FAK­TEN

Schick­sals­ge­mein­schaf­ten zwi­schen Bau­ern, Ho­te­liers und Seil­bah­nern kön­nen eng sein, wenn der Tou­ris­mus al­les ist, was ei­ne ent­le­ge­ne Berg­re­gi­on vor Ar­beits­lo­sig­keit und Ab­wan­de­rung be­wahrt. Ein Be­such in Nord- und Süd­ti­rol.

Die Presse am Sonntag - - Eco - VON AN­TO­NIA LÖFF­LER

Im Jahr 1965 wur­den die Ein­woh­ner der ar­men klei­nen Ge­mein­de Fiss im Ti­ro­ler Ober­land vor die Wahl ge­stellt: „Wollt ihr ein Schwimm­bad oder ei­ne Seil­bahn?“Es wur­de die Seil­bahn. Die Ent­schei­dung soll­te Men­schen wie Land­schaft für Jahr­zehn­te prä­gen. 1967 ging der Lift in Be­trieb. Mit ihm zo­gen ers­te An­sät­ze des Win­ter­tou­ris­mus in die knapp tau­send See­len zäh­len­de Ge­mein­de auf dem Ge­birgs­hoch­pla­teau ein – vier Jah­re vor dem Farb­fern­se­hen.

„Al­les, was wir tun, ist für die Gäs­te, aber in ers­ter Li­nie auch für uns“, sagt Ben­ny Pre­gen­zer, der Chef der Seil­bahn­ge­sell­schaft Fiss-La­dis. Auf die knapp 1000 Ein­woh­ner sei­nes Hei­mat­orts kom­men heu­te 6000 Gäs­te­bet­ten. In Fiss ge­be es ge­nau zwei Pri­vat­häu­ser, prä­zi­siert er mit ei­nem ge­wis­sen Stolz. Denn ja, in Fiss ha­be man ei­nes be­grif­fen: Die Ein­woh­ner sind nur mit dem tou­ris­ti­schen Fort­schritt – vom Bau des ers­ten Ski­lifts 1967 bis hin zum Zu­sam­men­schluss mit der be­nach­bar­ten Win­ter­sport­re­gi­on Ser­faus 1999 – ein­ver­stan­den, wenn je­der wirt­schaft­lich mit­na­schen kann.

Da­her be­eilt sich Pre­gen­zer auch her­vor­zu­he­ben, dass die über den som­mer­lich grü­nen Alm­hän­gen bau­meln­den Bah­nen nicht bö­sen In­ves­to­ren aus der Fer­ne, son­dern zu 80 Pro­zent der Ge­mein­de und zu 20 Pro­zent vie­len Klein­ak­tio­nä­ren aus dem Dorf ge­hö­ren und ihr Ge­winn noch nie aus­ge­schüt­tet wur­de. Man wird sich wohl tat­säch­lich schwer tun, ei­nen Fis­ser zu fin­den, der auf den Job­mo­tor Tou­ris­mus oder die da­hin­ter­ste­hen­de Seil­bahn­ge­sell­schaft schimpft. Schließ­lich tritt sie hier als Spon­sor der Feu­er­wehr, der Jung­bau­ern, der Schüt­zen, der Mu­sik­ka­pel­le – schlicht des ge­sam­ten Ver­eins­le­bens im Dorf – in Er­schei­nung. Bau­ern auf Pis­ten­rau­pen. Orts­bau­er­nob­mann Chris­toph Plang­ger er­zählt, wie man in den letz­ten 40 Jah­ren 40 Bau­ern ver­lor. Die ver­blie­be­ne Hand­voll be­treibt Gäs­te­pen­sio­nen, fährt im Win­ter Pis­ten­rau­pen oder ist selbst in der Ge­schäfts­füh­rung der Bah­nen tä­tig. Voll­er­werbs­bau­er ist hier kei­ner mehr. Und „zu­frie­den­stel­lend“sei die Zucht des ty­pi­schen Ti­ro­ler Grau­viehs nur durch die Ver­käu­fe von jähr­lich 20 Ton­nen Rind­fleisch an die Berg­hüt­ten, die ei­nen 15-pro­zen­ti­gen Preis­auf­schlag zah­len. Da­ne­ben be­kom­men die Bau­ern aus dem ört­li­chen Land­wirt­schafts­för­de­rungs­fonds, der vom Tou­ris­mus­ver­band, der Seil­bahn und der Ge­mein­de seit 55 Jah­ren ge­speist wird, pro Hekt­ar be­wirt­schaf­te­ter Wie­se 50 Eu­ro im Jahr. Die Schick­sals­ge­mein­schaft auf 1400 Me­tern See­hö­he ist al­len Be­tei­lig­ten be­wusst. Die Land­wir­te brau­chen die Seil­bah­ner, die ih­nen die bei der Vieh­zucht an­fal­len­den Kos­ten für Dün­ger, Schlach­tung und Ent­sor­gung zah­len und Pro­duk­te wie Eier, Nu­deln, Milch und Kä­se ab­neh­men. Und die Seil­bah­ner brau­chen das uri­ge Lo­kal­ko­lo­rit samt dem Grau­vieh, der kul­ti­vier­ten Alm­land­schaft und den von den Seil­bahn­mit­ar­bei­tern aus­ge­lie­he­nen Strei­chel­zoo­tie­ren, um ih­ren Ur­lau­bern ein in­tak­tes und pit­to­res­kes Öko­sys­tem prä­sen­tie­ren zu kön­nen.

