Wo die Ba­de­wan­ne zum Fau­teuil wird

Der Trend des Up­cy­cling flo­riert, auch in der Wie­ner Leo­pold­stadt. Uli Ka­sess baut Ti­sche aus Fahr­rä­dern, Gar­de­ro­ben aus Fäs­sern und Lam­pen aus Wasch­trom­meln. Sei­ne Freun­de sa­gen, das sei Kunst. Er sieht sich lie­ber als Hand­wer­ker.

Die Presse am Sonntag - - Werkstatt - VON JEANNINE BINDER

Uli Ka­sess hat schon als klei­ner Bub gern ge­bas­telt. Die Sommer ver­brach­te er in der Tisch­le­rei sei­nes On­kels, wo er schon früh ei­ge­ne Din­ge an­fer­tig­te – Kä­fi­ge zum Bei­spiel, für sei­ne Hams­ter. Zu Hau­se ha­be er al­les zer­legt, was er in die Fin­ger be­kom­men ha­be, vom Kas­set­ten­re­kor­der bis zum Fern­glas. Sehr zum Un­mut sei­nes Va­ters. Denn „am An­fang weiß man nicht, wie man die Din­ge wie­der zu­sam­men­baut, und sie sind ganz ein­fach ka­putt. Aber ir­gend­wann funk­tio­niert es.“

Es funk­tio­niert so gut, dass Uli Kas­ses das Bas­teln mitt­ler­wei­le zum Ge­schäft ge­macht hat. Er baut al­te Ge­gen­stän­de zu neu­en zu­sam­men. Und ver­kauft sie dann in sei­nem Up-Sto­re im Kar­me­li­ter­vier­tel in der Wie­ner Leo­pold­stadt. Das kön­nen Mö­bel sein, Tü­ren, Fäs­ser aus Holz oder Me­tall, Wasch­trom­meln, Ver­kehrs­schil­der oder al­te Fahr­rä­der. Bei Uli Ka­sess fin­det al­les sei­ne Ver­wen­dung.

Zum Bei­spiel beim Fau­teuil, der ge­ra­de im Ge­schäft zum Ver­kauf steht (sie­he Fo­to rechts un­ten). Die Sitz­flä­che be­steht aus ei­ner al­ten Ba­de­wan­ne, das Ge­rüst war ein­mal ei­ne Ter­ras­se. Das Mö­bel­stück zeigt gut, wie er in der Re­gel ar­bei­tet. „Erst ein­mal war klar, es muss et­was aus ei­ner Ba­de­wan­ne sein.“Ein­fach so, weil er das noch nie ge­macht hat­te. In sei­nem Haus hat­te er ei­ne al­te Blech­ba­de­wan­ne, aber sie ließ sich nicht gut schnei­den. Al­so kauf­te er sich ei­ne aus Kunst­stoff, schnitt sie zu ei­nem Ses­sel zu­recht und plan­te, ein Me­tall­ge­rüst dar­um­zu­bau­en. „Aber das war es noch nicht.“Er brauch­te Holz und fand Res­te ei­ner al­ten Ter­ras­se. „Das ist Up­cy­cling.“ Neu­es aus al­ten Din­gen bau­en. Frü­her hieß es Bas­teln mit Müll. Heu­te fül­len Ide­en zum Up­cy­cling hau­fen­wei­se Bü­cher. Das äs­the­ti­sche und funk­tio­na­le Ver­wer­ten al­ter Din­ge ist längst ei­ne ei­ge­ne De­sign­spar­te, das In­ter­net ist voll mit Blogs zum The­ma. Up­cy­cling, An­fang der Nul­ler­jah­re noch ein Ni­schen­te­ma, ist mitt­ler­wei­le ei­ne rie­si­ge, welt­wei­te Be­we­gung. In Linz soll dem­nächst so­gar ei­ne gan­ze Ei­sen­bahn­brü­cke up­ge­cy­clet wer­den. Tei­le der al­ten Brü­cke sol­len zu ei­nem schwim­men­den Gar­ten auf der Do­nau ge­macht wer­den, so die Idee, die noch der Fi­nan­zie­rung harrt. Auch in die Ar­chi­tek­tur hat al­so die Fra­ge, wie man mit dem Al­ten um­geht, längst Ein­zug ge­hal­ten.

