Ju­bi­lä­um: 50 Jah­re Ar­beit »un­ter frem­dem

1966 wur­de das An­wer­be-Ab­kom­men für ju­go­sla­wi­sche Ar­bei­ter un­ter­zeich­net. 50 Jah­re Gas­t­ar­beit, das ist auch ei­ne Ge­schich­te von zer­ris­se­nen Fa­mi­li­en, von Aus­beu­tung und Aus­gren­zung – aber auch von ge­glück­ten Le­ben in ei­ner neu­en Hei­mat.

Die Presse am Sonntag - - Österreich - VON CHRISTINE IMLINGER

Ni­ko Mija­to­vic´ hat­te nie vor, in Wi­en zu le­ben. Im Jahr 1971 – er war ge­ra­de 19 Jah­re, hat­te ei­ne Job­zu­sa­ge in sei­nem bos­ni­schen Hei­mat­ort Brck­oˇ und dort eben den Prä­senz­dienst ab­ge­schlos­sen – lud ihn sein Va­ter ein, ihn für ein paar Tage in Wi­en zu be­su­chen. Sein Va­ter, Mau­rer und in Bos­ni­en Ne­ben­er­werbs­bau­er, war 1966 nach Wi­en ge­kom­men. Ein klas­si­scher Gas­t­ar­bei­ter, der bei der Tee­r­ag-As­dag Stra­ßen asphal­tier­te, um schnell Geld zu ver­die­nen, mit dem er sich in Bos­ni­en ei­nen Trak­tor kau­fen woll­te. Sein Va­ter kehr­te spä­ter in die al­te Hei­mat zu­rück, aus Ni­ko Mija­to­vics´ Be­such in Wi­en wur­den 45 Jah­re.

Er ist ei­ner von Tau­sen­den Ar­bei­tern aus dem da­ma­li­gen Ju­go­sla­wi­en, die ab den 1960er-Jah­ren nach Ös­ter­reich ge­kom­men sind – vor al­lem, um am Bau oder in Fa­b­ri­ken zu ar­bei­ten. Dort such­te man da­mals hän­de­rin­gend nach Ar­bei­tern, die Ar­beits­lo­sen­ra­te lag un­ter drei Pro­zent. Auf den Bahn­stei­gen, in Kap­fen­berg oder am Wie­ner Süd­bahn­hof, sind da­mals Wer­ber von Fir­men ge­stan­den, wie man sie heu­te viel­leicht noch aus Tou­ris­ten­or­ten kennt, und ha­ben die An­kom­men­den ge­fragt, ob sie Ar­beit brau­chen. Aus­stel­lun­gen zum Ju­bi­lä­um. 1966 wur­de die­se Ar­beits­mi­gra­ti­on, die zu­vor in­for­mell ge­lau­fen war, recht­lich ge­re­gelt. Ös­ter­reich und die da­ma­li­ge So­zia­lis­ti­sche Fö­de­ra­ti­ve Re­pu­blik Ju­go­sla­wi­en schlos­sen ein „Ab­kom­men zur An­wer­bung von Gas­t­ar­bei­tern“, in dem un­ter an­de­rem die Gleich­stel­lung im Ab­ga­ben- und Kran­ken­ver­si­che­rungs­sys­tem ge­re­gelt wur­de. Die­sem 50-Jahr-Ju­bi­lä­um wid­men sich heu­er di­ver­se Ver­an­stal­tun­gen und Aus­stel­lun­gen. Seit Frei­tag et­wa die Aus­stel­lung „Un­ter frem­dem Him­mel“im Wie­ner Volks­kun­de­mu­se­um. Or­ga­ni­siert wur­de die Aus­stel­lung in Zu­sam­men­ar­beit mit dem Ver­ein Ju­kus, der schon vor zwei Jah­ren die Aus­stel­lung „Avus­tu­rya! Ös­ter­reich!“an­läss­lich des 50-Jahr-Ju­bi­lä­ums des ös­ter­rei­chisch-tür­ki­schen An­wer­be­ab­kom­mens or­ga­ni­siert hat. Frau­en, Fuß­ball, gu­te Ar­beit. Heu­er ist Ni­ko Mija­to­vic´ ei­ner je­ner Zeit­zeu­gen, die für die­se Aus­stel­lung ih­re Ge­schich­te er­zählt und pri­va­te Fo­to­al­ben und Ar­chi­ve ge­öff­net ha­ben. Wie es ge­kom­men ist, dass er in Wi­en ge­blie­ben ist? Ös­ter­reich – und im spe­zi­el­len Wi­en, hät­ten ihn im­mer in­ter­es­siert. Der Groß­va­ter ha­be viel aus der Zeit der Mon­ar­chie er­zählt, in der Schu­le ha­be er et­was Deutsch ge­lernt. Im 18. Be­zirk sei er dann hän­gen­ge­blie­ben. „Ich war im Park, ha­be Fuß­ball ge­spielt, dann hat mich je­mand an­ge­re­det, ob ich zu ei­nem Ver­ein kom­men will, ich ha­be schnell Ar­beit ge­fun­den und hat­te schnell An­schluss in Wi­en“, er­zählt er. „Wir wa­ren ja erst 19 Jah­re! Wir wa­ren of­fen, red­se­li­ge Bur­schen, und hübsch wa­ren wir! Nicht so wie heu­te“, sagt er, lacht, „das war schon ei­ne sehr schö­ne Zeit.“

