»Ei­ne lan­ge Tra­di­ti­on des Ver­teu­felns«

Fonds­ma­na­ger Klaus Umek or­tet ei­nen Mei­nungs­schwenk in der Re­gie­rung ge­gen­über »Spe­ku­lan­ten« und dem Ka­pi­tal­markt. Es wer­de wie­der Po­li­tik ge­macht, die Ös­ter­reich auch in­ter­na­tio­nal An­se­hen ver­schaf­fe.

Die Presse am Sonntag - - Eco - VON HEDI SCHNEID

Sie sind be­kannt da­für, dass Sie Kri­tik an Ma­na­gern oder Un­ter­neh­men in of­fe­nen Brie­fen oder Zei­tungs­in­se­ra­ten äu­ßern. Ha­ben Sie dem neu­en Chef der Wie­ner Bör­se schon ge­schrie­ben? Klaus Umek: Nein. Ich ha­be den Wech­sel nur am Ran­de ver­folgt und weiß nur, dass er von der Bör­se Stutt­gart kommt. Die Wie­ner Bör­se führt ein Stief­müt­ter­chen­da­sein. Seit Jah­ren gibt es kei­ne Bör­sen­gän­ge, viel­mehr sind et­li­che Un­ter­neh­men ver­schwun­den. Auch bei der Con­wert, wo Sie en­ga­giert sind, droht ei­ne Über­nah­me durch die deut­sche Vo­no­via. Was läuft da schief? Es fehl­te bis­her der po­li­ti­sche Wil­le, den Ka­pi­tal­markt zu ver­ste­hen und an­zu­er­ken­nen. Die Stim­mung ist ver­gif­tet: Wenn Neid herrscht und man Leis­tungs­trä­gern im­mer grö­ße­re bü­ro­kra­ti­sche Hür­den in den Weg legt, ver­lie­ren sie die Lust. Als Aus­lands­ös­ter­rei­cher mit ein we­nig Dis­tanz zur Hei­mat glau­be ich, dass sich das mit Chris­ti­an Kern als Bun­des­kanz­ler rasch än­dern wird. Die Po­li­tik hat den Fi­nanz­markt rui­niert? Ös­ter­reich ist ein wun­der­schö­nes und auch rei­ches Land, da sind ei­gent­lich vier Pro­zent Wachs­tum drin. Man muss sich ja nur um­se­hen. Die meis­ten Men­schen sind zu­frie­den, das So­zi­al­sys­tem funk­tio­niert, die Leu­te ge­hen nach wie vor zu früh in Pen­si­on. Es ist viel Sub­stanz da, die Leu­te ha­ben Geld – und fra­gen mich, was sie da­mit ma­chen sol­len. Es gibt ei­gent­lich kei­nen Grund da­für, dass es un­ter Wer­ner Fay­mann vier Jah­re lang nur 0,3 Pro­zent Wirt­schafts­wachs­tum jähr­lich gab. Was ist jetzt an­ders? Bis­her wa­ren Ent­schei­dun­gen in­trans­pa­rent, man wuss­te nie, was die Re­gie­rung ei­gent­lich tut und ar­bei­tet. 40 Jah­re wa­ren Po­li­ti­ker ge­wöhnt, un­ser Geld zu ver­schen­ken, dann ging es auf ein­mal ums Spa­ren und un­po­pu­lä­re Maß­nah­men. Es wur­de an­geb­lich ge­ar­bei­tet, aber oh­ne Ent­schei­dun­gen. Jetzt ha­ben wir ei­ne neue Po­li­tik, wo auch noch nach 16 Uhr nach lan­gen Sit­zun­gen ge­ar­bei­tet wird und man Stra­te­gi­en baut. Das Ban­ken­pa­ket ist da­für ein gu­tes Bei­spiel. Es wur­de mit den Bank­chefs ge­spro­chen und letzt­lich ist ein Kom­pro­miss her­aus­ge­kom­men. Das bringt uns wahr­schein­lich ein hal­bes Pro­zent Wachs­tum, weil Ban­ken nicht mehr be­schä­digt wer­den. Da ge­nüg­ten zwei, drei Wo­chen in­tel­li­gen­ter Ar­beit. Sie sind SPÖ-Mit­glied. Ha­ben Sie je Fay­mann Ih­re Kri­tik mit­ge­teilt? Ich ha­be Fay­mann nie per­sön­lich ken­nen­ge­lernt. Er hat ja ge­ne­rell kei­nen Kon­takt zu Wirt­schafts­trei­ben­den ge­sucht. Fay­mann sprach oft von Spe­ku­lan­ten. Sie sind ja auch ei­ner. Viel Feind, viel Ehr. Fay­mann hat ja auch ge­sagt, die Rei­chen rich­ten sich’s, und da ho­len wir es uns. Wir (die Fir­ma Pe­trus Ad­vi­sers; Anm.) sind in sei­ner De­fi­ni­ti­on als Hed­ge­fonds-Ma­na­ger un­fass­ba­re Spe­ku­lan­ten. Aber im Ernst, wir sind ei­gent­lich nur schnell, flei­ßig, ent­schlos­sen und kon­se­quent. Sie ge­ben dem neu­en Kanz­ler gro­ße Vor­schuss­lor­bee­ren. Was macht Sie so si­cher, dass es wirk­lich zu ei­nem Pa­ra­dig­men­wech­sel kommt? Ich se­he be­reits die­sen Wech­sel. Kern trifft sich mit Un­ter­neh­mern, er kennt ja auch die Top­leu­te des Lan­des. Er sucht aber vor al­lem die Nä­he zu den Bür­gern und er weiß, dass er ih­nen zu­hö­ren muss. Die Ag­gres­si­on, die wir der­zeit man­cher­orts er­le­ben, rührt ja nicht da­her, dass es den Men­schen so schlecht geht. Vie­le ha­ben das Ge­fühl, ih­re Pro­ble­me ver­steht kei­ner. Das sind kei­ne Na­zis, aber al­le ehe­mals un­se­re Wäh­ler.