Uli Kas­ses bäckt klei­ne­re Bröt­chen. Da­für sehr vie­le. Zwei bis drei Ta­ge in der Wo­che hat er Zeit, Pro­duk­te für sei­nen Up-Sto­re zu bas­teln. An je­dem die­ser Ta­ge, so sein Vor­satz, baut er ei­nen neu­en Ge­gen­stand. Wenn es klei­ne­re oder ein­fa­che­re Din­ge sind, wer­den es zwei bis drei am Tag. Für ein grö­ße­res Pro­jekt, et­wa gro­ße Ti­sche aus al­tem Holz, braucht er län­ger. Sei­ne Zeit muss er sich gut ein­tei­len. Da er von sei­nem Ge­schäft noch nicht le­ben kann, ar­bei­tet er ne­ben­bei in der Pro­jekt­un­ter­stüt­zung. Das soll vor­erst auch so blei­ben. „Ich will nicht, dass es ein Krampf wird.“Es ge­be Mo­na­te, die sehr gut lau­fen, und Mo­na­te, da kom­me nur zwei Mal je­mand im Shop vor­bei. Was auch dar­an lie­gen dürf­te, dass er nur zwei Ta­ge in der Wo­che ge­öff­net hat. Ein drit­ter soll dem­nächst da­zu­kom­men. „Aber das Ge­schäft trägt sich selbst, und manch­mal bleibt et­was üb­rig.“

Da er al­les selbst baut, gibt es im Up-Sto­re nur Ein­zel­stü­cke, zu trotz­dem er­schwing­li­chen Prei­sen. Freun­de wür­den ihm oft sa­gen, dass er viel zu bil­lig sei. Weil er ja ge­wis­ser­ma­ßen Kunst ma­che. Und es ge­be auch vie­le Be­trie­be, die sei­nem ähn­lich sei­en und al­les viel teu­rer an­bie­ten. „Aber ich se­he mich als Hand­wer­ker. Ich will mei­ne Prei­se nicht über­zie­hen, nur um den Nim­bus des Lu­xus zu schaf­fen. Mei­ne Sa­chen sol­len in ganz nor­ma­len Haus­hal­ten ste­hen.“Haupt­säch­lich kä­men die Kun­den aus dem Grät­zel.

Aber es gibt auch aus­ge­fal­le­ne­re Ge­schich­ten. Zum Bei­spiel die ei­nes eng­li­schen Ehe­paa­res, das auf Ge­schäfts­rei­se war und zu­fäl­lig in den Up-Sto­re stol­per­te. Fünf Wo­chen spä­ter mel­de­te sich der Mann: Sei­ne Frau ha­be Ge­burts­tag, und ihr ha­be ei­ne Lam­pe so gut ge­fal­len. Ob er sie nach En­g­land schi­cken kön­ne. „Das hat mich na­tür­lich schon sehr ge­freut.“

