Ro­ma­nen

Die Presse am Sonntag - - Kultur -

und Ra­tio: Ei­ne Mitt­drei­ßi­ge­rin sucht nach ei­nem Aus­weg aus der „lei­di­gen Dua­li­tät“, an der schon die Ehe ih­rer El­tern zer­bro­chen ist. Mit Proust in Istan­bul. Zer­ris­sen­heit ist auch das be­herr­schen­de Ge­fühl im Werk ei­nes zwei Ge­ne­ra­tio­nen äl­te­ren tür­ki­schen Klas­si­kers – Ah­met Ham­di Tan­pı­n­ars. Wer nach­emp­fin­den will, was der ra­di­ka­le Bruch Ata­türks mit der Ver­gan­gen­heit ne­ben al­ler Be­geis­te­rung auch an Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit und Ver­lust­ge­füh­len ge­bracht hat, soll­te die­sen noch un­ter dem Sul­tan ge­bo­re­nen Schrift­stel­ler le­sen. Tan­pı­nar ver­schlang west­li­che Li­te­ra­tur und er­leb­te doch die ver­ord­ne­te Mo­der­ni­sie­rung als ver­hee­rend. Er ver­miss­te die Syn­the­se von Al­tem und Neu­em, das ver­bin­den­de Sich-An­eig­nen statt der blo­ßen Imi­ta­ti­on. Wie der von ihm ver­ehr­te Mar­cel Proust krei­sen sei­ne Bü­cher im­mer auch um das The­ma Zeit: „Ich bin nicht in der Zeit und auch nicht ganz au­ßer­halb“, steht auf sei­nem Gr­ab in Istan­bul.

In sei­nem Ro­man „Das Uh­ren­stel­l­in­sti­tut“sorgt ein ab­surd auf­ge­bläh­ter, be­trü­ge­ri­scher Ver­wal­tungs­ap­pa­rat da­für, dass al­le Uh­ren im gan­zen Land syn­chro­ni­siert wer­den, Menschen wer­den mit güns­ti­gen Kre­di­ten da­zu ver­lei­tet, Uh­ren zu kau­fen (ein Sym­bol des mo­der­nen Gleich­schritts).

Viel düs­te­rer ist Tan­pı­n­ars 1949 er­schie­ne­ner Ro­man „Hu­zur“, den vie­le für den wich­tigs­ten der tür­ki­schen Mo­der­ne hal­ten und den Pa­muk den be­deu­tends­ten Istan­bul-Ro­man nann­te. Vom „See­len­frie­den“des deut­schen Ti­tels ist da­rin kei­ne Spur: Ein jun­ger Mann irrt ru­he­los durch Istan­bul, auf der Su­che nach Bruch­stü­cken der (os­ma­ni­schen) Ver­gan­gen­heit, und kämpft mit ei­ner schwie­ri­gen Lie­bes­ge­schich­te. Sie schei­tert end­gül­tig, als sich sein ni­hi­lis­ti­scher Freund teuf­lisch bos­haft in der Woh­nung er­hängt, in der er und sei­ne Ge­lieb­te end­lich ge­mein­sam zu le­ben hof­fen.

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