»Zwi­schen feuriger Lie­be und Hass«

Die jun­ge Au­to­rin Alissa Ga­ni­je­wa lebt in Mos­kau und schreibt über ih­re Hei­mat, Da­ges­tan. In ih­ren Ro­ma­nen be­schreibt sie ei­nen span­nungs­ge­la­de­nen Nord­kau­ka­sus mit from­men Lüg­nern und ver­un­si­cher­ten Sä­ku­la­ren, jun­gen Glücks­su­chern und dog­men­be­haf­te­ten Alt

Die Presse am Sonntag - - Letzte Fragen - VON JUT­TA SOMMERBAUER

Sie wa­ren in Russ­land zu­nächst als Li­te­ra­tur­kri­ti­ke­rin be­kannt. Wie kam es, dass Sie an­fin­gen, selbst zu schrei­ben? Alissa Ga­ni­je­wa: Das war kei­ne plötz­li­che Ent­schei­dung. Ich wuss­te im­mer, dass ich ir­gend­wann an­fan­gen wür­de, Pro­sa zu schrei­ben. Im Ge­gen­satz zu mei­nen Mit­stu­den­ten, die als Kin­der und Ju­gend­li­che zu schrei­ben be­gon­nen hat­ten, hat­te ich nie so ei­nen Drang. Ich ha­be Er­fah­run­gen ge­sam­melt, be­ob­ach­tet und frem­de Tex­te ge­le­sen. Zu­nächst klas­si­sche Tex­te. Spä­ter fand ich in­ter­es­sant, was mei­ne Al­ters­ge­nos­sen schrie­ben, die zehn, 15 Jah­re äl­ter sind als ich. Für mich wa­ren sie nicht nur in­ter­es­sant in Be­zug auf Äs­t­he­tik und Qua­li­tät, son­dern als Pris­ma der Zeit: In wel­chem Licht zeig­ten sie Russ­land, wie be­ur­teil­ten sie die Ver­gan­gen­heit? Ich hat­te ei­nen eher kul­tu­ro­lo­gi­schen Zu­gang. In mir selbst reif­te der Plan, über die Re­gi­on zu schrei­ben, aus der ich kom­me. Ich plag­te mich im­mer wie­der mit Un­ver­ständ­nis und Ste­reo­ty­pen in Be­zug auf die Men­schen im Nord­kau­ka­sus. Die Zeit läuft an­ders in den rus­si­schen Re­gio­nen, die Men­ta­li­tä­ten, die Selbsti­denti­fi­ka­ti­on un­ter­schei­den sich, die Wahr­neh­mung der Ver­gan­gen­heit und der Zu­kunft. Die Mos­kau­er ver­ste­hen Russ­land nur be­grenzt – und sie ha­ben we­nig Kennt­nis über an­de­re Ge­bie­te, wo der Ural ist, was Da­ges­tan ist. Sie ha­ben in den Nul­ler­jah­ren in Mos­kau stu­diert. Wie wur­den Sie dort auf­ge­nom­men? Ich hat­te ge­hört, dass man sich in Mos­kau skep­tisch uns ge­gen­über ver­hal­ten wür­de. Da­mals dran­gen von den TVSchir­men Be­schul­di­gun­gen in Rich­tung der Tsche­tsche­nen (Tsche­tsche­ni­en ist Da­ges­tans Nach­bar­re­pu­blik, Anm.). Wenn du zu den Vor­le­sun­gen gehst und je­den Tag vom Po­li­zis­ten zur Über­prü­fung dei­ner Pa­pie­re am Ein­gang an­ge­hal­ten wirst, ist das na­tür­lich un­an­ge­nehm. 2006 wur­de ich das letz­te Mal auf der Stra­ße an­ge­hal­ten. Ih­re ers­te Er­zäh­lung, „Sa­lam Dal­gat“, er­reg­te Auf­se­hen, da Sie sie zu ei­nem Li­te­ra­tur­wett­be­werb un­ter dem männ­li­chen Pseud­onym Gul­la Chi­rat­schew ein­sand­ten und dann durch Ih­ren Auf­tritt das Pu­bli­kum ver­blüff­ten. War­um ta­ten Sie das? Als ich mich als Schrift­stel­ler vor­stell­te, er­schien in mei­nem Kopf das Bild ei­nes Man­nes. Ei­nes Mann mit Bart – ei­ner von den Klas­si­kern, Sie wis­sen schon (lacht). Zu­dem steht auf dem rus­si­schen Bü­cher­markt das Eti­kett „Frau­en­pro­sa“für Tri­vi­al­li­te­ra­tur. Pi­sa­tel­nitsa, die weib­li­che Form von Schrift­stel­ler, ist ein ab­wer­ten­des Wort. Es in­si­nu­iert, dass die Au­to­rin ir­gend­wel­che De­tek­tiv­ge­schich­ten schreibt, um viel Geld zu ver­die­nen. Na­tür­lich gibt es gu­te Schrift­stel­le­rin­nen, aber sie schrei­ben häu­fig über Fa­mi­lie, Be­zie­hun­gen, mit ei­ner weib­li­chen Sicht auf die Welt. Mein Text aber nahm ei­ne männ­li­che Sicht ein, mit größ­ten­teils männ­li­chen Prot­ago­nis­ten, die At­mo­sphä­re ist er­hitzt, po­li­ti­siert, bru­tal. Das al­les hat ei­nen männ­li­chen Au­tor er­for­dert. Wie füh­len Sie sich nun als weib­li­cher Au­tor? Voll­kom­men nor­mal. Das war nur am An­fang not­wen­dig. Das Ge­heim­nis hat sich ja sehr schnell auf­ge­löst. Ih­re Ro­ma­ne spie­len in Da­ges­tan. Wie kann man die Be­zie­hun­gen zwi­schen Russ­land und dem Nord­kau­ka­sus be­schrei­ben? Sie sind nicht ein­di­men­sio­nal, lie­gen zwi­schen feuriger Lie­be und Hass. Es gibt den ko­lo­nia­len Zu­gang, der Un­ter­ord­nung er­zwin­gen will, es gibt auch die ro­man­ti­sie­ren­de Idea­li­sie­rung. Die Berg­ler wer­den als Wil­de dar­ge­stellt, ih­re Welt gilt aber auch als In­sel der