Klaus Umek

hat an der WU in Wi­en, der HEC Paris, der Lon­don School of Eco­no­mics und der Uni­ver­si­ty of Chi­ca­go stu­diert.

Bei Gold­man Sachs

war er 13 Jah­re lang als In­vest­ment­ban­ker tä­tig, zu­letzt He­ad of In­vest­ment Ban­king Ös­ter­reich/CEE/Süd­deutsch­land.

Pe­trus Ad­vi­sers

grün­de­te er vor rund sechs Jah­ren. Die Fir­ma ver­wal­tet meh­re­re hun­dert Mil­lio­nen Eu­ro Ver­mö­gen für In­sti­tu­tio­nen und Pri­va­te. Nun wur­de auch ein Re­tail­fonds für Klein­an­le­ger ge­grün­det. Ak­ti­en­be­sitz un­ter an­de­rem bei der Post, Flug­ha­fen Wi­en, Con­wert.

Für Auf­se­hen

sorgt Umek mit of­fe­ner Kri­tik auch in Zei­tungs­in­se­ra­ten. Ja, der Är­ger rich­tet sich ge­gen die Rei­chen und G’schei­ten. Des­halb müs­sen die Po­li­ti­ker auf die Leu­te zu­ge­hen. Kern hat das auch als ÖBB-Chef ge­macht. Er hat es ge­schafft, dass die Leu­te wie­der stolz sind, bei der Bahn zu ar­bei­ten. Die Bun­des­bah­nen sind ein mo­der­nes Un­ter­neh­men ge­wor­den. Un­ter­neh­mer und Top­ma­na­ger kri­ti­sie­ren nicht nur das schlech­te Wirt­schafts­kli­ma, son­dern auch die Rah­men­be­din­gun­gen: ho­he Steu­ern und Ar­beits­kos­ten, man­geln­de Fle­xi­bi­li­sie­rung. Wir ha­ben au­ßer Kern noch an­de­re gu­te Po­li­ti­ker, zum Bei­spiel Se­bas­ti­an Kurz und Rein­hold Mit­ter­leh­ner. Ös­ter­reichs neue Re­gie­rung spricht die Pro­ble­me mit der Tür­kei an, sie hat in der Flücht­lings­po­li­tik die not­wen­di­ge Kehrt­wen­de durch­ge­zo­gen. Sie macht in die­sem Land wie­der Po­li­tik. Ös­ter­reich ist wie­der re­le­vant. Ver­gli­chen mit Mer­kel, Hol­lan­de und ei­ner im Ab­dan­ken be­grif­fe­nen bri­ti­schen kon­ser­va­ti­ven Re­gie­rung ist das Ka­bi­nett Kern/Mit­ter­leh­ner un­ter den Top Ten in Eu­ro­pa. Die wer­den auch viel im Land be­wir­ken. Wo se­hen Sie den größ­ten Nach­hol­be­darf? Wir brau­chen Schwung und Ide­en­reich­tum, da lie­gen wir noch im un­te­ren Drit­tel. Hier grün­det kei­ner ein Un­ter­neh­men, es gibt kei­ne or­dent­li­chen Kon­zer­ne. Denn die we­ni­gen, die wir ha­ben, sind zum Teil sehr schlecht ge­ma­nagt. Das Land braucht Op­ti­mis­mus. Für die Bör­se heißt das: Die no­tier­ten Un­ter­neh­men müs­sen dar­auf ach­ten, das ih­nen an­ver­trau­te Geld zu ver­meh­ren. Das muss in die Köp­fe al­ler hin­ein. Emis­sio­nen wie die Al­pi­ne-An­lei­he kurz vor dem Kon­kurs ver­gif­ten das Kli­ma und er­zeu­gen