Am Herd

BRANDHEISS UND HÖCHST PER­SÖN­LICH

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON BET­TI­NA ST­EI­NER

Es herbs­telt, sa­gen wir. Nie­mand sagt: Es früh­lin­gelt. Oder es win­terlt. Über ei­ne Jah­res­zeit, die uns zu schaf­fen macht.

Komm, wir ge­hen noch ein­mal schwim­men“, sa­gen wir. „Komm, pack dei­ne Ba­de­sa­chen ein, es wird noch ein­mal heiß heu­te, wir lau­fen bar­fuß über die Kie­sel, wir span­nen den Son­nen­schirm auf, wir pick­ni­cken auf der Wie­se. Es ist viel­leicht der letz­te war­me Tag.“

Der Sep­tem­ber ist voll von letz­ten Ta­gen. Der letz­te Tag, an dem wir San­da­len tra­gen, der letz­te Tag, an dem wir uns nach dem Schwim­men die Haa­re nicht föh­nen, der letz­te Tag, an dem wir abends noch im Frei­en sit­zen und nicht dar­an den­ken wol­len, dass wir mor­gen früh auf­ste­hen müs­sen. Wir wis­sen nie, wann er sein wird, die­ser letz­te Tag, des­halb glau­ben wir im­mer: heu­te. Und ir­gend­wann stimmt es ja auch.

Es ist gut, dass wir uns vor­be­rei­ten. Denn der Herbst ist gei­zig. Wenn er uns ein paar Son­nen­stun­den an­bie­tet, dann wei­sen wir sie nicht zu­rück, und wenn es reg­net, sind wir nicht un­ge­hal­ten wie im Ju­li und Au­gust. Der Sep­tem­ber ist kei­ne Zeit für For­de­run­gen. Da nimmt man, was man kriegt, und dankt recht ar­tig. Pul­lis. Bald wer­den wir vor un­se­ren Schrän­ken ste­hen, die Rö­cke und Klei­der und T-Shirts nach hin­ten räu­men und die Pul­lis und Schals und lan­gen Ho­sen in Griff­wei­te schlich­ten. Wie an­ders se­hen die Re­ga­le dann aus! Lau­ter ge­deck­te Far­ben: An­thra­zit statt Weiß, Braun statt Oran­ge, viel Blau, dun­k­les Blau, Schwarz. Bor­deaux statt Him­beer­far­ben. War­um nur? Ma­chen die Ne­bel, die der Herbst uns schi­cken wird, nicht eh al­les düs­ter? Aber viel­leicht wol­len wir ja nur, dass die Gar­de­ro­be zu uns passt, wenn die Som­mer­bräu­ne ver­schwin­det. Nicht mehr lang und die Omas in die­sem Land wer­den wie­der die Hän­de über den Köp­fen zu­sam­men­schla­gen und ru­fen: „Mei­ne Gü­te, bist du blass! Kind, du musst was es­sen!“Und wir, die kei­ne Oma mehr ha­ben, wer­den dar­an den­ken und ein biss­chen lä­cheln müs­sen: als ob noch ei­ne Schei­be Ge­selch­tes und noch ein Schöp­fer Pü­ree uns das Rot auf die Wan­gen zu­rück­zau­bern könn­ten und den Som­mer auf die Stirn. Tem­pe­ra­tur­sturz. Wenn wir heu­te wirk­lich schwim­men ge­hen, wird das Was­ser noch an­ge­nehm warm sein, viel wär­mer als im Früh­ling, als wir beim Rein­ge­hen vor Schreck noch den Bauch ein­zo­gen. Wär­mer auch als noch im Ju­li. Aber die Son­nen­creme, die pa­cken wir nicht mehr ein, die Son­ne hat nicht mehr die glei­che Kraft, sie ist jetzt mü­der und geht auch frü­her schla­fen, wir ge­hen zei­tig nach Hau­se und sa­gen: „Es herbs­telt.“Da­bei zie­hen wir uns die Ja­cke en­ger um die Schul­tern.

Mor­gen be­ginnt wie­der die Schu­le, mor­gen wird es ver­mut­lich reg­nen. „Tem­pe­ra­tur­sturz“, sa­gen sie. Der Herbst kommt erst. Aber der Som­mer ist schon vor­über.

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