1985

Alissa Ga­ni­je­wa wird in Mos­kau ge­bo­ren und wächst in Machatschka­la in der Nord­kau­ka­sus­re­pu­blik Da­ges­tan auf.

2003

Ga­ni­je­wa be­ginnt am Gor­ki-Li­te­ra­tur­in­sti­tut zu stu­die­ren. Heu­te ar­bei­tet sie bei der Li­te­ra­tur­bei­la­ge der „Ne­sa­wis­si­ma­ja Ga­se­ta“. Sie ist in der Ju­ry des dies­jäh­ri­gen Boo­ker-Prei­ses.

2009

Die Au­to­rin er­hält den Nach­wuchs­preis „De­but“für ih­re Er­zäh­lung „Sa­lam, Dal­gat!“(auf Deutsch in der Antho­lo­gie „Das schöns­te Pro­le­ta­ri­at der Welt“).

2014

Ihr ers­ter Ro­man „Die rus­si­sche Mau­er“er­scheint in deut­scher Über­set­zung. Ab Mon­tag ist „Ei­ne Lie­be im Kau­ka­sus“(Suhr­kamp) im Han­del er­hält­lich. Frei­heit. In der So­wjet­zeit wur­de der Kau­ka­sus als Ort der Be­frei­ung von al­ten Ge­wohn­hei­ten prä­sen­tiert. Die Staats­macht war Auf­klä­rer, be­son­ders in der Sa­che der Frau­en. An­de­rer­seits ha­ben Frau­en da­mals an­ge­stamm­te Rech­te ver­lo­ren. Die­se Pro­zes­se dau­ern bis heu­te an. Al­le Miss­bil­dun­gen, die es in der Re­gi­on gibt, gibt es in Re­struss­land auch: Kor­rup­ti­on, Vet­tern­wirt­schaft. Die Mos­kau­er Be­am­ten ver­schlie­ßen die Au­gen vor dem, was vor sich geht. Und die Be­am­ten in den Re­pu­bli­ken ste­cken die Do­ta­tio­nen des Zen­trums teil­wei­se in die ei­ge­nen Ta­schen, die Gel­der ge­lan­gen nicht an die Be­völ­ke­rung. Der Cha­rak­ter des Nord­kau­ka­sus än­dert sich: Frü­her ein­mal wa­ren die Men­schen dort as­ke­tisch und der Kin­schal, der Dolch, war das ein­zig wert­vol­le Stück. Heu­te wird im All­tag Reich­tum ze­le­briert. Ihr ak­tu­el­ler Ro­man, „Ei­ne Lie­be im Kau­ka­sus“, han­delt von zwei Ver­lieb­ten, die an der Fa­mi­lie und den Tra­di­tio­nen schei­tern. Ist ech­te Lie­be am Kau­ka­sus nicht mög­lich? Das se­he ich nicht so. Das En­de des Ro­mans ist of­fen, es gibt Hoff­nung. Das „Ro­meo und Ju­lia“-Su­jet ist sehr po­pu­lär in Da­ges­tan, es geht stän­dig um die­se Pro­ble­me: Der An­ge­be­te­te ist aus ei­ner an­de­ren eth­ni­schen Grup­pe, die El­tern las­sen ei­ne Hoch­zeit nicht zu. Der Ro­man han­delt aber nicht nur da­von. Es geht all­ge­mein um Tren­nen­des zwi­schen den Men­schen, um mys­ti­sche Er­eig­nis­se und um Ge­rüch­te. Es gibt kei­ne ge­mein­sa­me Wahr­heit mehr. Das be­schreibt die Sti­ua­ti­on am Nord­kau­ka­sus und in Russ­land gut. Wir bli­cken mit ge­teil­ten Bli­cken auf die Ver­gan­gen­heit und Zu­kunft. Uns ist nicht klar, was in den nächs­ten fünf, zehn Jah­ren sein wird. Die­se