Ju­gel­run¤er Hör­ge­nuss

Das Wie­ner Duo Mo Sound hat das qua­der­för­mi­ge Prin­zip ei­ner gan­zen Bran­che durch­bro­chen und setzt auf run­de Laut­spre­cher­bo­xen aus Por­zel­lan.

Die Presse am Sonntag - - Mein Geld - VON NI­CO­LE STERN

Bei Hea­vy Me­tal und Punk tun sie sich viel­leicht ein biss­chen schwer. Aber al­le an­de­ren Mu­sik­rich­tun­gen kann man gut mit ih­nen hö­ren.“Ro­nald Jaklitsch steht mit­ten im Raum und sieht sei­ner Ge­schäfts­part­ne­rin, Xia­ne Kan­ge­la, zu. Auf der Su­che nach ei­ner pas­sen­den Kom­po­si­ti­on dreht sie an ih­rem iPod und greift zum Ver­stär­ker. Schon strömt ein an­ge­neh­mer Klang durch den Raum. „Der Laut­spre­cher gibt ei­nem das Ge­fühl, man ist mit­ten­drin, aber wo­her die Mu­sik kommt, lässt sich nicht ge­nau sa­gen.“

Der 38-jäh­ri­ge Jaklitsch hat einst Pro­duk­ti­ons- und Au­to­ma­ti­sie­rungs­tech­nik stu­diert. Heu­te stellt er in der Wie­ner Kir­chen­gas­se Laut­spre­cher­bo­xen aus Por­zel­lan her. Das Be­son­de­re dar­an? Ih­re Form und ihr Klang. Jaklitschs ku­gel­run­de Pro­duk­te un­ter­schei­den sich ent­schei­dend von den in­dus­tri­ell er­zeug­ten Ge­rä­ten, de­ren An­mu­tung stets ähn­lich ist: Ob in Schwarz oder in ei­nem Braun­ton ge­hal­ten, das Ge­häu­se kommt im Elek­tro­han­del meist qua­der­för­mig da­her. Bei Mo Sound aber, das für Mo­re Sound (mehr Klang) steht, ist das an­ders. „In Wahr­heit war mir im­mer klar, wie ein Laut­spre­cher aus­se­hen muss“, sagt Jaklitsch. Und das sei eben rund.

Jaklitsch ist für die tech­ni­schen Fi­nes­sen des ku­gel­run­den Pro­dukts zu­stän­dig. Ih­re au­ßer­ge­wöhn­li­che Form kann er da­her leicht be­grün­den. Bei qua­der­för­mi­gen Ge­häu­sen wer­de der Schall hin- und her­ge­wor­fen, in ei­ner Ku­gel kön­ne er sich hin­ge­gen frei ent­fal­ten. „Die Mu­sik ist dann sau­ber im Klang.“

Jaklitsch ar­bei­te­te in der Au­to­mo­bil­in­dus­trie als Kon­struk­teur für Mo­to­ren, be­vor es ihn in ein In­ge­nieur­bü­ro als 3-D-Ar­tist ver­schlug. Ir­gend­wann häng­te er auch die­sen Job an den Na­gel. Sei­ne neu ge­won­ne­ne Zeit in­ves­tier­te er in die Ent­wick­lung ei­nes Laut­spre­chers. „Ir­gend­wann kam dann der Punkt, an dem ich nicht mehr zu­rück­konn­te.“Er hat­te be­reits zu viel in­ves­tiert, wie er sagt, vor al­lem emo­tio­nal. Jaklitsch hat­te sein Pro­dukt zwar schon im Kopf. Doch das pas­sen­de Ma­te­ri­al fehl­te ihm noch. Auf das stieß er durch Zu­fall. Ei­ne be­freun­de­te Ke­ra­mi­ke­rin brach­te ihm den Werk­stoff Por­zel­lan nä­her. Was zu­nächst mit der Her­stel­lung ein­fa­cher Hä­ferln be­gann, die ihm ein Ge­spür für das Ma­te­ri­al ga­ben, en­de­te schließ­lich in ei­ner ku­gel­run­den Form.

Por­zel­lan ha­be be­son­de­re Ei­gen­schaf­ten, sagt Jaklitsch. Sol­che, die er über die Ma­ßen schätzt. Das Ma­te­ri­al ist hart, ge­brannt so­gar här­ter als Glas, und das bringt we­nig Ei­gen­schwin­gung mit sich. Mit Holz sei­en run­de For­men au­ßer­dem nur schwer mög­lich, sagt Xia­ne Kan­ge­la. Und wenn, dann nur mit ho­hem Ver­schnitt.

