Wie man ein Steu­er­be­trü­ger wird

EU-Kom­mis­si­on und hei­mi­sche Po­li­ti­ker glau­ben, dass die Ös­ter­rei­cher jähr­lich 2,88 Mil­li­ar­den Eu­ro Um­satz­steu­er hin­ter­zie­hen. Vie­les deu­tet dar­auf hin, dass die­se Rech­nung falsch ist.

Die Presse am Sonntag - - Eco - VON GER­HARD HO­FER

Es steht al­so wie­der ein­mal fest: Die Men­schen sind bö­se, vor al­lem die Un­ter­neh­mer. Die EU-Kom­mis­si­on ver­öf­fent­lich­te vor we­ni­gen Ta­gen die Hit­pa­ra­de der Län­der mit den flei­ßigs­ten Steu­er­hin­ter­zie­hern. Die Ös­ter­rei­cher zäh­len zwar nicht da­zu. Aber im­mer­hin sei­en dem hei­mi­schen Fis­kus im Jahr 2014 2,88 Mil­li­ar­den Eu­ro an Um­satz­steu­er ent­gan­gen. Das sind et­was mehr als zehn Pro­zent des ge­sam­ten Um­satz­steu­er­auf­kom­mens.

Ös­ter­reichs Steu­er­ein­trei­ber sind zwar bei Wei­tem nicht so arm dran wie ih­re Kol­le­gen in Ru­mä­ni­en, de­nen 38 Pro­zent der Mehr­wert­steu­er durch die Fin­ger schlüp­fen. Wir könn­ten uns aber ei­ne Schei­be von der Steu­er­mo­ral der Skan­di­na­vi­er ab­schnei­den, heißt es uni­so­no. In Schwe­den macht die Mehr­wert­steu­er­lü­cke ge­ra­de ein­mal 1,2 Pro­zent aus.

Dass hier­zu­lan­de der Steu­er­be­trug fröh­li­che Ur­ständ fei­ert, die­ses Ge­fühl hat man ja schon seit der jüngs­ten Steu­er­re­form. Da­mals wur­de be­kannt­lich die Lohn­steu­er ad­ap­tiert. Zur Ge­gen­fi­nan­zie­rung griff Fi­nanz­mi­nis­ter Hans Jörg Schel­ling zur Re­gis­trier­kas­sa. Die Re­gis­trier­kas­sen­pflicht gilt mitt­ler­wei­le auch für Kleinst­un­ter­neh­mer. Im­mer­hin soll sie 900 Mil­lio­nen Eu­ro in die Staats­kas­se spü­len. Im Fi­nanz­mi­nis­te­ri­um ist man sehr zu­ver­sicht­lich, dass die Rech­nung auf­ge­hen wird.

Die­sen Op­ti­mis­mus tei­len al­ler­dings nicht al­le. Un­ter Steu­er­ex­per­ten tobt näm­lich seit ge­rau­mer Zeit ein ziem­lich har­sches Ge­rücht. „Die In­ter­pre­ta­ti­on der Um­satz­steu­er­lü­cke in Ös­ter­reich ist ver­mut­lich ein gro­ßer Hol­ler“, sagt der re­nom­mier­te Steu­er­be­ra­ter Gott­fried Schell­mann. Er ist nicht al­lein mit sei­nen Be­den­ken. Erst im Mai kam ein Ab­sol­vent der Fach­hoch­schu­le FH Cam­pus Wi­en in sei­ner Mas­ter­ar­beit eben­falls zu dem Er­geb­nis. „Die Qua­li­tät der Mehr­wert­steu­er­lü­cken­schät­zung hängt sehr stark von der Ge­nau­ig­keit und Voll­stän­dig­keit der von den Mit­glied­staa­ten über­mit­tel­ten Da­ten ab“, heißt es da ei­ner­seits. An­de­rer­seits kön­ne man nicht au­to­ma­tisch da­von aus­ge­hen, dass al­le „Steu­er­aus­fäl­le die Fol­ge von Be­trug und Hin­ter­zie­hung, Kon­kur­sen, In­sol­ven­zen und Miss­wirt­schaft“sind. Auch wenn die Ex­per­ten in Brüs­sel ver­mut­lich die­se Mög­lich­keit nicht in Be­tracht ge­zo­gen ha­ben: Es gibt auch Staa­ten, die selbst da­für sor­gen, dass we­ni­ger Um­satz­steu­er ge­zahlt wird. Die al­so selbst ei­nen Groß­teil ih­rer Steu­er­lü­cke zu ver­ant­wor­ten ha­ben. Will­kom­men in Ös­ter­reich. Stil­ler Fi­nanz­aus­gleich. Die Ge­schich­te der staat­lich ver­ord­ne­ten und er­wünsch­ten „Steu­er­hin­ter­zie­hung“be­ginnt hier­zu­lan­de in den 1970er-Jah­ren un­ter Bru­no Kreis­ky. Da­mals hat man ei­ne Kon­struk­ti­on ge­schaf­fen, die vor al­lem dem so­zia­len Wohn­bau zu­gu­te­kommt. Je­der sechs­te Ös­ter­rei­cher lebt in ei­ner von Ge­mein­nüt­zi­gen er­rich­te­ten Woh­nung. Die größ­ten Bau­her­ren in die­sem Land sind be­kannt­lich die Bun­des­län­der. Al­lein die Stadt Wi­en ver­fügt über knapp ei­ne Vier­tel­mil­li­on Ge­mein­de­woh­nun­gen.