Un­be­timmt­heit drückt sich auch im Schluss aus. ta­ge durch El­tern und Ver­wand­te ar­ran­giert? Der Groß­teil. Sehr häu­fig gibt es zwi­schen den Paa­ren kei­ne Lie­be. Wenn für ei­nen Bur­schen Zeit für die Hoch­zeit ist, bringt man ihm ei­ne Lis­te mit Bräu­ten, er schaut sich um, wenn ei­ne nor­mal aus­sieht und ei­ne nor­ma­le Ver­gan­gen­heit hat, dann ist das meis­tens schon ge­nug. Mit der Zeit kön­nen sich Ge­füh­le ent­wi­ckeln, sie ge­wöh­nen sich an­ein­an­der. Lie­be ist das nicht. Die Mäd­chen ha­ben oft ei­ne ro­man­ti­sche­re Vor­stel­lung, aber wenn man ih­nen ei­nen kon­kre­ten Men­schen vor­schlägt, et­wa ei­nen ent­fern­ten Ver­wand­ten, dann über­tra­gen sie die­se Fan­ta­si­en oh­ne Pro­test auf die­sen jun­gen Mann. Je jün­ger sie sind, des­to ein­fa­cher. Je äl­ter, des­to schwie­ri­ger wird es. Ab wel­chem Al­ter gilt man denn als alt? Mit 25 ist man schon alt. Bei mir ist Hop­fen und Malz ver­lo­ren. Ich bin 30. Und nicht ver­hei­ra­tet? In mei­nem Fall ist es noch schlim­mer. Ich war ver­hei­ra­tet. Ich ha­be das ge­macht, um dem Sys­tem zu ent­flie­hen. Nach dem En­de mei­nes Stu­di­ums, mit 22, schlug man mir stän­di­ge ir­gend­wel­che Bräu­ti­ga­me vor. Und das, ob­wohl ich doch gar kei­ne tra­di­tio­nel­le da­ges­ta­ni­sche Braut bin! In den Au­gen der Hie­si­gen bin ich ei­ne recht ei­gen­ar­ti­ge Per­son, die in Mos­kau stu­diert hat und im­mer vor dem Com­pu­ter sitzt. Den­noch gab es stän­dig An­ge­bo­te. Ob­wohl mei­ne El­tern sehr in­tel­li­gen­te, li­be­ra­le Men­schen sind, war der Druck von mor­gens bis abends zu spü­ren. Auch mei­ne Mut­ter stand un­ter Druck: Wie hat­te sie mich nur nach Mos­kau ge­hen las­sen kön­nen? Schließ­lich gab ich nach. Ein Be­kann­ter, ein jun­ger Li­te­rat und Rus­se, hat­te ro­man­ti­sche Ge­füh­le für mich. Ich er­klär­te ihm lang und breit, ich sei aus dem Kau­ka­sus, hier sei al­les stren­ger. Nor­ma­ler­wei­se schreckt . . . ob Sie noch ein­mal an ei­nem Au­to­ren­tref­fen mit Prä­si­dent Pu­tin teil­neh­men wür­den? Das ist ei­ne haa­ri­ge Sa­che . . . Es gibt al­le mög­li­chen Ver­su­chun­gen: staat­li­che Prei­se, ein Platz ne­ben dem Prä­si­den­ten. Frü­her ha­be ich zu man­chen Ein­la­dun­gen Ja ge­sagt, um zu se­hen, wie sich Au­to­ren ver­hal­ten, wel­che Fra­gen sie stel­len, wie je­der sei­ne Rol­le spielt. Das ha­be ich jetzt ge­se­hen. Es hat kei­nen Sinn, sol­che Ein­la­dun­gen wei­ter an­zu­neh­men. . . . ob man in Russ­land Ihr Werk un­ter ei­nem eth­ni­schen Ge­sichts­punkt