Der Wahl­gang und das ech­te Le­ben

Nach den pein­li­chen Pan­nen rund um die Wahl­ku­verts wird über ei­ne Ein­schrän­kung der Brief­wahl dis­ku­tiert. Mit gu­ten Ar­gu­men­ten, die aber mit­un­ter an der Le­bens­rea­li­tät vor­bei­ge­hen.

Die Presse am Sonntag - - Seit - LEITARTIKEL VON ULRIKE WEISER

Wenn der All­tag zur Sa­ti­re wird, wird Iro­nie über­flüs­sig. In­so­fern kann man es auch gleich nüch­tern an­ge­hen: Denn lus­tig ver­klei­det oder nicht, Bla­ma­ge bleibt Bla­ma­ge. Und die, da hat­te Po­li­tik­wis­sen­schaft­le­rin Kathrin Stai­ner-Häm­mer­le in der „ZiB2“recht, ist we­ni­ger in der Slap­stickpan­ne in der Dru­cke­rei selbst be­grün­det als in den Re­ak­tio­nen dar­auf. Seit die­ser Wo­che wis­sen wir et­wa, was man sich so nicht ge­dacht hät­te: dass das Ver­fas­sungs­recht in Wi­en und im Bund ver­schie­den aus­ge­legt wird (in Wi­en kön­nen die Brief­wahl­ku­verts ge­tauscht wer­den, im Bund nicht). Dass man den Aus­künf­ten der of­fi­zi­el­len Hot­li­ne bes­ser nicht traut (dort emp­fahl man, de­fek­te Ku­verts mit Uhu zu­zu­kle­ben). Und dass das Glei­che für Pro­gno­sen von Ab­tei­lungs­lei­tern und Po­li­ti­kern gilt: Bin­nen we­ni­ger Ta­ge än­der­ten die­se die Aus­sicht von „kein Pro­blem“und „Wahl­ver­schie­bung recht­lich un­mög­lich“auf „Wahl­ver­schie­bung steht un­mit­tel­bar be­vor“.

Jetzt kann man sa­gen: Such is li­fe, Din­ge ent­wi­ckeln sich. Doch es be­steht der Ver­dacht, dass die­ser ab­rup­te Pro­gno­sen­wech- sel ty­pisch für den Um­gang mit Feh­lern hier­zu­lan­de ist. Er kennt meist nur zwei Ex­tre­me: Den „Ist eh nix“-Mo­dus und den Pa­nik­knopf samt dras­ti­schen Kon­se­quen­zen. Und aus Angst vor Letz­te­rem wird eben vor­her lang nicht hin­ge­schaut. Seit dem Ent­scheid des VfGH ste­hen Wahl­vor­gän­ge nun aber not­ge­drun­gen im Fo­kus. Und man ent­deckt: Die Pra­xis hält sich nicht an die Theo­rie. Sie ist vol­ler Feh­ler. Die­se rei­chen von bü­ro­kra­tisch kon­stru­ier­ten bis zu mas­si­ven Pan­nen wie den „in­kon­ti­nen­ten“Wahl­ku­verts. Ist Ser­vice bö­se? Die Fra­ge ist, wie man auf die­se Er­kennt­nis re­agiert. Im An­lass­fall muss man die Wahl wohl ver­schie­ben, denn durch den Ku­vert­de­fekt wird Wäh­lern ih­re Stim­me ge­stoh­len. Aber ob man des­halb im Na­men der Si­cher­heit die Brief­wahl künf­tig ein­schrän­ken muss? In die­ser Zei­tung wur­de ar­gu­men­tiert, war­um es in der Re­gel zu­mut­bar ist, per­sön­lich im Wahl­lo­kal zu er­schei­nen. Das stimmt. Die Fra­ge ist aber: Muss Zu­mut­bar­keit der ein­zi­ge Maß­stab sein? Oder gibt es auch an­de­re: Ser­vice, Be­quem­lich­keit? Tat­säch­lich sind Letz­te­re ein Grund für den An­stieg bei der Brief­wahl. Den Geg­nern der Brief­wahl scheint das un­heim­lich. Zwi­schen den Zei­len schwingt mit: Ein we­nig Auf­wand muss sein, da­mit man sein Kreu­zerl nicht leicht­fer­tig macht. Gu­ter Ge­dan­ke. Nur un­ter­stellt er, dass der Mensch sonst vie­les im Le­ben, oh­ne nach­zu­den­ken, tut: Bank­ge­schäf­te on­line er­le­digt, im Netz shop­pen geht und – Stichwort: E-Go­vern­ment – mit der Ver­wal­tung per Maus­klick kom­mu­ni­ziert.

Wer das an­er­kennt, muss sich trotz ak­tu­el­ler Pro­ble­me nicht mit der Re­duk­ti­on, son­dern dem Aus­bau der Dis­tanz­wahl be­schäf­ti­gen. Al­so mit­tel­fris­tig auch mit E-Vo­ting, und zwar samt Feh­ler­ma­nage­ment, das nicht da­rin be­ste­hen kann, dass – wie jetzt – nicht sein kann, was nicht sein darf. Denn na­tür­lich gibt es beim E-Vo­ting (wie bei der Brief­wahl) Pro­ble­me mit dem Wahl­ge­heim­nis. Und ja, der Ge­dan­ke, dass der VfGH tech­ni­sche Sys­tem­feh­ler be­ur­tei­len muss, ist neu. Aber wer glaubt, Höchst­ge­richts­ur­tei­le über Tech­nik blie­ben uns er­spart, blen­det das Le­ben rund um den Ur­nen­gang aus.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.