Walk of Hä­me

GLA­MOUR, GOSSIP, LIPGLOSS. UND SO . . .

Die Presse am Sonntag - - Menschen -

Rio al­so. Das Wort al­lein reicht ja schon aus, um in ei­nem durch­schnitt­li­chen Mit­tel­eu­ro­pä­er al­ler­lei Bil­der auf­stei­gen zu las­sen: Sam­ba und Co­paca­ba­na sind im­mer da­bei, Le­bens­lust (was im­mer das auch sein mag) und Son­nen­schein eben­falls, aber zu­letzt auch im­mer häu­fi­ger tod­brin­gen­de Gel­sen, von Schmutz und Dreck ver­seuch­te Se­gel­re­vie­re, da­zu Kor­rup­ti­on und ver­brei­te­te Kri­mi­na­li­tät.

Ei­ne auf­se­hen­er­re­gen­de Kost­pro­be von Letz­te­rer gab es vor un­ge­fähr zwei Wo­chen. Näm­lich, als aus­ge­rech­net vor dem Be­ginn der Olym­pi­schen Spie­le Ber­nie Eccles­to­nes bra­si­lia­ni­sche Schwie­ger­mut­ter von Un­be­kann­ten ent­führt wor­den ist und post­wen­dend mehr als 30 Mil­lio­nen Eu­ro Lö­se­geld für die Frei­las­sung ge­for­dert wur­den. Dar­über kann man sich al­ler­dings erst jetzt ein paar un­erns­te­re Ge­dan­ken ma­chen, nach­dem die Frau un­ver­letzt be­freit wur­de und der an­geb­li­che Draht­zie­her, Eccles­to­nes Pi­lot (es gilt die Un­schulds­ver­mu­tung), von der Po­li­zei ver­haf­tet wur­de.

Denn die Ent­füh­rung ei­ner Schwie­ger­mut­ter ist per se schon be­mer­kens­wert, gilt sie doch ne­ben der Ehe­frau als zen­tra­les Witz­mo­bi­li­ar in ma­chis­ti­schen Stamm­tisch­run­den. Und Eccles­to­ne hat als For­mel-1-Grün­der die Sport­art schlecht­hin für die­se Ziel­grup­pe er­fun­den. Es war al­so für die Kri­mi­na­lis­ten wohl schnell klar, beim Ent­füh­rer muss­te es sich um je­man­den mit In­nen­sicht auf die wah­ren Ver­hält­nis­se in die Fa­mi­lie Ec­cels­to­ne han­deln, sonst wä­re ein an­de­res Op­fer ge­wählt wor­den.

Im Fall Eccles­to­ne ist au­ßer­dem die Ge­ne­ra­tio­nen­ar­chi­tek­tur gründ­lich durch­ein­an­der- ge­ra­ten. Denn die in­zwi­schen be­frei­te Apa­re­ci­da Schunk Flo­si ist mit ih­ren 67 Jah­ren um 18 Jah­re jün­ger als ihr 85-jäh­ri­ger Schwie­ger­sohn. Eccles­to­nes drit­te Ehe­frau, Fa­bia­na Flo­si, al­so die Toch­ter des Ent­füh­rungs­op­fers, ist 38 Jah­re alt, Eccles­to­nes äl­tes­te Toch­ter aus sei­ner ers­ten Ehe ist in­zwi­schen auch schon 60 Jah­re alt.

Die schließ­lich po­si­ti­ve Nach­richt vom En­de der Ent­füh­rung hat­te so ih­re Tü­cken, wie ein „Pres­se“-Le­ser be­merkt hat. Die Schlag­zei­le „Schwie­ger­mut­ter von Eccles­to­ne be­freit“ließ doch deut­lich mehr In­ter­pre­ta­ti­ons­spiel­raum als vom Au­tor be­ab­sich­tigt. Und wenn sie nicht ge­stor­ben sind, schau­en sie si­cher ge­mein­sam die Olym­pi­schen Spie­le. In Rrrr­rio.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.