»Wir müs­sen die Ge­sell­schaft um­ge­stal­ten«

Ca­ri­tas-Prä­si­dent Micha­el Lan­dau spricht über sei­ne Kind­heit oh­ne Kir­che, sei­ne spä­te Tau­fe mit 20 Jah­ren, sei­nen jü­di­schen Va­ter und den für ihn er­schüt­tern­den Krebs­tod sei­ner Mut­ter. Der Pries­ter ruft da­zu auf, die Welt zu ver­än­dern, sagt Hab­sucht, Gier

Die Presse am Sonntag - - Letzte Fragen - VON CHRIS­TI­AN ULTSCH

Ihr neu­es Buch ist nicht nur ein flam­men­der Ap­pell für mehr So­li­da­ri­tät, son­dern an ei­ni­gen Stel­len auch sehr per­sön­lich. Des­halb ei­ne per­sön­li­che Fra­ge zu Be­ginn: War­um wur­den Sie erst mit 20 Jah­ren ge­tauft? Micha­el Lan­dau: Mei­ne Mut­ter war ka­tho­lisch, mein Va­ter jü­di­schen Glau­bens. Bei­de sind ver­stor­ben. Sie hat­ten Re­spekt vor dem Glau­ben des an­de­ren, leb­ten den ei­ge­nen in ei­ner ge­wis­sen Wei­te. Sie woll­ten, dass ich, wenn ich äl­ter bin, selbst den rich­ti­gen Weg ge­he. Wo­bei zu Hau­se eher der Glau­be mei­ner Mut­ter be­stim­men­der war. War Ih­re Mut­ter gläu­big? Mei­ne Mut­ter gab uns mit, je­den Tag so zu le­ben, dass wir uns am Abend in den Spie­gel schau­en kön­nen, und nie die Son­ne über dem Zorn un­ter­ge­hen zu las­sen. Ich den­ke, dass mei­ne Mut­ter im Kern gläu­big war, aber mit ein­zel­nen Fra­gen ge­run­gen hat. Für ei­nen Ju­gend­li­chen war es 1980 wohl eher un­ge­wöhn­lich, der Kir­che bei­zu­tre­ten. Ich be­such­te in mei­ner Schul­zeit in der Scho­pen­hau­er­gas­se frei­wil­lig den ka­tho­li­schen Re­li­gi­ons­un­ter­richt, weil wir ei­nen gu­ten Re­li­gi­ons­leh­rer hat­ten, der ein her­vor­ra­gen­der Ski­fah­rer und Gei­ger war und uns als Typ be­ein­druck­te. Ein en­ger Schul­freund nahm mich oft mit zum Got­tes­dienst. So wuchs das. Na­tür­lich hat­te ich auch in mei­ner Stu­di­en­zeit Dis­kus­sio­nen. Ich er­in­ne­re mich an ein Ge­spräch mit mei­nem Dok­tor­va­ter der Bio­che­mie, der mir ei­ne Stel­le in ei­nem For­schungs­la­bor an­bot. Ich ha­be ihm ge­ant­wor­tet, ich fin­de das sehr lieb, aber ich wer­de jetzt ins Pries­ter­se­mi­nar ein­tre­ten. Mei­ne Mut­ter war über die Aus­sicht zu­nächst un­glück­lich. Ich glau­be, sie hät­te sich En­kel­kin­der von mir er­hofft. Was hat Sie am meis­ten an­ge­zo­gen an der Kir­che? Die Ge­mein­schaft? Durch­aus. In mei­nem Le­ben war aber sehr früh das per­sön­li­che Ge­bet wich­tig. Die Ge­wiss­heit, al­les, was mich be­schäf­tigt, auch vor Gott hin­hal­ten zu kön­nen. Und dann im­mer mehr die Ein­sicht, dass Glau­be in­ne­re Wei­te be­deu­tet und prak­ti­sches Tun. Bei wem konn­ten Sie da­mals ge­dank­lich an­do­cken in Ös­ter­reichs Kir­che? Bis in mei­ne Stu­di­en­zeit war das si­cher Kar­di­nal Kö­nig, der mich sehr be­ein­druck­te. Nicht we­gen sei­ner Wirk­kraft. Er führ­te sei­nen Glau­ben weit, nicht eng. Er be­wahr­te sich bis zum Schluss die­ses In­ter­es­se, die­se Of­fen­heit. Sie hät­ten sich auch für das Ju­den­tum ent­schei­den kön­nen. Für mich ist das Ju­den­tum Teil mei­ner ei­ge­nen Fa­mi­li­en­ge­schich­te und Le­bens­wirk­lich­keit, aber ich ha­be es nie als Op­ti­on für mich ge­se­hen. Nahm Sie Ihr Va­ter in die Sy­nago­ge mit? Prak­tisch nie. Was hat Ihr Va­ter be­ruf­lich ge­macht? Er war zu­nächst selbst­stän­dig, ver­trieb die „En­cy­clo­pa­edia Bri­tan­ni­ca“– und ar­bei­te­te dann in der Is­rae­li­ti­schen Kul­tus­ge­mein­de, auch fürs Fried­hofs­amt. Ihr Va­ter ist 1938/39 vor den Na­zis bis nach Shang­hai ge­flüch­tet. War es für ihn schwer, nach Wi­en zu­rück­zu­kom­men? Ich glau­be schon, er hat das am Schluss im­mer wie­der er­wähnt. Von Shang­hai zog mein Va­ter zu­nächst nach Is­ra­el. Sei­ne El­tern ver­tru­gen aber of­fen­bar das Kli­ma nicht gut. Sie gin­gen bald zu­rück nach Wi­en, mit sei­nem jün­ge­ren Bru­der. In den Fünf­zi­ger­jah­ren kam dann auch mein Va­ter wie­der nach Ös­ter­reich.

