Die neue Lust am Gas­sen­fest

Die Zahl der Stra­ßen­fes­te in Wi­en steigt – der Auf­wand, der für die Ver­an­stal­tun­gen be­trie­ben wird, aber auch. Es braucht ein The­ma, Mu­sik, Gas­tro­no­mie und mo­ti­vier­te An­rai­ner.

Die Presse am Sonntag - - Wien - VON EVA WINROITHER

Chris­ti­na Wolff-Stau­digl klang, als sei sie ein biss­chen ge­stresst. Am Don­ners­tag muss­te sie noch kurz­fris­tig ei­nen Son­nen­schirm (der al­te hat­te ein Loch) und ein Ver­län­ge­rungs­ka­bel be­sor­gen. „Man sieht ja meist nicht, was für ein Or­ga­ni­sa­ti­ons­auf­wand hin­ter so ei­nem Fest steckt“, sag­te die Ge­schäfts­füh­re­rin des Fa­mi­li­en­be­triebs Re­form­haus und Na­tur­par­fü­me­rie Stau­digl in der Woll­zei­le. Zwei Tage hat­te Stau­digl da noch Zeit für Vor­be­rei­tun­gen. Am Sams­tag fand das Re­ma­su­ri statt.

Für sie­ben St­un­den wur­de den Be­su­chern dort al­les ge­bo­ten, wor­auf man in der Woll­zei­le stolz ist: Es­sen vom Pla­chut­ta oder Figl­mül­ler, Le­sun­gen im Buch­ge­schäft Mora­wa, Tee­ver­kos­tun­gen im Tee­haus Schön­bich­ler, Schmink­be­ra­tung bei Stau­digl etc. Da­ne­ben gab es zwei Dreh­or­gel­spie­ler, ein Heu­ri­gen­trio und au­ßer­dem gra­tis Fiaker­fahr­ten – was frei­lich der wah­re Pu­bli­kums­ma­gnet war.

Doch die Ver­an­stal­tung stand auch noch für et­was an­de­res. Sie ist der Start- schuss für ei­nen Ein­kaufs­stra­ßen-, Grät­zel­fest- und Kir­tag-Ma­ra­thon, der im Sep­tem­ber in der Stadt ab­ge­hal­ten wird. Je­de Wo­che gibt es meh­re­re Ter­mi­ne. Et­wa das Land­stra­ßer Lach­spek­ta­kel (24. 9), das Jo­sef­städ­ter Stra­ßen­fest (16. 9.), das Brun­nen­viert­ler Herbst­fest (16 bis 17. 9) oder das Rein­dorf­gas­sen­fest (9. 9 bis 10. 9.). Die Wie­ner Ein­kaufs­stra­ßen ha­ben die Ver­an­stal­tun­gen – die meis­ten wer­den von Ein­kaufs­stra­ßen­Ver­ei­nen in den Be­zir­ken ver­an­stal­tet – un­ter dem Na­men Wie­ner Ein­kaufs­glück zu­sam­men­ge­fasst. 41 Ver­an­stal­tun­gen sind im da­zu­ge­hö­ri­gen Gui­de auf­ge­lis­tet. Privat or­ga­ni­sier­te Grät­zel­fes­te wie je­nes der Gärt­ne­rei Bach, die am 9. Sep­tem­ber ge­mein­sam mit Slow Food ihr tra­di­tio­nel­les Herbst­fest ver­an­stal­tet, sind da frei­lich nicht mit­ge­rech- net. Das Stra­ßen­fest, so scheint es, wird mit je­dem Jahr wich­ti­ger im Wie­ner Ver­an­stal­tungs­jahr. Der Auf­wand, der da­für be­trie­ben wird, wächst eben­so. „Je­der ver­sucht halt dem Nach­bar­be­zirk die Kon­su­men­ten mit ei­nem Zu­ckerl ab­spens­tig zu ma­chen“, sagt Er­win Pel­let, Re­prä­sen­tant der Wie­ner Ein­kaufs­stra­ßen. Die Tra­di­ti­on des Stra­ßen­fes­tes, er­in­nert er sich, reicht schon mehr als 30 Jah­re in die 1990er zu­rück, in de­nen mit Blu­men­cor­sos, Fa­schings­um­zü­gen und Kir­ta­gen die ers­ten Ver­su­che star­te­ten, die Fre­quenz in den Ein­kaufs­stra­ßen zu er­hö­hen. Als das Grät­zel in wur­de. Den Be­griff Grät­zel hat­te da­vor schon ein an­de­rer mo­dern ge­macht. Er­hard Bu­sek brach­te als ÖVP-Lan­des­par­tei­ob­mann und in­spi­riert vom Li­te­ra­ten Jörg Mau­the Wör­ter wie Bür­ger­be­tei­li­gung, Grät­ze­lund Beislkul­tur auf das Ta­pet. Die Bür­ger soll­ten sich da­für in­ter­es­sie­ren, wo sie leb­ten.