Wut und Miss­trau­en. Ge­nau­so ha­ben die han­deln­den Per­so­nen in der Ver­gan­gen­heit das Ver­trau­en der An­le­ger kom­plett zer­stört. Mit vie­len Bör­sen­gän­gen wur­de ka­ta­stro­phal viel Geld ver­nich­tet, weil Emit­ten­ten schnell Geld ma­chen woll­ten und nicht den An­stand hat­ten, da­für dann auch hart zu ar­bei­ten. Wir brau­chen na­tür­lich auch ei­ne ef­fi­zi­en­te Re­gu­lie­rung und Kon­trol­le. Wir ha­ben trotz Raun­ze­rei ein sehr gu­tes Bil­dungs­sys­tem und ent­spre­chen­des Nach­wuch­s­po­ten­zi­al. Das dau­ert na­tür­lich ei­ni­ge Jah­re. Und wir brau­chen eben ei­ne neue Auf­bruch­stim­mung. Die Deut­sche Bör­se will ei­nen Markt für Start-ups schaf­fen. Ist das ein gang­ba­rer Weg der Nach­wuchs­för­de­rung? Das er­in­nert mich an den Neu­en Markt. Das ist das Letz­te, was wir brau­chen. Wir müs­sen viel­mehr den gro­ßen Un­ter­neh­men ver­trau­en kön­nen, dass sie ihr Geld flei­ßig ver­meh­ren und dass sie ver­ste­hen, dass an­de­rer Leu­te Geld zu be­schüt­zen ein hei­li­ges Gut ist. Wenn das wie­der kommt, ha­ben wir ei­ne funk­tio­nie­ren­de Bör­se. Ak­tu­ell gibt es hier­zu­lan­de gro­ße Un­ter­neh­men, die ha­ben ei­ne nied­ri­ge­re Be­wer­tung als ein On­line-Piz­za-Lie­fer­ser­vice in Ber­lin. Zu­letzt gab es sol­che Un­gleich­ge­wich­te in den Jah­ren 2002 und 2003. Al­so Fin­ger weg von Start-up-Lis­tings? Das gan­ze The­ma Tech ist sehr ge­fähr­lich, von 100 wird es ei­ner schaf­fen. Der Piz­za­ser­vice wird es nicht sein. Gibt es nicht schon wie­der ei­nen Hy­pe um sol­che Un­ter­neh­men? Ab­so­lut, ich hal­te das für ex­trem ge­fähr­lich. Durch die lo­cke­re Geld­po­li­tik der Zen­tral­ban­ken ist Geld im Über­fluss vor­han­den, das in sol­che Fir­men ge­pumpt wird. Wenn Geld wurscht ist, kom­men wir in die Si­tua­ti­on, wo Fir­men mit we­nig Ri­si­ko­ka­pi­tal ge­grün­det wer­den und dann ein über­fi­nan­zier­ter Gro­ßer sie mit Geld zu­schüt­tet, oh­ne dass sie je ins Ver­die­nen kom­men. Nichts Gu­tes ist je ent­stan­den, wenn Geld kei­ne Rol­le spiel­te und ver­schwen­det wer­den konn­te. Da ist Crowd­fun­ding bes­ser? Ja, da­mit gibt man jun­gen Men­schen die Chan­ce, et­was Cle­ve­res auf­zu­bau­en. Das hat auch ei­ne wich­ti­ge Funk­ti­on für den Stand­ort und un­se­re Strahl­kraft nach Ost­eu­ro­pa. War­um in­ves­tie­ren nicht mehr Rei­che in jun­ge Un­ter­neh­men? Ab 2004 ha­ben vie­le Men­schen, vor