Es war um 2005 her­um, als die Ski­re­gi­on Fiss-La­dis-Ser­faus auch die „Ins­ze­nie­rung des Som­mers“, wie es Pre­gen­zer nennt, ver­stärkt ent­deck­te. 14.000 Men­schen, vor­ran­gig Fa­mi­li­en mit klei­nen Kin­dern, be­för­dern die Lif­te an Spit­zen­ta­gen im Som­mer auf die von Ro­del­bah­nen und Er­leb­nis­wan­der­we­gen do­mi­nier­ten Al­men.

Der grü­ne Tou­ris­mus­spre­cher Ge­org Wil­li be­grüßt das Ganz­jah­res­kon­zept. Er fügt aber in Rich­tung al­ler Ti­ro­ler Seil­bah­ner hin­zu: „Wenn ihr wollt, dass die Leu­te auch im Som­mer in die Ber­ge ge­hen und eu­re Lif­te nüt­zen, müsst ihr sie an­spre­chend ma­chen.“Im Som­mer wür­den die Wun­den in der Land­schaft sicht­bar. Das mer­ke er, wenn er als Ti­ro­ler das Berg­wet­ter­pan­ora­ma ein­schal­te. „Da ist noch ganz viel Platz nach oben.“Der in Fiss ge­leb­te An­satz, dass Ar­beits­plät­ze nicht nur sai­so­nal sein sol­len, sei aber rich­tig. Wil­li er­zählt, er ha­be sich bei ei­nem Be­such ge­wun­dert, wie die Fis­ser Vier­ster­ne­ho­tels Halb­pen­sio­nen zu teils 50 Eu­ro pro Tag an­bie­ten kön­nen. Die Ant­wort: Mit den Wan­de­rern und Rad­fah­rern wol­le man bloß kos­ten­de­ckend über die Run­den kom­men, das Ge­schäft brin­ge dann die Ski­sai­son. Auch der som­mer­li­che Seil­bahn­be­trieb selbst sei ein Null­sum­men­spiel, be­tont Pre­gen­zer, aber er ga­ran­tie­re Ganz­jah­res­ar­beits­plät­ze für Mit­ar­bei­ter, die man an sich bin­den will. „Das An­ge­bot auf dem Berg muss funk­tio­nie­ren, da­mit das Dorf funk­tio­niert.“Der Mei­nung wa­ren auch die Ein­woh­ner der Süd­ti­ro­ler Ge­mein­de Sex­ten, die ei­nes Nachts im Herbst 2013 ih­re Ket­ten­sä­gen zur Hand nah­men, zehn Hekt­ar Lift­tras­se ab­holz­ten und so recht deut­lich für die jah­re­lang von Na­tur­schüt­zern be­kämpf­te Fu­si­on der Ski­ge­bie­te Helm und Rot­wand ein­tra­ten. Die Ver­bin­dung wur­de vor zwei Jah­ren um­ge­setzt. Seit Be­triebs­be­ginn ha­be sie den zwei Ski­ge­bie­ten Um­satz­zu­wäch­se von 55 Pro­zent ge­bracht, sagt Mark Wink­ler, der Ge­schäfts­füh­rer der da­hin­ter­ste­hen­den Drei Zin­nen AG. „Seit der Fu­si­on ist ei­ne Auf­bruch­stim­mung da – un­glaub­lich“, be­tont er. Mitt­ler­wei­le sei­en auch die kri­ti­schen Stim­men im Ge­mein­de­rat ver­stummt. Der schma­le Grad zum Ei­gen­nut­zen. Wie in Fiss be­müht man sich in Sex­ten her­vor­zu­strei­chen, dass die Ge­mein­de und ei­ni­ge gut si­tu­ier­te Ein­woh­ner die Groß­ak­tio­nä­re der Seil­bahn­ge­sell­schaft sind und noch nie ei­nen Ge­winn se­hen woll­ten. Es sei aber an­ge­merkt: Die Fa­mi­li­en Hol­zer und Lanz­in­ger, die je­weils 20 Pro­zent der Ak­ti­en hal­ten und ei­ne Fu­si­on for­cier­ten, be­trei­ben zwei be­kann­te No­bel­ho­tels in nächs­ter Nä­he. Wink­ler nennt ih­re In­ves­ti­tio­nen in die Bah­nen „idea­lis­tisch“. Wo hier ge­nau die Gren­ze zwi­schen Al­tru­is­mus und Ei­gen­nut­zen ver­läuft, lässt sich bei der en­gen Ver­flech­tung der lo­ka­len In­ter­es­sen nur noch schwer aus­ma­chen. „Auf der ei­nen Sei­te steht der Ein­griff in die Land­schaft, auf der an­de­ren der ver­ständ­li­che Wunsch der Men­schen in den hin­te­ren Tä­lern, dort zu le­ben und zu ar­bei­ten“, sagt der grü­ne Tou­ris­mus­spre­cher Wil­li. Die Bau­en­den müss­ten ih­re Kri­ti­ker zum Ver­stum­men brin­gen, in­dem sie zeig­ten, dass es ih­nen um das Ge­mein­wohl und nicht um den ei­ge­nen Pro­fit ge­he.

