Am Herd

BRANDHEISS UND HÖCHST PER­SÖN­LICH

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON BET­TI­NA ST­EI­NER

Ver­schlei­er­te Spie­le­rin­nen beim Beach­vol­ley­ball: War­um uns das stört. Und was wir dar­an än­dern kön­nen.

Ein star­kes Bild, das uns da aus Rio er­reich­te: Zwei Vol­ley­ball­spie­le­rin­nen, ei­ne aus Deutsch­land, die an­de­re aus Ägyp­ten, die ei­ne im Bi­ki­ni und mit Pfer­de­schwanz, die an­de­re von Kopf bis Fuß in schwarz-tür­ki­ses Tuch ge­hüllt, ste­hen am Netz. Beach­vol­ley­ball? Das stel­len wir uns doch an­ders vor: som­mer­lich frei mit Sand im Haar und zwi­schen den Ze­hen. Ers­te Fra­ge an uns al­le: Stört uns das? Zu­min­dest ir­ri­tiert uns der Schlei­er. Sie tra­ge ihn seit zehn Jah­ren, er sei für sie selbst­ver­ständ­lich, wird die ägyp­ti­sche Spie­le­rin zi­tiert. Vor zehn Jah­ren war sie noch ein Kind! Ob sie ihn wirk­lich frei­wil­lig um­band? An­de­rer­seits: Wä­re ihr das bur­ki­ni­ar­ti­ge Out­fit ver­bo­ten wor­den, stün­de sie nicht auf dem Platz. Erst ei­ne Re­ge­län­de­rung aus dem Jahr 2012 macht es mög­lich, dass Frau­en aus mus­li­mi­schen Län­dern über­haupt mit­spie­len.

Die zwei­te Fra­ge: Wür­de es uns denn stö­ren, wenn dort zwei Spie­le­rin­nen im knap­pen Bi­ki­ni stün­den und wir wüss­ten: Sie dür­fen nicht mehr an­zie­hen als das?

Bis 2012 war das näm­lich so. Ma­xi­mal sie­ben Zen­ti­me­ter breit durf­te das Hö­schen an der Sei­te sein, lan­ge Är­mel wa­ren nicht er­laubt. Den Spie­le­rin­nen, hör­te man, war das egal: Sie fühl­ten sich wohl, es sei eben ih­re Ar­beits­be­klei­dung. Ih­re freie Ent­schei­dung? Dass beim Beach­vol­ley­ball je­de Men­ge nack­te Haut zu se­hen ist, ge­hört zum Ge­schäfts­kon­zept. Ka­me­ras bei TV-Über­tra­gun­gen hal­ten un­ver­hält­nis­mä­ßig oft auf Po und Bu­sen. Um­kämpf­tes Feld. Die Klei­dung der Frau­en ist ein um­kämpf­tes Feld. Noch gibt es Di­rek­to­ren, die an ih­ren Schu­len Spa­ghet­ti­trä­ger oder kur­ze Ho­sen ver­bie­ten wol­len, weil die Bu­ben da auf fal­sche Ge­dan­ken kom­men. Oder Po­li­zis­ten, die jun­gen Frau­en ra­ten, sich „an­stän­dig“zu klei­den. Ei­ner­seits. An­de­rer­seits er­le­ben wir ei­nen Zwang zum äs­the­ti­schen, zum se­xy Auf­tritt, teils im­pli­zit, teils aus­ge­spro­chen, und das nicht nur beim Beach­vol­ley­ball: Im Ju­ni wei­ger­te sich ei­ne Emp­fangs­da­me, High Heels zu tra­gen, und be­kam des­halb den Job nicht. Ei­ne Pe­ti­ti­on ge­gen den Stö­ckel­schu­h­zwang wur­de von 100.000 Bri­ten un­ter­schrie­ben.

Wie wir uns klei­den, ist nie al­lein un­se­re Ent­schei­dung: Wir beu­gen uns Kon­ven­tio­nen, wir üben uns ein. Wir ak­zep­tie­ren, dass man ab ei­nem be­stimm­ten Al­ter kei­nen kur­zen Rock trägt. Wir ver­ste­cken die Ki­los, die wir an­geb­lich zu viel ha­ben. Wir be­ob­ach­ten, was an­de­re ma­chen.

Ist es das, was uns an ver­schlei­er­ten Frau­en stört? Fürch­ten wir uns, wir müss­ten uns an­pas­sen? Dass wir uns am Strand in Nizza oder an­ders­wo ob der Frau­en im Bur­ki­ni un­wohl füh­len könn­ten? Wir könn­ten uns aber un­se­rer Kul­tur und un­se­rer Kör­per si­che­rer sein: Sol­che An­pas­sungs­leis­tun­gen kön­nen wir ein­fach ver­wei­gern.

Und die an­de­ren viel­leicht gleich mit.

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