Das ta­ten sie dann aber lang nicht so in­ten­siv wie jetzt. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren ist die Zahl der Pro­jek­te, in de­nen sich An­rai­ner und Grät­zel­be­woh­ner en­ga­gie­ren, ex­po­nen­ti­ell ge­stie­gen. Der neue Auf­schwung der Stra­ßen­fes­te ist da nur ei­ne lo­gi­sche Ent­wick­lung. Wenn auch das An­ein­an­der­rei­hen von Stän­den schon längst nicht mehr reicht. Ein Stra­ßen­fest muss ein The­ma ha­ben, Mu­sik und Gas­tro­no­mie bie­ten – und vor al­lem un­ter­hal­ten.

Viel zi­tier­tes Vor­bild ist da­bei das Rein­dorf­gas­sen­fest, des­sen Strahl­kraft (und die sei­ner Ak­teu­re) das Image ei­nes gan­zen Be­zirks von ab­ge­san­delt in jung und hipp ge­än­dert hat. Heu­er fin­det es zum vier­ten Mal statt. Mit Mu­sik (Der Ni­no aus Wi­en), Es­sen, Ge­schäf­ten, In­fo­stän­den und Nach­barn, die ih­re Mö­bel auf die Stra­ße stel­len.

Neu sind Ak­ti­vi­tä­ten wie Tanz­work­shops, Street­ball, Cross­fit, ein Kä­ser­work­shop und das Ge­stal­ten ei­ner Haus­fas­sa­de in der Schwen­der­gas­se in Ko­ope­ra­ti­on mit ei­nem Künst­ler­kol­lek­tiv. „Mir ist es wich­tig, dass die Leu­te wei­ter­hin im Grät­zel ak­tiv wer­den. Das Grät­zel­fest ist für mich ein Ort, an dem sich Leu­te tref­fen, um viel­leicht et­was Neu­es ent­ste­hen zu las­sen“, er­klärt Kurt Tan­ner, CFO vom Ta­schen­her­stel­ler Ur­ban Tools, der sei­ne Fir­men­zen­tra­le frei­lich auch in der Rein­dorf­gas­se hat.

Wie da­mals, als ein paar Be­su­cher sich beim Fest nach Ge­schäfts­lo­ka­len um­sa­hen – und sie dann auch nah­men. Tan­ner hat das Grät­zel­fest, das es schon Jahr­zehn­te da­vor ge­ge­ben hat, mit an­de­ren Un­ter­neh­mern aus der Stra­ße vor vier Jah­ren über­nom­men („Der Lei­dens­druck war groß“). Heu­te wird das Fest vor al­lem von Nach­barn um die Rein­dorf­gas­se ge­tra­gen – und von der neu­en Un­ter­neh­mer­ge­ne­ra­ti­on in der Stra­ße. Trotz­dem sei das Fest mit je­dem Jahr schwie­ri­ger zu or­ga­ni­sie­ren.

Die Auf­la­gen der Be­hör­den wer­den jähr­lich stren­ger exe­ku­tiert, er­zählt Tan­ner. Auch wenn das Fest nur zwei Tage daue­re. „Ich darf zum Bei­spiel nicht mehr als 30 Pro­zent Gas­tro­no­mie auf dem Fest ha­ben“, er­zählt er. Wer et­was or­ga­ni­siert, fügt er hin­zu, der er­fah­re schnell Ge­gen­wind. Auch von An­rai­nern. Wie et­wa je­ner Frau, die par­tout

Im Sep­tem­ber fin­den in Wi­en je­de Wo­che meh­re­re Stra­ßen­fes­te statt. Neu sind Ak­ti­vi­tä­ten wie Tan­zen, Street­ball, Cross­fit und ein Kä­ser­work­shop.

mit dem Au­to in ih­re Haus­ein­fahrt fah­ren woll­te, ob­wohl ihr 800 Kon­zert­be­su­cher im Weg stan­den.

Beim Re­ma­su­ri kennt man die­sen Är­ger nicht, wo­bei sich auch Stau­digl vor­stel­len kann, dass es An­rai­ner gibt, die dem Fest nichts ab­ge­win­nen kön­nen. Auch fi­nan­zi­ell sei­en Stra­ßen­fes­te im­mer ein ge­wis­ses Risiko. „Aber man muss sol­che Sa­chen ein­fach aus­pro­bie­ren“, sagt sie. Lang­fris­tig hofft sie so, neue Kun­den an sich zu bin­den. Und die Stamm­kun­den zu be­hal­ten. Vor al­lem durch das Flair, das das Fest ver­brei­tet. „Es geht um den Ge­samt­ein­druck der Stra­ße“, sagt sie. Die Menschen wür­den au­ßer­dem das per­sön­li­che Ge­spräch schät­zen. Und die Un­ter­neh­mer in der Stra­ße wür­den sich so auch bes­ser ken­nen­ler­nen.

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