Als Pa­ra­de­bei­spiel nennt er den Ost­ti­ro­ler Ja­lou­si­en­her­stel­ler Franz Kra­ler. Er ist ei­ne der trei­ben­den Fi­gu­ren hin­ter dem seit Jah­ren ge­plan­ten Zu­sam­men­schlus­ses des Süd­ti­ro­ler Ski­ge­biets Sex­ten mit Sil­li­an in Ost­ti­rol. „Das nennt sich noch Vi­si­on, nicht Pro­jekt“, dämpft Mark Wink­ler auf Süd­ti­ro­ler Sei­te die Er­war­tun­gen an ei­nen bal­di­gen Zu­sam­men­schluss. Sei­ne größ­te Angst ist, die rund hun­dert Grund­be­sit­zer ent­lang der an­vi­sier­ten Seil­bahn­tras­se könn­ten De­tails aus der Pres­se er­fah­ren. Es ge­be „sehr gu­te Ge­sprä­che“mit der Ei­gen­tü­mer­fa­mi­lie Schulz auf der an­de­ren Sei­te der Gren­ze – mehr kommt nicht über sei­ne Lip­pen. Wink­ler hat aus dem klei­nen Sext­ner Skan­dal ge­lernt. Das Zwil­lings­pa­ra­do­xon. Ei­ne zwei­te Ver­bin­dung in die Ge­mein­de Come­li­co Su­pe­rio­re ist da schon deut­lich mehr Pro­jekt denn Vi­si­on. Nach Ab­zug der Bril­len­in­dus­trie aus dem nörd­li­chen Ve­ne­ti­en gen Fer­n­ost und durch den un­ge­brems­ten Zweit­wohn­sitz­kauf ist das am Lift­hang lie­gen­de Dorf Pa­do­la den Groß­teil des Jah­res über ver­waist. Mit sei­nem Rost, den ver­schlos­se­nen Fens­ter­lä­den und dem brö­ckeln­den Die Fe­ri­en­re­gi­on

Ser­faus-Fiss-La­dis

im Ti­ro­ler Ober­land hat 14.505 Bet­ten auf 2650 Ein­woh­ner. Im Win­ter 2015/16 ver­zeich­ne­te sie 1,6 Mio. Näch­ti­gun­gen, im Som­mer 2015 820.000. Der Be­trieb der Berg­bah­nen Fiss-La­dis wur­den 1967 auf­ge­nom­men. Die Ge­mein­de ist zu 80 Pro­zent Ei­gen­tü­mer. 1999 schlos­sen sich die Ski­ge­bie­te mit Ser­faus zu­sam­men.