Über­haupt ist es, wenn er er­zählt, in sei­nem Wie­ne­risch, in dem das Bos­ni­sche noch et­was durch­klingt, und wild ges­ti­ku­liert, ei­ne glück­li­che Ge­schich­te ei­nes Le­bens im Aus­land. Mija­to­vic´ ist im Wi­en der frü­hen 1970er-Jah­re in ei­ne le­ben­di­ge ju­go­sla­wi­sche Com­mu­ni­ty ge­kom­men. Ver­wand­te, die be­reits in Ös­ter­reich wa­ren, er­leich­ter­ten die Woh­nungs­su­che oder die Ver­mitt­lung von Jobs. Da­zu ka­men die vie­len Kul­tur- und Sport­ver­ei­ne der Ju­go­sla­wen in Wi­en (sie­he rechts). Mit 1974 war der Boom vor­bei. Vor 1966, vor der Un­ter­zeich­nung des Ab­kom­mens mit Ju­go­sla­wi­en, ha­ben 20.000 ju­go­sla­wi­sche Staats­bür­ger in Ös­ter­reich ge­lebt. Ab 1966 stieg die­se Zahl dann ra­sant an. 1973 er­reich­te sie mit 178.134 Ar­bei­tern (rund 40 Pro­zent da­von wa­ren üb­ri­gens Frau­en) ei­nen vor­läu­fi­gen Hö­he­punkt.

Mit der Wirt­schafts­kri­se ab 1974/75 än­der­te sich die Si­tua­ti­on aber schlag­ar­tig: Ar­beits­plät­ze wur­den knap­per, Ös­ter­rei­chern wur­de der Vor­rang ge­ge­ben, und vie­le ju­go­sla­wi­sche Ar­bei­ter kehr­ten in ih­re al­te Hei­mat zu­rück. Al­lein in Wi­en sank da­mit der An­teil der ju­go­sla­wi­schen Be­schäf­tig­ten von 1975 bis 1985 um ein Drit­tel auf rund 40.000. Die Zahl der ju­go­sla­wi­schen Staats­bür­ger in Ös­ter­reich blieb trotz der teil­wei­sen Rück­kehr kon­stant. 1976 trat ein Aus­län­der­be­schäf­ti­gungs­ge­setz in Kraft, das die Be­schäf­ti­gung auch durch re­strik­ti­ve Be­din­gun­gen bei der Wie­der­ein­rei­se ein­schränk­te. Gas­t­ar­bei­ter hat­ten al­so die Wahl: ent­we­der ganz in Ös­ter­reich zu le­ben und die Fa­mi­lie nach­zu­ho­len oder selbst in die Hei­mat zu­rück­zu­keh­ren. Vie­le hol­ten ih­re Frau­en und Kin­der nach, die Zahl der Ju­go­sla­wen blieb al­so sta­bil. Be­zie­hungs­wei­se wur­den aus den Gas­t­ar­bei­tern ös­ter­rei­chi­sche Staats­bür­ger – und schie­nen nicht mehr in der Sta­tis- tik auf. 1987 ha­ben je­den­falls 82.000 Ju­go­sla­wen in Ös­ter­reich ge­ar­bei­tet. Zah­len, wie man sie zum Hö­he­punkt der Gas­t­ar­bei­ter­zeit An­fang der 1970erJah­re ge­zählt hat, wur­den erst Mit­te der 1990er-Jah­re, mit vie­len Ar­bei­tern, die als Flücht­lin­ge der Ju­go­sla­wi­en-Krie­ge ge­kom­men wa­ren, wie­der ge­zählt.

Jahr­zehn­te­lang wa­ren ju­go­sla­wi­sche Gas­t­ar­bei­ter die größ­te Mi­gran­ten­grup­pe in Ös­ter­reich, sie wa­ren deut­lich mehr als et­wa Gas­t­ar­bei­ter aus der Tür­kei. In den ers­ten Jah­ren der Gas­t­ar­bei­ter-Be­we­gung ha­ben die­se vor al­lem in Fa­b­ri­ken und am Bau ge­ar­bei­tet. Die Au­to­bah­nen, die Uno- Ci­ty, die Wie­ner U-Bah­nen: An den Bau­ten der Wirt­schafts­boom-Jah­re wa­ren im­mer auch die Fremd­ar­bei­ter, wie man sie da­mals nann­te, be­tei­ligt. Schwe­re Ar­beit, gro­ße Op­fer. Wie Ni­ko Mija­to­vics´ Va­ter, der Stra­ßen asphal­tier­te und spä­ter, viel­leicht wa­ren es die Dämp­fe bei der schwe­ren Ar­beit, viel­leicht die Zi­ga­ret­ten, mit 59 Jah­ren an Krebs starb. Ni­ko Mija­to­vic´ hat in den 1970er-Jah­ren bei ei­ner Spe­di­ti­on an­ge­fan­gen und dort schließ­lich 35 Jah­re lang im Bü­ro ge­ar­bei­tet, Fahr­ten ge­plant usw. „Ich hab’ die Ar­beit im­mer gern ge­macht“, sagt er.

Über­haupt hat sich sein Le­ben in Wi­en schnell ge­fügt. Im Klub­lo­kal sei­nes Fuß­ball­ver­eins lernt er sei­ne heu­ti­ge Frau, Zo­ri­ca, ken­nen. „Sie war ganz jung und hat Folk­lo­re ge­tanzt. Aber ich hab’ mir ge­dacht, die Kla­ne, die wird ein­mal fesch“, er­zählt er über sie, die da­mals viel­leicht 16 war. Zwei Jah­re spä­ter tref­fen sie sich wie­der, wer­den ein Paar – das sie noch heu­te, 39 Jah­re spä­ter, sind. Sie hei­ra­ten, wer­den El­tern. Dass die Kin­der in Wi­en auf­wach­sen,

Uno-Ci­ty, U-Bahn, Au­to­bah­nen: Vie­le Pres­ti­ge­bau­ten ha­ben Ju­go­sla­wen mit­ge­baut.

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