1960

Micha­el Lan­dau wird am 23. Mai 1960 in Wi­en ge­bo­ren. Sei­ne Mut­ter, ei­ne Ka­tho­li­kin, ar­bei­tet bei der Na­tio­nal­bank, sein Va­ter in der Is­rae­li­ti­schen Kul­tus­ge­mein­de. Nach sei­ner Ma­tu­ra am Scho­pen­hau­er­gym­na­si­um stu­diert Lan­dau Bio­che­mie, er schließt mit dem Dok­to­rat ab. 1980 tritt er der ka­tho­li­schen Kir­che bei. Sechs Jah­re spä­ter tritt er ins Pries­ter­se­mi­nar ein. Im Ok­to­ber 1992 wird er zum Pries­ter ge­weiht. Im De­zem­ber 1995 über­nimmt er die Lei­tung der Ca­ri­tas Wi­en. Seit No­vem­ber 2013 ist er Prä­si­dent der Ca­ri­tas Ös­ter­reich.

Buch­vor­stel­lung

Lan­dau prä­sen­tiert sein Buch „So­li­da­ri­tät“am 13. Sep­tem­ber um 19.30 Uhr in der Buch­hand­lung Mora­wa, Woll­zei­le 11, 1010 Wi­en. Sie schil­dern in Ih­rem Buch, wie sehr Sie der Tod Ih­rer Mut­ter, die 1999 an Krebs starb, er­schüt­ter­te. Das hat mich be­wegt. Ich hät­te an­ge­nom­men, ein sol­cher Schick­sals­schlag sei für ei­nen Pries­ter leich­ter zu er­tra­gen. Ein exis­ten­zi­el­ler Ver­lust trifft ei­nen im­mer bis ins In­ne­re hin­ein. Ich ha­be ei­ne Wei­le ge­braucht, um wie­der das „Va­ter un­ser“be­ten zu kön­nen. „Dein Wil­le ge­sche­he“– das woll­te ich nicht sa­gen. Ich woll­te, dass mei­ne Mut­ter wei­ter­lebt. Auf der an­de­ren Sei­te bin ich auch dank­bar für die Mo­men­te, die auf die­sem Weg la­gen. Die Be­zie­hung zu mei­nem Bru­der ist seit­her tie­fer. Ver­än­der­te sich da­mals Ihr Blick aufs Le­ben? Die Er­fah­rung des To­des stellt ei­nen noch­mals vor die Fra­ge: Was ist wich­tig im ei­ge­nen Le­ben. Am En­de sei­nes Le­bens hat sich noch kein Mensch mit den Wor­ten ver­ab­schie­det: Hät­te ich mehr ge­ar­bei­tet und ver­dient. Ver­fol­gen Sie ein Ziel in Ih­rem Le­ben? Der Schlüs­sel für ein ge­glück­tes Le­ben liegt da­rin, sich nicht nur um das ei­ge­ne Glück, son­dern auch um das Glück der an­de­ren zu sor­gen. Zu hö­ren und zu schau­en, wo wir als Menschen ge­fragt sind, heu­te und hier. Wol­len Sie sich ver­voll­komm­nen? Das kann im­mer nur bei­läu­fig ge­sche­hen, nicht ab­sichts­voll. Ich möch­te da­zu bei­tra­gen, dass die­se Welt für mög­lichst vie­le Menschen schö­ner und le­bens­wer­ter wird. Ist es Ihr An­spruch, die Welt zu ver­än­dern? Un­be­dingt. Selbst­ver­ständ­lich geht es dar­um. Das ist ei­ne wich­ti­ge Di­men­si­on des Be­grif­fes der So­li­da­ri­tät: Wir sind in ei­ne Schick­sals­ge­mein­schaft hin­ein­ver­wo­ben, aus der kei­ner aus­ge­schlos­sen wer­den und sich kei­ner da­von­steh­len darf. Wir tra­gen Ver­ant­wor­tung für uns selbst, aber auch für­ein­an­der. Sie plä­die­ren für ei­ne Re­po­li­ti­sie­rung der Po­li­tik und Vi­sio­nen, üben hef­ti­ge Kri­tik am Ka­pi­ta­lis­mus . . . Nicht ganz so arg wie der Papst. Wün­schen