Bör­sia­ner wit­tern Mor­gen­luft

De­fen­si­ve Ak­ti­en stan­den jah­re­lang in der Gunst der An­le­ger. Zu­letzt hat sich das Blatt ge­wen­det. Nun ha­ben In­dus­trie­ti­tel die Na­se vorn – bloß, wie lang noch?

Die Presse am Sonntag - - Mein Geld - VON NI­CO­LE STERN

In Kri­sen­zei­ten sind sie das Ass im Är­mel ei­nes je­den In­ves­tors: de­fen­si­ve Wer­te. Da­bei han­delt es sich um Ak­ti­en von Un­ter­neh­men, de­ren Ge­schäfts­mo­dell nicht so stark von Kon­junk­tur­schwan­kun­gen ab­hän­gig ist. Nah­rungs­mit­tel­her­stel­ler fal­len ge­nau­so in die­se Ru­brik wie Ener­gie­ver­sor­ger oder Phar­ma­kon­zer­ne. Ih­re Pro­duk­te wer­den meist dau­er­haft nach­ge­fragt, un­ab­hän­gig von der wirt­schaft­li­chen Si­tua­ti­on.

De­fen­si­ve Ak­ti­en ge­nie­ßen be­son­ders seit der Fi­nanz­kri­se ei­nen gu­ten Ruf. Auch weil es sich bei ih­nen meist um bra­ve Di­vi­den­den­zah­ler han­delt. In Zei­ten nied­ri­ger Zin­sen ein nicht zu un­ter­schät­zen­der Fak­tor. Seit An­fang 2008 ha­ben sich de­fen­si­ve Ak­ti­en dra­ma­tisch bes­ser ent­wi­ckelt als zy­kli­sche Wer­te. De­fen­si­ve Ti­tel leg­ten in die­sem Zei­t­raum um rund 40 Pro­zent zu, wäh­rend zy­kli­sche Pa­pie­re rund zwölf Pro­zent ver­lo­ren. In die­se Ka­te­go­rie ein­ord­nen las­sen sich je­ne Fir­men, die sen­si­tiv auf die wirt­schaft­li­che Groß­wet­ter­la­ge re­agie­ren (et­wa In­dus­trie­ti­tel). In Auf­schwung­pha­sen ent­wi­ckeln sich ih­re Kur­se da­für bes­ser.

Doch seit Kur­zem hat sich das Bild ge­dreht: Zy­kli­sche Ti­tel zie­hen an de­fen­si­ven vor­bei, wie Bloom­berg-Da­ten zei­gen. So hat der FTSE All-World Cy­cli­cal In­dex zur bes­ten Zwei-Mo­nats-Ent­wick­lung seit 2012 an­ge­setzt – und den FTSE All-World De­fen­si­ve In­dex über­holt. Seit Jän­ner leg­ten kon­junk­tur­re­sis­ten­te­re Wer­te (plus 1,4 Pro­zent) we­ni­ger stark zu als kon­junk­tur­sen­si­ti­ve (plus sechs Pro­zent).

„Plötz­lich ver­bes­sern sich die Un­ter­neh­mens­er­geb­nis­se, und da die Wirt­schaft bes­ser aus­sieht, hat man den Wunsch, et­was zy­kli­scher zu wer­den. Die Po­si­tio­nie­rung war ein­fach über­de­fen­siv“, sagt And­rew Co­le von Pic­tet Asset Ma­nage­ment zu Bloom­berg. Welt­weit ha­ben Kon­junk­tur­in­di­ka­to­ren seit An­fang Ju­li die Er­war­tun­gen der Ex­per­ten viel­fach über­trof­fen. Der Sur­pri­se In­dex der Ci­ti­group er­reich­te im Au­gust den höchs­ten Stand seit Februar 2014. Und auch die Un­ter­neh­men lie- fer­ten. Ih­re Er­geb­nis­se über­rasch­ten po­si­tiv. Ei­ner Er­he­bung von BNP Pa­ri­bas zu­fol­ge konn­ten zwei Drit­tel der eu­ro­päi­schen Fir­men die Schät­zun­gen der Ana­lys­ten top­pen und auch in den USA wa­ren Markt­teil­neh­mer pes­si­mis­ti­scher, als sie hät­ten sein müs­sen. Auf glo­ba­ler Ebe­ne muss­ten Ex­per­ten ih­re Vor­her­sa­gen eben­so kor­ri­gie­ren. Laut Ci­ti­group ha­ben Ana­lys­ten erst­mals seit zwei Jah­ren mehr Er­geb­nis­pro­gno­sen an­ge­ho­ben als her­un­ter­ge­schraubt. Zu früh ge­freut? Im FTSE Cy­cli­cal In­dex er­leb­ten Un­ter­neh­men wie To­yo­ta, Samsung, Schlum­ber­ger oder 3M heu­er be­acht­li­che Kurs­stei­ge­run­gen seit ih­ren je­wei­li­gen Jah­res­tiefs. To­yo­ta be­kräf­tig­te zwar sei­ne Ab­satz­pro­gno­se für das lau­fen­de Ge­schäfts­jahr, doch der Ge­winn wird sich bis En­de März wohl hal­bie­ren. Der star­ke Yen macht Aus­fuh­ren für ja­pa­ni­sche Un­ter­neh­men teu­er, der Br­ex­it könn­te dem Her­stel­ler ein schwie­ri­ges Markt­um­feld in den In­dus­trie­staa­ten be­sche­ren. Die Ak­tie leg­te seit ih­rem Tief trotz­dem 26 Pro­zent zu.