Kan­ge­la und Jaklitsch ha­ben erst durch Mo Sound zu­sam­men­ge­fun­den. Kan­ge­la stell­te zu­vor bio-fai­re Kin­der­mo­de her. Im­mer wie­der traf man ei- nan­der auf Ver­kaufs­mes­sen, bis sich schließ­lich ei­ne Ge­schäfts­be­zie­hung er­gab. Kan­ge­la trenn­te sich schließ­lich von ih­rer Be­klei­dungs­li­nie, seit­her ver­sucht sie, das Pro­dukt Laut­spre­cherKu­gel be­kannt zu ma­chen. Tra­di­ti­on trifft In­no­va­ti­on. Es sei sehr auf­wen­dig, ei­ne per­fek­te Ku­gel­form aus ei­nem Guss zu er­zeu­gen, er­zählt Kan­ge­la. Wes­halb sich an­fangs nie­mand an das Un­ter­fan­gen wag­te. Doch in Deutsch­land wur­de man fün­dig. Mo Sound traf auf den Tra­di­ti­ons­her­stel­ler Wei­mar Por­zel­lan. Das über 200 Jah­re al­te Un­ter­neh­men, ge­le­gen an der Thü­rin­ger Por­zel­lan­stra­ße, stellt ne­ben klas­si­schen Tee­ser­vices auch Son­der­an­fer­ti­gun­gen her. Für Mo Sound aus Wien hat­ten die Mit­ar­bei­ter nicht nur ein of­fe­nes Ohr, auch wa­ren sie be­reit, in klei­nen Stück­zah­len zu pro­du­zie­ren.

Die Her­stel­lung grö­ße­rer Laut­spre­cher aber lehn­ten die Deut­schen ab, er­zählt Kan­ge­la. Dies sei zu müh­sam, tech­nisch zu auf­wen­dig, er­klär­te man ih­nen. Ei­ne grö­ße­re Ku­gel sei nicht nur di­cker, son­dern auch schwe­rer, und das ma­che sie an­fäl­lig für Ris­se und Feh­ler. Doch das Schick­sal mein­te es gut mit den bei­den. Denn Au­gar­ten Por­zel­lan rief an. „Wollt ihr nicht ein Pro­jekt mit uns ma­chen“, hät­te die Wie­ner Ma­nu­fak­tur ge­fragt. Mo Sound zö­ger­te nicht lang und tat sei­ne Vor­stel­lun­gen kund. Doch bis ei­ne Form er­zeugt wer­den konn­te, die den Vor­stel­lun­gen Jaklitschs ent­sprach, soll­ten gan­ze 18 Mo­na­te ver­ge­hen. Der Pro­duk­ti­ons­lei­ter hat­te schlaf­lo­se Näch­te, schil­dert Kan­ge­la. Au­gar­ten woll­te ein per­fek­tes Pro­dukt, oh­ne Del­len, Ver­for­mun­gen und mit naht­lo­sem Guss – was schließ­lich ge­lang. Für Jaklitsch war Au­gar­ten al­so der idea­le Part­ner. Denn „er gibt sich nie mit der ers­ten Lö­sung zu­frie­den, frü­hes­tens die zwan­zigs­te kommt in Be­tracht“, sagt Kan­ge­la.

Doch das Äu­ße­re ist nicht al­les, auch auf die in­ne­ren Wer­te kommt es an. Und so set­zen Jaklitsch und Kan­ge­la auf „mög­lichst na­he“Tech­nik mit ho­her Qua­li­tät. Ein heh­res Vor­ha­ben, das so ein­fach nicht ist. Vie­les wird heu­te nur noch in Asi­en her­ge­stellt, auch Mo Sound kann sich dem nicht ent­zie­hen. Un­ab­hän­gig da­von, wie weit manch elek­tro­ni­sches Bau­teil ge­reist ist, Jaklitsch ver­baut für sein Ku­gel­ge­häu­se al­les in Wien.

Für ein Paar Laut­spre­cher aus dem Hau­se Au­gar­ten muss ein Kun­de rund 3300 Eu­ro be­rap­pen. Die klei­ne­re Va­ri­an­te ist ab 900 Eu­ro zu ha­ben. Ein Pro­dukt für die Eli­te? So will es Kan­ge­la nicht se­hen. Sie teilt die Ziel­grup­pe lie­ber ent­zwei: Zum ei­nen gä­be es da „Ta­ma­ra Fesch“, die sich für De­sign in­ter­es­sie­re, zum an­de­ren spricht man „Au­dio-Phil­ipp“an. De­sign ste­he für Letz­te­ren nicht im Vor­der­grund, tech­ni­sche De­tails schon mehr. „Bei uns kau­fen auch Stu­den­ten ein, die auf un­se­re Laut­spre­cher spa­ren.“

Selbst, wer die Sum­me lo­cker bei­sam­men hat, kann am En­de durch die Fin­ger schau­en. Und zwar dann, wenn die Por­zel­lan­ku­gel auf dem Bo­den zer­schellt. Doch die Kun­den sei­en in al­ler Re­gel vor­sich­tig, ein solch bit­te­res Er­eig­nis kä­me prak­tisch nicht vor.

»Ir­gend­wann kam dann der Punkt, an dem ich nicht mehr zu­rück­konn­te.«

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