Cul­tu­re Clash

FRONTNACHRICHTEN AUS DEM KULTURKAMPF

Die Presse am Sonntag - - Geschichte - VON MICHA­EL PRÜLLER

Mut­ter Te­re­sa und der Plu­ra­lis­mus. Der Is­lam macht wie­der deut­lich, wie an­stö­ßig Re­li­gi­on sein kann. Aber auch das Chris­ten­tum eckt an. Selbst in Gestalt ei­ner klei­nen fal­ti­gen Non­ne.

Die de­mo­kra­ti­sche, plu­ra­lis­ti­sche Li­be­ra­le geht da­von aus, dass Re­li­gi­on, rich­tig ge­lebt, ei­ne pri­va­te Sa­che ist, die der Er­bau­ung dient und ih­re An­hän­ger da­zu mo­ti­viert, gu­te Menschen zu sein. Da­her kön­nen Re­li­gio­nen und sä­ku­la­rer Staat pro­blem­los ne­ben­ein­an­der exis­tie­ren. Es macht letz­ten En­des ge­nau so we­nig aus, ob ei­ner At­he­ist, Christ oder Mus­lim ist, wie ob ei­ner Jus­tin Bie­ber ver­ehrt oder gräss­lich fin­det.

Die­se Gr­und­an­nah­me ist falsch. Re­li­gi­on spielt sich nie nur in der Pri­vat­sphä­re ab, in ei­ner Wirk­lich­keit, die ne­ben der öf­fent­li­chen exis­tiert. Deut­lich macht das Mut­ter Te­re­sa, die heu­te von der ka­tho­li­schen Kir­che hei­lig­ge­spro­chen wird. Der Haupt­vor­wurf et­wa ih­res ve­he­men­tes­ten Kri­ti­kers, Christopher Hit­chens, lau­te­te, dass sie nicht So­zi­al­ar­be­te­rin sei, son­dern ei­ne Ka­tho­li­kin, die ihr En­ga­ge­ment als Got­tes­dienst ver­ste­he und ih­ren Ruhm da­zu ver­wen­de, auch pro­vo­zie­ren­de Bot­schaf­ten ih­rer Re­li­gi­on zu pro­pa­gie­ren. Leid­ver­ses­sen­heit und nicht der Wil­le, die Welt zu ver­bes­sern, ha­be sie mo­ti­viert.

Ja, re­li­giö­se Mo­ti­va­ti­on ist eben nicht das­sel­be wie ein Han­deln aus dem sä­ku­la­ren Wer­te­kon­sens. Wirk­li­che Re­li­gi­on wird so­gar noch in der recht un­ag­gres­si­ven Er­schei­nungs­form ei­ner klei­nen, fal­ti­gen Non­ne die sie um­ge­ben­de Ge­sell­schaft durch­rüt­teln und in­fra­ge stel­len. Sie wird ih­re Wir­kung nicht im stil­len Käm­mer­lein ver­strö­men. Das löst Un­be­ha­gen aus bei al­len, die Re­li­gi­on nur so lang ak­zep­tie­ren, so­lan­ge sie par­al­lel zur Ge­sell­schaft läuft und nicht quer. Für sie wä­re Mut­ter Te­re­sa nur dann ei­ne Hei­li­ge, wenn sie strom­li­ni­en­för­mi­ger, an­ge­pass­ter ge­we­sen wä­re. Ei­ne Re­li­gi­on, die nicht den gan­zen Menschen er­fasst und sein Le­ben und Wir­ken prägt, sei­ne Auf­fas­sun­gen von Gut und Bö­se formt und für ihn ei­ne hö­he­re Au­to­ri­tät dar­stellt als der Staat, ist aber kei­ne Re­li­gi­on. Das muss klar sein, wenn man Re­li­gi­on zu­lässt, und das gilt nicht nur für den Is­lam. In dem Aus­maß, in dem sich die eu­ro­päi­sche Wer­te­welt weg­be­wegt vom Christ­li­chen, eckt ja auch das Chris­ten­tum wie­der an – et­wa in der Ab­trei­bungs­fra­ge, beim Ehe­be­griff oder in Mut­ter Te­re­sas Um­gang mit dem Leid.

Der Is­lam macht nur das Bild von Re­li­gi­on als Stein des An­sto­ßes wie­der be­son­ders deut­lich. In ei­ner sä­ku­la­ren Ge­sell­schaft mit we­nig Selbst­be­wusst­sein wird die Ant­wort sein, Re­li­gi­on an den Rand zu drän­gen und an ei­ner Staats­ideo­lo­gie zu bas­teln. An­ders­wo wird man ein­fach sa­gen: Das ist eben der Plu­ra­lis­mus – ein Rin­gen des Kon­for­men mit dem Kon­trä­ren. Und der Staat muss nicht Ers­te­res vor Zwei­te­rem schüt­zen, son­dern nur das Rin­gen selbst. Der Au­tor war stv. Chef­re­dak­teur der „Pres­se“und ist nun Kom­mu­ni­ka­ti­ons­chef der Erz­diö­ze­se Wi­en.

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