Ka­sess bas­telt mit dem, was ihm ge­ra­de un­ter­kommt. Das Ma­te­ri­al fin­det er auf Floh­märk­ten oder On­li­ne­bör­sen. „Es kommt aber auch im­mer öf­ter vor, dass die Leu­te selbst ein al­tes Stück ha­ben und mich bit­ten, et­was Neu­es dar­aus zu bau­en.“Ei­ne Kun­din hat­te ei­nen rie­si­gen Schrank von der Groß­mut­ter, der zwar kei­nen fi­nan­zi­el­len Wert hat­te, ihr aber viel be­deu­te­te. Für ih­re Woh­nung sei er viel zu groß ge­we­sen. „Ich ha­be den Schrank aus­ein­an­der­ge­nom­men und kom­plett neu auf­ge­baut. Man hat teil­wei­se im­mer noch ge­se­hen, dass es der al­te war, aber das De­sign war völ­lig mo­dern.“ Im­mer schon da. Die Ide­en ge­hen ihm nicht aus. Das Sor­ti­ment wech­selt stän­dig: Der­zeit gibt es et­wa Gar­de­ro­ben aus al­ten Holz­fäs­sern und ei­nen Tisch, der von ei­nem Fahr­rad ge­tra­gen wird (sie­he Fo­to), oder ei­nen Lam­pen­schirm, der ein­mal ei­ne Wasch­trom­mel war. Die Mok­ka­ma­schi­ne wur­de zur Le­se­leuch­te, ein aus­ge­mus­ter­tes Ver­kehrs­schild zum Couch­tisch.

Mit dem Sel­ber­bas­teln hat er schon be­gon­nen, als von Up­cy­cling noch lang kei­ne Re­de war. Seit 20 Jah­ren baut Ka­sess „Mö­bel aus al­lem Mög­li­chen“. Für sei­ne Stu­den­ten­woh­nung brauch­te er sei­ner­zeit ei­nen Tisch, den goss er sich selbst aus Be­ton. Dem Nach­mie­ter ha­be er so gut ge­fal­len, dass er ihn be­hal­ten woll­te. Prak­tisch, denn er war so schwer, dass man ihn nicht aus der Woh­nung be­kom­men hät­te. Be­ruf­lich ging er zu­nächst trotz­dem an­de­re We­ge. Vom Ar­chi­tek­tur­stu­di­um ver­schlug es ihn vor dem Ab­schluss als Ver­käu­fer in die IT. Das Ge­halt wur­de im­mer bes­ser, die Jobs im­mer wich­ti­ger, er im­mer un­glück­li­cher. „Ich ha­be ir­gend­wann fest­ge­stellt, dass mich das fürch­ter­lich an­kotzt. Ich woll­te un­be­dingt et­was ma­chen, was mir Spaß macht.“Freun­de hät­ten ihn oft ge­fragt, war­um er sein Hob­by nicht zum Be­ruf ma­che. Dar­aus wur­de der Up-Sto­re.

Up­cy­cling klin­ge mo­dern, sagt Ka­sess. Das sei aber nur der Be­griff. „Es war ei­gent­lich im­mer schon da, selbst

Uli Kas­ses hat ei­nen ein­fa­chen Vor­satz: Er baut ein Stück an je­dem Ar­beits­tag. »Ich will mei­ne Prei­se nicht über­zie­hen, nur um den Nim­bus des Lu­xus zu schaf­fen.« Seit 20 Jah­ren baut er »Mö­bel aus al­lem Mög­li­chen«. Seit 1,5 Jah­ren ist das sein Be­ruf.

die Na­tur macht es.“Es ge­he um Wert­schät­zung, und dar­um, in et­was Un­nüt­zem, alt Ge­wor­de­nem, Aus­ge­mus­ter­tem neue Mög­lich­kei­ten zu er­ken­nen. Ei­ne Phi­lo­so­phie, die sich durch Uli Ka­sess’ gan­zes Le­ben zieht. Auch in sei­nem Haus, das er ge­ra­de re­no­viert. Die Du­schwand zum Bei­spiel war ein­mal ein Fens­ter. Das ist sein Hob­by, das ist sein Be­ruf. „Ich freue mich ein­fach, wenn ich je­man­dem et­was bau­en durf­te und wenn statt ei­nes Fließ­band­pro­dukts ein ab­so­lu­tes Ein­zel­stück in ei­ner Woh­nung steht.“

Mirjam Reit­her

Der Up-Sto­re passt per­fekt ins schi­cke Kar­me­li­ter­vier­tel.

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