»Wer­fen Sie nichts weg«

Ent­wür­fe, No­ti­zen, Müll: Ein neu­es Hand­buch zeigt, wie man als Er­be den Nach­lass ei­nes Künst­lers rich­tig ver­wal­tet.

Die Presse am Sonntag - - Kunstmarkt - VON SA­BI­NE B. VO­GEL

Wir le­ben in ei­ner Pha­se des „Me­mo­ry-Booms“. Statt Alt­ge­wor­de­nes zu ent­sor­gen, kon­ser­vie­ren wir es als Re­lik­te. Haupt­ak­teu­re des Me­mo­ryBooms sei­en Mu­se­en, schreibt der Phi­lo­soph Her­mann Lüb­be, mit ih­ren sinn­hal­ti­gen Aus­stel­lun­gen. Wir bli­cken zu­neh­mend zu­rück und spei­chern die Ver­gan­gen­heit in der Hoff­nung, we­sent­li­che Tei­le für die Zu­kunft zu si­chern – so lässt sich auch das stei­gen­de In­ter­es­se an Künst­ler­nach­läs­sen ver­ste­hen. Auf dem Kunst­markt lässt sich die­se Ten­denz deut­lich er­ken­nen: Im 20. Jahr­hun­dert wur­de so viel Kunst pro­du­ziert wie sel­ten zu­vor – und die fin­det im­mer häu­fi­ger Ein­gang in Ga­le­ri­en, die ne­ben le­ben­den Ak­teu­ren auch Nach­lass­künst­ler in ihr Pro­gramm auf­neh­men.

Das al­ler­dings klingt leich­ter, als es tat­säch­lich ist. „Ich ver­su­che jetzt, ei­nen Über­blick zu be­kom­men, al­les zu ar­chi­vie­ren, La­den zu öff­nen, in die Gun­ter nur Zeich­nun­gen ab­ge­legt hat, Ta­ge­bü­cher etc., in Wien und in Frei­degg. Je­den Tag wird mir be­wusst, wie viel er ge­ar­bei­tet hat, im­mer, die gan­ze Zeit“, fasst Ma­ria Da­misch ih­re Si­tua­ti­on mit dem Nach­lass des heu­er im April ver­stor­be­nen Gun­ter Da­misch zu­sam­men. Ein Nach­lass wirft zahl­rei­che Fra­gen auf und stellt die Er­ben vor ei­ne gro­ße Her­aus­for­de­rung. Wie soll die Men­ge an Ent­wür­fen, No­ti­zen, Do­ku­men­ten sor­tiert wer­den? Exis­tiert ei­ne In­ven­ta­ri­sie­rung? Wie soll al­les ver­wal­tet und wie der Ruhm er­hal­ten wer­den? Und von wem? Es wird teu­er. Denn oft ist ein Nach­lass emo­tio­nal stark be­la­den. Für die­se Si­tua­ti­on er­scheint jetzt ein aus­führ­li­ches Hand­buch. Her­aus­ge­be­rin ist Lo­ret­ta Wür­ten­ber­ger, die ei­ne ähn­li­che Si­tua­ti­on er­leb­te. Als ihr Schwie­ger­va­ter starb, ent­schied sie mit ih­rem Mann, Da­ni­el Tüm­pel, den ge­sam­ten Nach­lass des ver­stor­be­nen Sil­ber­schmieds und In­dus­trie­de­si­gners ei­nem Mu­se­um zu über­ge­ben. Da­mit war aber zu­gleich ei­ne neue Ge­schäfts­idee ge­bo­ren: 2008 über­nah­men sie die Mit­ver­ant­wor­tung für den Nach­lass von Hans Arp und ei­ni­gen wei­te­ren Künst­lern, grün­de­ten das In­sti­tu­te for Ar­tists’ Esta­tes und wur­den zu Spe­zia­lis­ten auf die­sem Ge­biet.

In dem de­tail­liert an­ge­leg­ten Hand­buch „Der Künst­ler­nach­lass“fasst Wür­ten­ber­ger sehr pra­xis­nah Stra­te­gi­en und zen­tra­le Fra­gen, von recht­li­chen For­men bis zu an­fal­len­den Kos­ten, zu­sam­men. Denn ein Nach­lass kann durch­aus teu­er wer­den: Wird ein eu­ro­päi­scher Nach­lass mitt­le­rer Grö­ße von ei­nem neun­köp­fi­gen Team or­ga­ni­siert, die wis­sen­schaft­li­che und kon­ser­va­to­ri­sche Ar­beit von ei­ner Uni­ver­si­tät be­glei­tet, so kos­tet das laut Wür­ten­ber­ger im Schnitt 56.000 Eu­ro jähr­lich. Da­rin ent­hal­ten sind Per­so­nal­kos­ten, der Un­ter­halt des ge­erb­ten Ate­liers, Ver­wal­tungs-, Rei­se-, Fo­to­gra­fie­kos­ten. Die Ro­bert Rau­schen­berg Foun­da­ti­on hat ei­nen jähr­li­chen Auf­wand von knapp sechs Mil­lio­nen Dol­lar, da­von al­lein 4,6 Mil­lio­nen Dol­lar Per­so­nal­kos­ten. Dem ge­gen­über ste­hen al­ler­dings Ein­nah­men Lo­ret­ta Wür­ten­ber­ger: „Der Künst­ler­nach­lass“, Hat­je Cantz Ver­lag, 29,80 Eu­ro. Im Sep­tem­ber ver­an­stal­tet das In­sti­tu­te for Ar­tists’ Esta­tes da­zu in Berlin die Ta­gung „Ke­eping the le­ga­cy ali­ve“(14.–15. 9. 2016), mit u. a. den Di­rek­to­ren der Rau­schen­berg Foun­da­ti­on, Esta­te Max Beck­mann und Hen­ry Moo­re, so­wie Lei­tern von Mu­se­en und Ar­chi­ven. aus Kunst­ver­käu­fen, Ur­he­ber­rech­ten, Ver­wer­tungs­rech­ten – zu­neh­mend müs­sen für Ab­bil­dun­gen be­kann­ter Künst­ler ho­he Ho­no­ra­re ge­zahlt wer­den.