Den Ko­rea­nern von Samsung ha­ben wie­der­um die Aus­sicht auf das neue Smart­pho­ne Ga­la­xy S7 und ein gu­tes zwei­tes Quar­tal Rü­cken­wind ver­lie­hen. Wie sich der ak­tu­el­le Ver­kaufs­stopp des Ge­räts (in­fol­ge bren­nen­der Ak­kus) auf den Bör­sen­kurs aus­wirkt, wird man erst kom­men­de Wo­che se­hen. Im schlimms­ten Fall könn­te ein Rück­ruf bis zu 1,3 Mrd. Dol­lar kos­ten. Für Samsung kommt die Nach­richt zur Un­zeit, weil es sei­nen Vor­sprung ge­gen­über App­le ver­lie­ren könn­te. Ein Rück­set­zer an der Bör­se könn­te ei­nen Ein­stieg aber schmack­haft ma­chen. Die Ak­tie hat sich seit Februar näm­lich um über 50 Pro­zent ver­teu­ert.

An­teils­eig­ner des Öl­feld­ser­vice­kon­zerns Schlum­ber­ger hat­ten bis da­to eben­falls Grund zur Freu­de. Die US-Fir­ma hat schwie­ri­ge Zei­ten hin­ter sich, doch seit ih­rem Jah­res­tief stieg der Kurs um rund ein Vier­tel. Zu­vor wa­ren die Ti­tel al­ler­dings stark ab­ge­straft wor­den. Die Er­ho­lung des Öl­prei­ses half dem Zu­lie­fe­rer. Dem ge­gen­über ste­hen de­fen­si­ve Ak­ti­en wie No­var­tis oder Nest­le,´ de­ren Kur­se nur um rund 13 Pro­zent (auf Eu­ro­ba­sis) zu­leg­ten.

Doch wer glaubt, In­dus­trie­ti­tel könn­ten die Ober­hand ge­win­nen, muss vor­sich­tig sein. Vie­le zwei­feln, ob die Er­ho­lung der Zy­kli­ker lang­fris­tig sein wird.

Ben Laid­ler von HSBC ist da­von über­zeugt, dass die bes­se­re Per­for­mance der Zy­kli­ker eher auf dem Prin­zip Hoff­nung denn auf ei­ner Ver­bes­se­rung von Fun­da­men­tal­da­ten ba­siert. Zu­letzt warn­te der In­ter­na­tio­na­le Wäh­rungs­fonds, dass die Welt­wirt­schaft auch 2017 hin­ter dem lang­fris­ti­gen durch­schnitt­li­chen Wachs­tum zu­rück­blei­ben wird.

Jo­sef Ur­schitz ist auf Ur­laub.

LET’S MA­KE MONEY er­scheint wie­der am 11.9.2016.

Reuters

Zy­kli­sche Ak­ti­en wie die des Au­to­bau­ers To­yo­ta weck­ten zu­letzt das In­ter­es­se von In­ves­to­ren. Doch Pes­si­mis­ten war­nen, dass hier eher das Prin­zip Hoff­nung do­mi­niert.

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