wahr­nimmt? Ei­ni­ge Kri­ti­ker ord­nen mich lei­der als exo­ti­sche Schrift­stel­le­rin ein. Doch die Pro­ble­me, die ich be­schrie­be, sind uni­ver­sell. . . . ob Sie an ei­nem neu­en Buch­pro­jekt ar­bei­ten? Ich schrei­be an Er­zäh­lun­gen, nicht al­le ha­ben den Kau­ka­sus zum The­ma. Mei­ne Ver­le­ge­rin be­dau­er­te schon beim jüngs­ten Buch, dass ich kei­nen Mos­kau­er Ro­man ge­schrie­ben ha­be. Aber für mich ist das nicht in­ter­es­sant. das die An­wär­ter ab – sie be­kom­men Angst, fürch­ten sich vor den Ver­wand­ten mit dem Kin­schal. Er aber gab nicht auf. Als man mir schon ei­nen ent­fern­ten Ver­wand­ten als Bräu­ti­gam vor­schlug, er­klär­te ich: „Ich ha­be je­mand an­de­ren.“Ich wuss­te na­tür­lich, dass ich ihn un­ter nor­ma­len Um­stän­den nie­mals ge­hei­ra­tet hät­te. Wir hat­ten eher ei­ne freund­schaft­li­che Be­zie­hung. Zu ei­nem ge­wis­sen Zeit­punkt hät­te ich mich am liebs­ten von ihm ge­trennt, aber die Hoch­zeit war schon ge­plant. Al­so ha­ben wir ge­hei­ra­tet. Was pas­sier­te dann? Es war sehr schwie­rig, gro­ße di­plo­ma­ti­sche An­stren­gun­gen un­se­rer­seits wa­ren not­wen­dig. Sei­ne Mut­ter war ge­gen die Ver­bin­dung, sie dach­te, er kommt mit ei­nem Bart und dem Koran aus Da­ges­tan zu­rück. Mei­ne Fa­mi­lie war eben­falls sehr kri­tisch, sie sag­ten: „Ein Rus­se, mein Gott!“Es gab zu vie­le Hin­der­nis­se. An­de­rer­seits bin ich dank­bar da­für, dass er auf­ge­taucht ist. Oh­ne ihn wä­re al­les noch viel schlim­mer ge­we­sen. Sie lie­ßen sich schließ­lich schei­den? Ja, vor rund drei Jah­ren. Das war auch nicht so ein­fach. Ei­ne ge­schie­de­ne Frau – das ist ja noch viel schlim­mer! Ich dach­te, jetzt ist es vor­bei, kei­ne Bräu­ti­ga­me mehr. Aber zu mei­ner Ver­wun­de­rung gab es wie­der Wil­li­ge, dar­un­ter from­me Mus­li­me, die mich zur Zweitoder Dritt­frau neh­men woll­ten. Le­ben Sie nun in grö­ße­rer Frei­heit? Ja, jetzt schon. Ich ha­be die ge­sell­schaft­li­chen Er­war­tun­gen auf mei­ne Art ab­ge­dient. Es war ei­ne schwie­ri­ge Er­fah­rung. Wenn man mich in Ru­he ge­las­sen hät­te, hät­te ich mich frei ent­wi­ckelt, mich um­ge­se­hen und ei­ne Wei­le al­lein ge­lebt. Aber auch das geht bei uns nicht. Ent­we­der du lebst mit den El­tern oder mit dem Ehe­mann.

Greg Bal/Suhr­kamp Ver­lag

Ein­bli­cke in Le­bens­rea­li­tä­ten fern vom Mos­kau­er Zen­trum: die Au­to­rin und Kri­ti­ke­rin Alissa Ga­ni­je­wa.

Wie vie­le Ehen wer­den in Da­ges­tan heut­zu-

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