Stig­ma De­menz: Ei­ne Stim­me für die Kran­ken

Hu­ma­ni­tä­res En­ga­ge­ment. Noch im­mer ist De­menz ein Ta­bu­the­ma. In­ge­borg Freu­den­tha­ler will Pa­ti­en­ten und pfle­gen­den An­ge­hö­ri­gen mit ih­rem Ver­ein, Licht­bli­cke, ei­ne Lob­by sein.

Die Presse am Sonntag - - Austria’16 - VON AN­NA THALHAMMER

Ei­ne graue Wel­le wird über Eu­ro­pa schwap­pen. Die Ge­sell­schaft wird äl­ter und ver­gess­li­cher, so lau­ten die Pro­gno­sen. In Ös­ter­reich le­ben der­zeit rund 130.000 Men­schen mit ei­ner De­menz­er­kran­kung, bis 2050 wird die Zahl vor­aus­sicht­lich auf 260.000 stei­gen. Und ob­wohl man da­von aus­geht, dass De­menz ei­ne der gro­ßen Zi­vi­li­sa­ti­ons­krank­hei­ten der Zu­kunft sein wird, ist sie für vie­le nach wie vor ein Ta­bu.

„Bis heu­te re­det man in manch ent­le­ge­nen Tä­lern nicht dar­über, wenn man ei­nen An­ge­hö­ri­gen hat, der an Alz­hei­mer er­krankt ist. Es wird schlicht tot­ge­schwie­gen, weil man sich ge­niert“, sagt die Ti­ro­le­rin In­ge­borg Freu­den­tha­ler. Wenn ein Mensch an Alz­hei­mer oder ei­ner an­de­ren Form von De­menz er­kran­ke, be­tref­fe das aber die gan­ze Fa­mi­lie. „Es ist ei­ne gro­ße Be­las­tung für die pfle­gen­den An­ge­hö­ri­gen, die das gan­ze Ge­fühls­spek­trum von Hilf­lo­sig­keit, Är­ger, Wut, Trau­er und Ver­zweif­lung durch­le­ben“, sagt sie. Ents­tig­ma­ti­sie­ren. Die 60-Jäh­ri­ge weiß, wo­von sie spricht. Sie muss­te selbst leid­voll er­fah­ren, was die­se Krank­heit mit sich bringt. „Als De­menz bei mei­nem Va­ter dia­gnos­ti­ziert wur­de, zog es uns zu­erst ein­mal den Bo­den un­ter den Fü­ßen weg. Es ist schwie­rig, da­mit um­zu­ge­hen, dass ein dir lie­ber Mensch, plötz­lich an­fängt, sich völ­lig zu ver­än­dern.“Hil­fe, In­for­ma­tio­nen oder of­fi- ziel­le Stel­len, an die man sich wen­den könn­te, ha­be es kaum ge­ge­ben. „Uns wur­de nur emp­foh­len, ihn in ein Ner­ven­kran­ken­haus zu brin­gen“, sagt sie.

Dar­auf­hin ver­such­te sie, an­de­re Be­trof­fe­ne zu fin­den, be­gann sich, mit die­sen zu ver­net­zen – und dar­aus ent­stand der Ver­ein Licht­bli­cke, der die­ses Jahr sein Zehn-JahrJu­bi­lä­um fei­ert. Der Ver­ein will in ers­ter Li­nie ei­ne In­for­ma­ti­ons- und Ver­net­zungs­platt­form sein. Er hat sich zum Ziel ge­setzt, die Krank­heit zu ents­tig­ma­ti­sie­ren und so die Stim­me der pfle­gen­den An­ge­hö­ri­gen lau­ter wer­den zu las­sen. Nur wenn De­menz the­ma­ti­siert wer­de, kön­ne er­reicht wer­den, dass sich auch po­li­tisch et­was be­we­ge und end­lich die drin­gend be­nö­tig­ten Pfle­ge­ein­rich­tun­gen fi­nan­ziert wer­den, sagt Freu­den­tha­ler.

Der Ver­ein reist dar­um durch ganz Ti­rol und bie­tet In­for­ma­ti­ons­ver­an­stal­tun­gen an. Ein­mal im Jahr rich­tet er den Ti­ro­ler De­menz­tag aus. Licht­bli­cke zählt mitt­ler­wei­le et­wa 100 Mit­glie­der. Ob­frau In­ge­borg Freu­den­tha­ler ist die­ses Jahr in der Ka­te­go­rie Hu­ma­ni­tä­res En­ga­ge­ment für die Wahl zur Ös­ter­rei­che­rin des Jah­res no­mi­niert.

„Ich will den Men­schen ver­mit­teln, dass das Le­ben nicht vor­bei ist, nur weil je­mand an De­menz er­krankt ist – we­der für Pa­ti­en­ten noch für An­ge­hö­ri­ge“, sagt Freu­den­tha­ler. Es sei nicht so, dass ein Mensch nach und nach ein­fach ver­schwin­de, man müs­se ihn nur su­chen und im­mer wie­der fin­den – das er­for­de­re viel Ge­duld und Lie­be. „Es bringt nichts, sich da­ge­gen zu sträu­ben, man muss in ih­rer Welt mit­le­ben. Und dann wird man auch neue Sei­ten fin­den, die durch­aus schön sind. Mein Va­ter et­wa, der ent­wi­ckel­te ei­ne ech­te kind­li­che Freu­de. So glück­lich und be­freit ha­be ich ihn ei­gent­lich vor­her nie ge­se­hen. Ich bin wirk­lich dank­bar, dass ich das er­le­ben durf­te“, sagt sie.

Licht­bli­cke

Licht­bli­cke-Ob­frau Freu­den­tha­ler.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.