al­lem In­dus­tri­el­le, aus mitt­le­ren Ver­mö­gen Mil­li­ar­den­ver­mö­gen ge­macht. Da­zu hat auch der Ost­eu­ro­pa­boom bei­ge­tra­gen. Es gibt in die­sem Land so vie­le Mil­li­ar­dä­re wie nir­gend­wo sonst. Die­se Leu­te ha­ben Angst und wol­len nicht in­ves­tie­ren. Ih­re Stif­tun­gen kau­fen nur Im­mo­bi­li­en, mit de­nen sie nichts ver­die­nen. Aber fast al­le sind, oft im Ver­bor­ge­nen, über­aus ak­tiv im so­zia­len Be­reich. Ne­ga­tiv­zin­sen zwin­gen nun kon­ser­va­ti­ve Stif­tun­gen zu in­ves­tie­ren. Die ex­trem nied­ri­gen Zin­sen müss­ten doch auch „Nor­mal­sterb­li­che“zum Ak­ti­en­kauf ani­mie­ren. War­um funk­tio­niert das of­fen­bar nicht? Die Leu­te ha­ben Angst vor dem Geld­ver­lie­ren, das ist ir­ra­tio­nal. Um Ri­si­ko zu för­dern, braucht es aber auch se­riö­se An­ge­bo­te und ehr­li­che Fonds­ver­wal­ter. Das ist im an­glo­ame­ri­ka­ni­schen Raum ganz an­ders . . . Sagt Max We­ber, wenn er uns die pro­tes­tan­ti­sche Ethik des Ka­pi­ta­lis­mus lehrt. Hier­zu­lan­de ha­ben schon die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten Spe­ku­lan­ten ver­dammt. Wir ha­ben lei­der ei­ne lan­ge Tra­di­ti­on des Ver­teu­felns. Aber schau­en sie auf die Ring­stra­ße: Da ist al­les fi­nan­ziert vom Bör­sen­boom ab 1870. Auch die Ge­mein­de­bau­ten wur­den von „bö­sen Spe­ku­lan­ten“fi­nan­ziert. Wi­en war in den 1920er-Jah­ren der Fi­nanz­platz für Spe­ku­la­tio­nen in Eu­ro­pa. Re­u­mann und Tand­ler ha­ben in­tel­li­gen­te so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Po­li­tik ge­macht und da­mals mit­tels Schaum­wein- und Au­to­mo­bil­steu­ern staat­li­che In­ves­ti­tio­nen fi­nan­ziert. Reizt es Sie nicht, selbst ein Un­ter­neh­men ope­ra­tiv zu füh­ren? Ich ha­be nach 13 Jah­ren bei Gold­man Sachs vor sechs Jah­ren mein ei­ge­nes Un­ter­neh­men, Pe­trus Ad­vi­sers, ge­grün­det und wir sind Gott sei Dank un­end­lich pro­fi­ta­bel. Ich ver­die­ne mit nur 14 Mit­ar­bei­tern so viel wie an­de­re mit 2000. Mich reizt es im­mer noch, ei­ne Bank auf­zu­bau­en. Al­le mei­ne Freun­de in der Re­gie­rung und den Auf­sichts­be­hör­den sa­gen da­zu: Du bist ver­rückt, war­um willst du dir das an­tun.

Fa­b­ry

„Das Land braucht Op­ti­mis­mus“, sagt Klaus Umek. Wir be­kom­men ja auch die Rech­nung prä­sen­tiert. Kon­zer­ne kann man aber nicht her­bei­zau­bern . . .

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.