Die An­ru­fung des to­ten Soh­nes

Die Presse am Sonntag - - Lesenhören - THOMAS KRAMAR

Nick Ca­ve: »Je­sus Alo­ne«. Es ist ja nicht so, dass die­ser düs­te­re Sohn Aus­tra­li­ens bis­her mit re­li­giö­sen The­men ge­spart hät­te; auch Je­sus hat er schon oft be­schwo­ren. In „Je­sus Alo­ne“kommt die­ser nur im Ti­tel vor, doch es ist der er­grei­fends­te christ­li­che Song, der Ca­ve bis­her ge­glückt ist. In ei­ner un­wirt­li­chen Land­schaft, über der ei­ne Gi­tar­re kreist und krächzt wie ein tod­mü­der Gei­er, malt er Bil­der aus dem Jam­mer­tal: ein Dro­gen­to­ter, ein blut­be­fleck­ter jun­ger Mann, ei­ne von Ko­li­bris um­schwirr­te Frau, ein al­ter Mann am Feu­er. Das ers­te Bild ist von ganz per­sön­li­cher Tra­gik: „You fell from the sky, crash-lan­ded in a field ne­ar the ri­ver Adur“be­zieht sich auf Nick Ca­ves Sohn, der mit 15 Jah­ren töd­lich ver­un­glückt ist. Für den Schöp­fer, klagt Ca­ve, sei er nur ei­ne fer­ne Er­in­ne­rung. Li­t­ur­gisch mu­tet die im­mer wie­der­keh­ren­de Zei­le „With my voice I am cal­ling you“an. Wen ruft Ca­ve hier? Sei­nen to­ten Sohn? Je­sus Chris­tus? Bei­de zu­gleich? Je­den­falls er­schüt­ternd.

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