Sex­ten

am west­lichs­ten Aus­läu­fer des Süd­ti­ro­ler Hoch­pus­ter­tals hat 1913 Ein­woh­ner. Auch nach der um­strit­te­nen Ver­bin­dung der Ski­ge­bie­te Helm und Rot­wand kann der Som­mer mit 389.000 nach wie vor mehr Näch­ti­gun­gen als der Win­ter mit 303.000 ver­zeich­nen. Die nächs­ten Ski­ge­biets­ver­bin­dun­gen sind schon ge­plant: 2018 ins Ve­ne­to in die Nach­bar­ge­mein­de Come­li­co Su­pe­rio­re und in un­be­stimm­ter Zu­kunft nach Sil­li­an in Ost­ti­rol. Ver­putz wird es von Sext­ner Seil­bah­nern gern als Mah­nung prä­sen­tiert für das, was pas­sie­re, wenn ei­ne ent­le­ge­ne Berg­re­gi­on nicht auf Tou­ris­mus setzt. Es mu­tet wie ein frag­wür­di­ges Zwil­lings­ex­pe­ri­ment an: Die Nach­bar­or­te Sex­ten und Pa­do­la ha­ben die­sel­ben Do­lo­mi­ten im Hin­ter­grund – und au­ßer dem Kreuz­berg­pass ge­fühlt 50 Jah­re Tou­ris­mus­ent­wick­lung zwi­schen sich.

2012 über­nah­men die Sext­ner die de­fi­zi­tä­re Bahn Val Come­li­co – im Som­mer 2018 soll die Ver­bin­dung ge­baut wer­den. Da­zwi­schen lie­gen bis­lang sechs Win­ter und ein Som­mer mit Ver­lus­ten von 300.000 Eu­ro jähr­lich. Die­se nimmt man in Hoff­nung auf ei­nen bal­di­gen In­ves­ti­ti­ons­boom schein­bar gern in Kauf. Die­sen Mon­tag sprach Rom der Fu­si­on staat­li­che För­der­gel­der in Hö­he von 80 Mil­lio­nen Eu­ro zu. Nun bräch­ten sich al­le in Stel­lung, dia­gnos­ti­ziert Iva­no De Mar­tin Fab­bro vom

»Al­les, was wir tun, ist für die Gäs­te, aber in ers­ter Li­nie auch für uns.« Sex­ten und Pa­do­la trennt ein Pass und 50 Jah­re Ent­wick­lung im Tou­ris­mus.

Tou­ris­mus­ver­band in Pa­do­la. „Die Auf­ga­be der Ge­mein­de wird es sein, zu über­wa­chen, ob rich­tig in­ves­tiert wird.“Mit rich­tig meint De Mar­tin Fab­bro, kei­ne aus­län­di­schen In­ves­to­ren her­ein­zu­las­sen. Come­li­co mit sei­nen 2300 Ein­woh­nern und eben­so­vie­len kal­ten Bet­ten wird sei­ne Ge­schi­cke nicht mehr so schnell in frem­de Hän­de le­gen.

Auf der an­de­ren Sei­te des Kreuz­berg­pas­ses regt sich un­ter­des­sen leich­te Ner­vo­si­tät an­ge­sichts der neu er­stark­ten Fu­si­ons­plä­ne mit Ost­ti­rol. 150 der 634 Be­her­ber­gungs­be­trie­be im Hoch­pus­ter­tal wa­ren 2015 als An­bie­ter von Ur­laub auf dem Bau­ern­hof aus­ge­wie­sen. Sie wer­den von Ne­ben­er­werbs­bau­ern be­trie­ben, die win­ters die Pis­ten­rau­pen len­ken und ganz­jäh­rig Gäs­te emp­fan­gen, die das Na­tur­ver­bun­de­ne su­chen. Ne­ben­er­werbs­bau­ern, de­ren fra­gi­les wirt­schaft­li­ches Öko­sys­tem aus Näch­ti­gungs­ein­nah­men, Milch­prei­sen von 52 Cent bei der Orts­sen­ne­rei und Ab­nah­me­ga­ran­ti­en für ih­re Pro­duk­te von Ski­hüt­ten und Ho­tels durch den stär­ke­ren Wett­be­werb mit Ost­ti­rol wan­ken wür­de.

Sil­li­an sei wie ganz Ost­ti­rol deut­lich bil­li­ger als Süd­ti­rol, sagt Bern­hard Pich­ler von der Ost­ti­rol Wer­bung. Sil­li­an sei gar nicht bil­li­ger, meint in­des der Süd­ti­ro­ler Wink­ler. Egal, wer in die­sem Punkt recht hat, am bes­ten trifft es wohl Ho­te­lier und Seil­bah­ner Kurt Hol­zer, wenn er sagt: „Wenn die letz­te Kuh geht, geht auch der letz­te Gast.“

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