Sie sich ein an­de­res Ge­sell­schafts- und Wirt­schafts­sys­tem? Wir sind als Ca­ri­tas Ar­muts­ex­per­ten, nicht Steu­er­ex­per­ten. Wahr ist aber, dass So­li­da­ri­tät, wie Mar­tin Lu­ther King sag­te, mehr ist als die Mün­ze, die man dem Bett­ler gibt, sie ge­langt auch zur Ein­sicht, dass ei­ne Ge­sell­schaft, die Bett­ler her­vor­bringt, um­ge­baut wer­den muss. Papst Fran­zis­kus kommt zu ähn­li­chen Ge­dan­ken: Es ge­nügt heu­te nicht mehr, et­was für die Ärms­ten zu tun, wir müs­sen die Ge­sell­schaft um­ge­stal­ten. Das Wirt­schafts­sys­tem, das Sie kri­ti­sie­ren, hat al­lein in Chi­na Hun­der­te Mil­lio­nen Menschen aus der Ar­mut ge­ho­ben. Das gilt es zu wür­di­gen. Die Leis­tungs­fä­hig­keit der Wirt­schaft und die Qua­li­tät der so­zia­len Si­cher­heit sind zwei Pfei­ler ein und der­sel­ben Brü­cke. Wir müs­sen uns vor blin­der Wirt­schafts­angst hü­ten, aber auch vor blin­dem Wirt­schafts­glau­ben. Leis­tung und Er­folg sind wich­tig. Aber Ar­beit gibt es um des Menschen Wil­len und nicht um­ge­kehrt. Das mensch­li­che Ant­litz ei­ner Ge­sell­schaft zeigt sich da­rin, wie sie mit den Schwächs­ten um­geht. Nicht Markt und Wirt­schaft sind das Übel, son­dern mensch­li­che Gier und Hab­sucht. Sie for­dern ei­ne So­zi­al­uni­on. Wel­che so­zia­len Maas­tricht­kri­te­ri­en soll­te sich die EU ge­ben? Eu­ro­pa ist ein ge­lun­ge­nes Frie­dens­pro­jekt und ein mit Ab­stri­chen ge­lun­ge­nes Wirt­schafts­pro­jekt, aber wenn 122 Mil­lio­nen Menschen arm oder ar­muts­ge­fähr­det sind, muss das nach­denk­lich stim­men. Die EU hat klar ge­macht, wie hoch Ver­schul­dens­ra­ten sein dür­fen. Soll­te Eu­ro­pa sich nicht in der glei­chen Prä­zi­si­on das Ziel ste­cken, die Kin­der- ar­mut zu hal­bie­ren und die Ar­beits­lo­sig­keit zu sen­ken? In drei Län­dern Eu­ro­pas lebt mehr als ein Drit­tel der Menschen in Ar­mut. Wir müs­sen die­ses un­mensch­li­che Wohl­stands­ge­fäl­le ab­fla­chen. In ei­nem Meer von Ar­mut sind In­seln des Wohl­stands nicht sta­bil. Trifft die­ses Ur­teil auch auf Ös­ter­reich zu? Wir le­ben in ei­ner pri­vi­le­gier­ten Si­tua­ti­on. Ge­nau des­halb dür­fen wir uns nicht da­mit ab­fin­den, dass auch bei uns vie­le am Rand ste­hen und 220.000 Menschen ih­re Woh­nun­gen nicht an­ge­mes­sen warm hal­ten kön­nen. Wenn ich mir an­se­he, wie schwie­rig es für Al­lein­er­zie­he­rin­nen ist, den All­tag aus ei­ge­ner Kraft zu be­wäl­ti­gen, dann soll­ten wir dies ge­mein­sam än­dern, weil wir es än­dern kön­nen. Mir fällt auf, dass Miss­brauchs­de­bat­ten mit gro­ßer Ener­gie am un­te­ren Rand der Ge­sell­schaft ge­führt wer­den, nicht aber am obe­ren Rand. Wie mei­nen Sie das? Wenn Star­bucks Ös­ter­reich 2014 17,2 Mil­lio­nen Eu­ro Um­satz, aber ei­ne Steu­er­leis­tung von 814 Eu­ro in