Ir­res Tal kommt auf den Hund

Klau­dia Blasl stif­tet in ih­rem über­dreh­ten Kri­mi­nal­ro­man ein »Gams­bart­mas­sa­ker« an. Ei­ne wil­de, sprach­ge­wal­ti­ge Sa­ti­re von Mord und Pro­vinz.

Die Presse am Sonntag - - Lesenhören - VON MA­DE­LEI­NE NAPETSCHNIG

In der Re­gen­ton­ne schwimmt ein to­ter Mops mit ei­nem Gams­bart zwi­schen den Zäh­nen. Die fe­sche Lei­che ragt aus dem Ge­büsch. Ei­ne deut­sche Ur­lau­ber­fa­mi­lie be­zieht im Well­ness­ho­tel für Hun­de Quar­tier. Und die Be­woh­ner des Da­misch­tals lie­gen, wenn nicht be­sof­fen un­ter dem Wirts­haus­tisch, sich in den Haa­ren, un­ter an­de­rem, weil in ei­nem auf­ge­las­se­nen Kran­ken­haus Flücht­lin­ge un­ter­ge­bracht wer­den sol­len. Ein Kri­mi­nal­fall aus der süd­west­stei­ri­schen Pro­vinz bringt sich in Stel­lung, wo­bei der An­teil der Sa­ti­re die Dra­ma­tik von Mor­den und Wür­gen bei Wei­tem über­trifft: Klau­dia Blasls „Gams­bart­mas­sa­ker“ist ganz bö­se Ma­te­rie – auf ei­ne sehr skur­ri­le und ei­ne ziem­lich def­ti­ge Art –, in der es, bei all dem ku­rio­sen Plot, ge­nau­so um das geht, was sprach­lich in dem Text pas­siert: näm­lich sprach­wit­zi­ge Po­in­ten, hu­mo­ri­ge Dia­lo­ge, wah­re Wor­te.

Im fa­mo­sen Vor­gän­ger­ro­man der stei­ri­schen Au­to­rin, „Mie­der­ho­sen­mord“, hat der Le­ser das Da­misch­tal be­reits kri­mi­nal­tech­nisch und at­mo­sphä­risch ken­nen­ge­lernt: ei­ne fik­ti­ve Re­gi­on, die nichts mit rea­ler ös­ter­rei­chi­scher Geo­gra­fie zu tun hat, denn sol­che über­zeich­ne­ten Kli­schees muss man erst ein­mal er­fin­den. Fakt ist: Die in die­sem Da­misch­tal ver­or­te­ten Ge­mein­den sind in ewi­ger Ri­va­li­tät ver­eint. Plut­zen­berg und Gfrett­stät­ten la­bo­rie­ren an vie­len Din­gen wie an Dör­fern in der fer­nen Pro­vinz, die ihr Geld mit Tou­ris­mus und Schwei­ne­mast, Wall­fah­rern und Asyl­su­chen­den ver­die­nen müs­sen. In der Kür­bis­se und Ku­kuruz ge­dei­hen und Wein­trau­ben wach­sen, von de­nen die Ein­woh­ner die­ser sonst so fried­vol­len Tal­schaft durch­aus ra­bi­at wer­den kön­nen, zu­min­dest trieb­ge­steu­ert. Fra­ge nicht, wenn sie be­waff­net sind. Ein Idyll ist die­ses Da­misch­ta­ler Pan­dä­mo­ni­um, al­len Ge­mein­hei­ten zum Trotz, die sich die Ge­mein­de­ver­tre­ter an­tun. Ver­sof­fe­ne Bau­ern. Auch ei­ni­gen Per­so­nen aus Blasls schrä­gem De­büt­ro­man wird man wie­der­be­geg­nen: an- und aus­ge­fres­se­nen Dorf­po­li­zis­ten, feis­ten Ge­mein­de­po­li­ti­kern, ver­sof­fe­nen Bau­ern, „fein­stoff­lich ver­an­lag­ten“Dorf­schön­hei­ten, der Eli­te der kom­mu­na­len In­tel­li­gen­zi­ja. Neu auf der Büh­ne sind exi­lier­te Jung­da­misch­ta­ler und Freun­de be­wusst­seins­er­wei­tern­der In­halts­stof­fe. Schließ­lich ein deut­sches Ur­lau­ber­paar mit sei­nem cle­ve­ren Soh­ne­mann, der wie­der­holt zum Hel­den der Ge­schich­te wird, weil die Er­eig­nis­se im „Mie­der­ho­sen­mord“sie tat­säch­lich nicht da­von ab­hal­ten konn­ten, noch ein­mal Ur­laub bei den Da­misch­ta­lern zu ma­chen.

Schon ziem­lich schrill die Idee, die­ses tou­ris­ti­sche Set­ting mit der ak­tu­el­len po­li­ti­schen La­ge zu kon­fron­tie­ren, den Stamm­tisch und den Dis­kurs, der­be Sät­ze in Dia­lekt und die ge­schwol­le­ne Re­de von­sei­ten der wis­sen­den Er- zäh­le­rin. In die­ser wild­wüch­si­gen Ge­schich­te zeigt sich die Ga­be von Blasl, Fi­gu­ren und Si­tua­tio­nen bis ins Gro­tes­ke zu über­zeich­nen, zu­gleich aber ganz rea­len sprach­li­chen Bo­den­satz auf­zu­le­sen. Das steht in ei­ner Ver­wandt­schaft zu Rein­hard P. Gru­bers le­gen­dä­rem „Hödl­mo­ser“und ist ei­ner „Pief­ke­sa­ga“und „Braun­schlag“nä­her als ei­nem Pro­vinz­kri­mi. Von de­nen sich die­ses Werk schon sehr deut­lich ab­hebt, denn Blasl be­weist, dass in die­sem Gen­re li­te­ra­risch, sprach­lich sehr viel mehr geht als die sim­ple Ver­schrän­kung von Mord und Pro­vinz.

Da­ni­la Amo­deo

Hebt sich klar von ei­nem Pro­vinz­kri­mi ab: Klau­dia Blasl.

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