Für ih­re Pu­bli­ka­ti­on sprach Wür­ten­ber­ger mit über fünf­zig Nach­lass­be­trau­ten. Ei­ner der wich­tigs­ten Rat­schlä­ge kommt von Jack Flam, Vor­sit­zen­der der von Ro­bert Mo­ther­well in­iti­ier­ten De­da­lus Foun­da­ti­on: „Wer­fen Sie nichts weg. Wer­fen Sie nicht ein­mal Farb­do­sen oder -tu­ben weg, die kön­nen spä­ter ein­mal sehr nütz­lich wer­den.“Als Fran­cis Ba­con starb, be­fan­den sich über 7000 Ein­zel­stü­cke in sei­nem Ate­lier – was wür­de spä­ter auf dem Kunst­markt tat­säch­lich als wert­voll er­ach­tet wer­den? Wo be­ginnt Müll, wo en­det die Ka­te­go­rie D? Das ist laut Uwe De­greif die für Mu­se­en span­nends­te Grup­pe ei­nes Nach­las­ses: Fo­tos, Er­in­ne­rungs­stü­cke, Kor­re­spon­den­zen und ähn­li­che per­sön­li­che Do­ku­men­te, die für ei­ne wis­sen­schaft­li­che Au­f­ar­bei­tung wich­ti­ge Aus­künf­te über per­sön­li­che Be­zie­hun­gen und Wert­set­zun­gen ent­hal­ten kön­nen. Zur Ka­te­go­rie A da­ge­gen zäh­len je­ne Wer­ke, in de­nen das künst­le­ri­sche An­lie­gen ver­dich­tet ist, die in Mu­se­en ge­hö­ren oder als un­ver­käuf­lich weit hin­ten im La­ger ru­hen sol­len. Ka­te­go­rie B um­fasst das größ­te, für den Markt in­ter­es­san­te Kon­vo­lut, Grup­pe C sind Wer­ke min­de­rer Qua­li­tät.

Die Ka­te­go­rie B ist auf dem Kunst­markt gera­de ge­frag­ter denn je. Al­ler­dings be­darf es oft ei­ner fi­nanz­star­ken Ga­le­rie, da Vor­leis­tun­gen not­wen­dig sein kön­nen, Rück­käu­fe auf Auk­tio­nen, post­hu­me Pro­duk­tio­nen, Werk­ver­zeich­nis­se und PR-Ar­beit. Aber soll über­haupt mit ei­ner Ga­le­rie zu­sam­men­ge­ar­bei­tet wer­den? Bei man­chen Künst­lern wie Keith Arnatt bei Sprüth Ma­gers oder Phil­ip­pe Van­den­berg bei Hau­ser & Wirth trug es maß­geb­lich zum post­hu­men Er­folg bei. Auch ein Mu­se­um kann den Nach­lass über­neh­men, al­ler­dings sind die In­sti­tu­tio­nen heu­te deut­lich se­lek­ti­ver ge­wor­den, wie Wür­ten­ber­ger be­tont. Mög­lich sind Misch­for­men oder Ate­lier­mu­se­en wie je­ne von Hans Arp, Hen­ry Moo­re, Do­nald Judd, Loui­se Bour­geois. Fäl­schun­gen und Kla­gen. Ist der Ruhm ge­si­chert, folgt ei­ne neue Hür­de: Soll die Nach­lass­stif­tung auch die Au­then­ti­fi­zie­rung von Wer­ken über­neh­men? „Bei der Pa­ri­ser Fon­da­ti­on Gi­a­co­met­ti flie­ßen be­reits 50 Pro­zent des jähr­li­chen Bud­gets in die Be­kämp­fung von Fäl­schun­gen“, nennt Wür­ten­ber­ger ei­nes der da­mit ver­bun­de­nen Pro­ble­me. Die Richard Die­ben­korn Foun­da­ti­on muss­te Rück­stel­lun­gen in Mil­lio­nen­hö­he bil­den, um nach Er­stel­lung ei­nes Werk­ver­zeich­nis­ses für Kla­gen von Ei­gen­tü­mern nicht ge­lis­te­ter Wer­ke ge­rüs­tet zu sein. Auf­grund der recht­li­chen und fi­nan­zi­el­len Ris­ken stell­ten die Foun­da­ti­ons von An­dy War­hol, Keith Ha­ring und Roy Liech­ten­stein das Aus­stel­len von Echt­heits­zer­ti­fi­ka­ten ein.

Ga­le­rie Bei Der Al­ber­ti­na, Ze­ter, Wien

In Nach­lass-Ka­te­go­rie B: Gun­ter Da­mischs „Rot­welt­mor­gen“(2004).

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