­mit, ei­ner Aus­sa­ge zu wi­der­spre­chen, das geht recht gut. Auch nicht, je­man­den im Sinn von „lass das“zum Be­en­den ei­ner Hand­lung auf­zu­for­dern. Und erst recht nicht da­mit, sei­ne emo­tio­na­le Be­find­lich­keit aus­zu­drü­cken („Nein, das kann nicht wahr sein!“). Son­dern da­mit, ei­ner Bit­te oder Auf­for­de­rung zu wi­der­spre­chen.

Das Nein in ei­ner sol­chen Si­tua­ti­on trägt auch im­mer ein po­ten­zi­el­les Ent­täu­schen des Ge­gen­übers in sich. Den Bei­ge­schmack des Wi­der­wil­lens, der Faul­heit. Emp­fin­dun­gen, die ne­ga­tiv auf­ge­fasst wer­den kön­nen. Gera­de bei schein­ba­ren Klei­nig­kei­ten fällt es be­son­ders schwer, Nein zu sa­gen. Was ist denn schon so schwer dar­an, das kann doch ma­xi­mal zehn Mi­nu­ten dau­ern, wor­um man da ge­be­ten wur­de? Ja, eh. Nur sum­mie­ren sich die vie­len ZehnMi­nu­ten-Jas schnell auf ein paar St­un­den. Es bleibt am En­de das Ge­fühl, dass man viel­leicht doch ein paar Mal Nein hät­te sa­gen sol­len.

Sa­rah Knight bie­tet da­für ei­ne simp­le Lö­sung an: dar­auf schei­ßen. Es ist ei­ne freie deut­sche Über­set­zung des Slo­gans, den die ame­ri­ka­ni­sche Au­to­rin zum Mot­to ih­res An­ti­ratge­bers ge­macht hat: „Fuck it“. Viel­leicht nicht ganz kon­se­quent, weil der Ti­tel der deutsch­spra­chi­gen Ver­si­on mit „Not Sor­ry“dann doch ein we­nig sanf­ter aus­fällt – ver­mut­lich hat ein deutsch­spra­chi­ger Lek­tor ja ein­fach Nein ge- sagt. Ab­seits des Co­vers ist im Buch al­ler­dings recht häu­fig zu le­sen, wor­auf man al­les schei­ßen soll­te. Et­wa auf al­les, was nur Frust bringt. Nur dann, wenn et­was Lust bringt, so ih­re The­se, soll­te man Ja sa­gen.

Es sind Hand­lungs­an­lei­tun­gen, wie sie in ei­nem klas­si­schen Rat­ge­ber­buch eben zu fin­den sind. Mit di­rek­ter An­re­de, vie­len Im­pe­ra­ti­ven und ge­le­gent­li­chen Ver­sa­li­en­or­gi­en. In­halt­lich dreht es sich dar­um, sich dar­auf zu be­sin­nen, was man tun will. Nicht mehr nur Din­ge zu tun, die man tun muss. Und da­bei mehr auf sich selbst zu ach­ten, und nicht auf die an­de­ren. So wie man auch im Flug­zeug zu­erst die ei­ge­ne Sau­er­stoff­mas­ke an­le­gen soll, be­vor man an­de­ren hilft, wie sie es in ei­nem Ver­gleich be­schreibt. Da­zu ge­hört eben auch, nicht zu al­lem Ja zu sa­gen. Ja zu den fal­schen Din­gen. Von ei­nem Ja-Bud­get spricht Knight. Dass man nur ei­ne be­grenz­te An­zahl an Jas zur Ver­fü­gung hat – sagt man zu den fal­schen Din­gen Ja, ist der Vor­rat schnell auf­ge­braucht. So weit, so ein­leuch­tend. Nur braucht es dann eben ei­ne Prio­ri­sie­rung, zu wel­chen Din­gen man über­haupt Ja sa­gen will – und zu wel­chen nicht. Die Ge­fahr, da­mit wo­mög­lich an­de­re Men­schen zu ent­täu­schen – und das ist ja oft die Trieb­fe­der des Ja­sa­gens –, ist da­mit ja noch im­mer da. Auch hier greift die Au­to­rin zu ih­rer (zu­min­dest im Deut­schen) anal-ex­kre­men­tel­len Le­bens­weis­heit. Scham und Schuld­ge­füh­le, was die Men­schen über ei­nen den­ken, hät­ten ja nichts da­mit zu tun, dass es falsch ist, was man tut.