Ös­ter­reich aus­weist, ge­he ich da­von aus, dass das al­les rech­tens ist. Aber recht­li­che Be­stim­mun­gen dis­ku­tie­ren wir, wenn es um Min­dest­si­che­rung geht und 1-Eu­roJobs. Gro­ße Un­ter­neh­men kön­nen sich weh­ren, Ar­me nicht. Das em­pört und är­gert mich. Neid­de­bat­ten brin­gen uns nicht wei­ter. Aber wenn es uns wich­tig ist, dass Menschen nicht auf der Stre­cke blei­ben, weil sie alt und krank sind oder kei­ne Ar­beit fin­den, dann müs­sen wir die Fra­ge stel­len: Wie kann je­der da­zu bei­tra­gen, die­ses Ziel zu er­rei­chen? Sind Sie ent­täuscht von der Re­gie­rung? Die po­li­tisch Ver­ant­wort­li­chen ha­ben den Blick­kon­takt mit der Not ver­lo­ren. Ich möch­te gern ein­mal ei­nen Po­li­ti­ker in Stil­le be­ob­ach­ten, wenn er in ei­nem Ab­bruch­haus oder in ei­nem öf­fent­li­chen WC mit ei­nem Ob­dach­lo­sen ins Ge­spräch kommt und ihm er­klärt, wie es rich­tig sein kann, dass bei uns Menschen in exis­ten­zi­el­ler Not sind. Die­se Kul­tur des Hin­se­hens fehlt, auch die Be­reit­schaft, sich an­rüh­ren zu las­sen. Man hat manch­mal den Ein­druck, un­se­re Bun­des­re­gie­rung be­steht aus 16 Ex­per­tin­nen und Ex­per­ten für Flucht und Asyl. Sie re­den aus­schließ­lich über ein The­ma. Nicht we­ni­ge sind ver­sucht, Emo­tio­nen zu schü­ren und da­mit Po­li­tik zu ma­chen. Das nervt nicht nur, ich hal­te es auch für ge­fähr­lich. Sie be­ru­fen sich in Ih­rem Buch auf ein Zitat des Theo­lo­gen Jo­hann Bap­tist Metz: „Es gibt kein Leid auf die­ser Welt, das uns gar nichts an­geht.“Ist das nicht ei­ne An­lei­tung zur per­ma­nen­ten Über­for­de­rung? Nein, weil ich selbst in den 20 Jah­ren bei der Ca­ri­tas ge­se­hen ha­be: Wir kön­nen nicht al­les än­dern, aber er­staun­lich viel, wenn wir es än­dern wol­len. Ich will Mut ma­chen, ent­ängs­ti­gen und zu So­li­da­ri­tät auf­ru­fen. Je­der Ein­zel­ne kann ei­nen Bei­trag leis­ten. Gar nicht erst an­zu­fan­gen, führt am ver­läss­lichs­ten da­zu, dass nichts ge­schieht. Wie schaf­fen Sie Auf­merk­sam­keit in ei­ner Welt vol­ler Leid mit 65 Mil­lio­nen Flücht­lin­gen? Be­steht Ih­re Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­nik da­rin, zu­zu­spit­zen und zu mo­ra­li­sie­ren? Wer die Moral­keu­le schwingt, er­reicht nicht viel. Wir müs­sen von der Wirk­lich­keit er­zäh­len. So klar und dif­fe­ren­ziert wie nö­tig. Es darf uns nicht gleich­gül­tig sein, wie die Welt aus­sieht. Es geht nicht dar­um, Pflicht­er­fül­lung mit zu­sam­men­ge­bis­se­nen Zäh­nen zu er­wir­ken, son­dern zu zei­gen: Wir sind als Menschen we­sent­lich auf­ein­an­der be­zo­gen. Oh­ne ein Du wird kei­ner zum Ich.

Cle­mens Fa­b­ry

Ca­ri­tas-Prä­si­dent Micha­el Lan­dau beim In­ter­view im Wie­ner Caf´e Korb.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.