Die öf­fent­li­che Hand schafft güns­ti­gen Wohn­raum und be­steu­ert die­sen auch nied­ri­ger. Für Mie­ten gilt näm­lich der nied­ri­ge­re Steu­er­satz von zehn Pro­zent. An­de­rer­seits dür­fen sich die Bau­her­ren den vol­len Vor­steu­er­ab­zug von 20 Pro­zent ge­neh­mi­gen. Der Staat ver­zich­tet al­so seit mehr als 40 Jah­ren auf sehr viel Geld. „Es han­delt sich um ei­nen stil­len Fi­nanz­aus­gleich“, sagt Schell­mann – schließ­lich sei­en vor al­lem die Län­der Nutz­nie­ßer die­ser Re­ge­lung.

Das Dum­me an der Sa­che ist nur: Wäh­rend Bru­no Kreis­ky ge­nau ge­wusst hat, war­um er we­ni­ger Mehr­wert­steu­er ein­ge­nom­men hat, scheint der stil­le Fi­nanz­aus­gleich bei den heu­ti­gen Po­li­ti­kern längst in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten zu sein. Da­bei muss­te Ös­ter­reich 1995 bei den EU-Bei­tritts­ge­sprä­chen die­se Son­der­re­ge­lung erst müh­sam ver­han­deln.

Und heu­te? Heu­te sucht der ver­gess­li­che Staat die Schuld für die Steu­er­lü­cke bei an­de­ren: Es sind – wie­der ein­mal – die bö­sen Un­ter­neh­mer, die den Staat nach Strich und Fa­den hin­ter­ge­hen und Steu­ern hin­ter­zie­hen. Steu­er­be­trug ist nur halb so groß. Stellt sich am En­de noch die Fra­ge: Um wie viel Geld „be­trügt“sich Va­ter Staat – mitt­ler­wei­le un­be­wusst – selbst? Steu­er­be­ra­ter Schell­mann wagt ei­ne Pro­gno­se: Er kram­te in den Sta­tis­ti­ken der Bau­wirt­schaft und kam für das Jahr 2013 auf ei­nen Vor­steu­er­ab­zug von min­des­tens zwei Mil­li­ar­den Eu­ro. Zie­he man da­von die Um­satz­steu­er ab, die von den rund 1,5 Mil­lio­nen Haus­hal­ten in Miet­woh­nun­gen ent­rich­tet wur­den, so blei­be für den Staat un­ter dem Strich ein sat­tes Mi­nus von 1,1 bis 1,3 Mil­li­ar­den Eu­ro, kon­sta­tiert Schell­mann.

Mit an­de­ren Wor­ten: Der Staat ver­zich­tet laut die­sen Be­rech­nun­gen frei­wil­lig auf bis zu 1,3 Mil­li­ar­den Eu­ro

Seit Kreis­ky ver­zich­tet der Staat im so­zia­len Wohn­bau frei­wil­lig auf Um­satz­steu­er. Fast die Hälf­te der Um­satz­steu­er­lü­cke fügt sich Va­ter Staat selbst zu.

Um­satz­steu­er. Er ist so­mit al­so für fast die Hälf­te sei­ner 2,88 Mil­li­ar­den-Eu­roUm­satz­lü­cke selbst ver­ant­wort­lich.

Aber was heißt das nun für un­se­ren Fis­kus und die ver­gan­ge­ne Steu­er­re­form? Die gu­te Nach­richt lau­tet: Die Steu­er­mo­ral in die­sem Land ist viel hö­her, als vie­le Po­li­ti­ker glau­ben wol­len. Sie ist na­he­zu so gut wie in den skan­di­na­vi­schen Län­dern.

Die schlech­te Nach­richt lau­tet: Selbst wenn Fi­nanz­mi­nis­ter Schel­ling die hei­li­ge In­qui­si­ti­on zum Steu­er­ein­trei­ben aus­schickt – sie wird bei den ver­meint­lich steu­er­sün­di­gen Un­ter­neh­men nicht so viel fin­den wie er­war­tet. Die Sün­den zu­erst bei sich selbst su­chen, das gilt wohl auch für Va­ter Staat. Vor al­lem, wenn es sich um Steu­er­sün­den han­delt.

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