Im­mer­hin schränkt sie aber auch ein, dass es nicht sinn­voll ist, ihr Kon­zept eins zu eins in ei­ne Re­ak­ti­on auf ei­ne Fra­ge oder Bit­te um­zu­set­zen. Ehr­lich­keit und Höf­lich­keit sei­en hier be­son­ders wich­tig. In­dem man et­wa kei­ne Aus­re­den sucht, war­um man nicht zum Ka­rao­ke­abend mit den Fir­men­kol­le­gen ge­hen möch­te. Son­dern ein­fach fest­stellt, dass man nicht viel mit Sin­ga­ben­den an­fan­gen kann. Was die Höf­lich­keit an­geht: Man soll­te die Ver-

„Not Sor­ry. Ver­geu­den Sie Ihr Le­ben nicht mit Leu­ten und Din­gen, auf die Sie kei­ne Lust ha­ben.“

Sa­rah Knight, Ull­stein Ex­tra, 15,50 Eu­ro. Ab Frei­tag, 12. Au­gust, er­hält­lich. ach­tung für ei­ne sol­che Abend­ge­stal­tung in die­sem Mo­ment nicht all­zu of­fen­kun­dig ma­chen. „Sei kein Ar­sch­loch“ist auch ein wich­ti­ges Ele­ment der „Not Sor­ry“-Me­tho­de. Ver­grau­len will man da­mit ja auch nie­man­den.

Nein zu sa­gen, meint Knight, kann man üben. Für den An­fang ein­mal zu Din­gen, die man nicht braucht, oder für die man sich nicht in­ter­es­siert. Die kann man schließ­lich nicht ent­täu­schen. Als nächs­ten Schritt schlägt die Au­to­rin die Ar­beit vor – et­wa, in­dem man Mee­tings, die nichts brin­gen, ein­fach aus­lässt. Ist ein Fern­blei­ben nicht mög­lich, rät sie da­zu, sich zu­min­dest kei­ne No­ti­zen zu ma­chen. „Ha­ben Sie je­mals die No­ti­zen, die Sie sich wäh­rend ei­nes Mee­tings ge­macht ha­ben, hin­ter­her noch ein­mal an­ge­schaut?“

Der deutsch­spra­chi­ge Ti­tel fällt mit »Not Sor­ry« et­was sanf­ter als das Ori­gi­nal aus. Was pas­siert, wenn al­le nur noch Nein sa­gen? Bricht das Sys­tem dann zu­sam­men?

Ähn­li­che Tipps ver­teilt sie schließ­lich auch noch in den Be­rei­chen Freun­de, Be­kann­te, Frem­de und am En­de in der ei­ge­nen Fa­mi­lie. Da sei es am schwie­rigs­ten, weil man sich ge­gen­über Ver­wand­ten doch auch pflicht­schul­dig fühlt. Man­cher Fa­mi­li­en­fei­er, meint man, kann man ein­fach nicht ent­kom­men. Aber auch hier rät Knight da­zu, das Pflicht­ge­fühl nicht zu wich­tig zu neh­men, nur, weil die­se Men­schen die­sel­be DNA ha­ben.

Na­tür­lich, die Ge­fahr ist da, dass man mit die­ser At­ti­tü­de ge­le­gent­lich als zi­ckig, viel­leicht gar als so­zi­o­pa­thisch ge­se­hen wird. Ob ein Team, et­wa im Be­ruf, dann auch funk­tio­niert, wenn al­le dar­auf schei­ßen, dar­auf lie­fert Knight kei­ne Ant­wort. Ver­mut­lich klappt das nur, so­lang es ge­nü­gend an­de­re gibt, die dann auch die un­an­ge­neh­men Auf­ga­ben über­neh­men, zu de­nen die Nein-Sa­ger kei­ne Lust ha­ben. Je­ne, die es nicht schaf­fen, Nein zu sa­gen. Wä­re span­nend, wie lang ein Sys­tem hält, wenn sie dann auch al­le „Scheiß dar­auf“sa­gen.

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