Kam­pen für ¤en Ori­ent-Ex­press

Li­on Fink ist ei­ner der letz­ten Lam­pen­schirm­her­stel­ler in Ös­ter­reich. Er ge­stal­tet Lam­pen nach Kun­den­wunsch, re­pa­riert und re­stau­riert. Mit­un­ter für pro­mi­nen­te Kun­den.

Die Presse am Sonntag - - Mein Geld - VON MIRJAM MARITS

Auf den ers­ten Blick gibt es kei­ner­lei Ge­mein­sam­kei­ten zwi­schen dem klei­nen Ein-Man­nBe­trieb in der Wie­ner Opern­gas­se und dem gro­ßen schwe­di­schen Mö­bel­kon­zern. Auch nicht auf den zwei­ten: Da ein klei­nes Ge­schäfts­lo­kal samt Werk­statt (na­mens Die Lam­pen­schir­mer­zeu­gung), voll ge­räumt mit Lam­pen­schir­men, Draht­ge­stel­len, Glüh­bir­nen (den al­ten!), Stoff­rol­len in vie­len Far­ben, die buch­stäb­lich bis zur De­cke rei­chen. Dort der an al­len Or­ten der Welt ir­gend­wie gleich aus­se­hen­de Ikea mit sei­nen rie­si­gen Ver­kaufs­flä­chen. Be­tritt man al­ler­dings den klei­nen La­den von Li­on Fink, fällt ei­nem die ers­te Ge­mein­sam­keit auf: Fink ist grund­sätz­lich mit je­dem und je­der, der bzw. die sein Ge­schäft be­tritt, per du.

„Das Ikea-Prin­zip“, nennt es Fink. Auch wenn es ei­ni­ge Kun­den ir­ri­tie­re, ihm sei das Du-Wort lie­ber, sagt er. Er wol­le sich nicht mit For­ma­li­tä­ten auf­hal­ten, son­dern lie­ber gleich – und per­sön­li­cher – dar­über re­den, was der Kun­de denn wünscht.

Die Wün­sche könn­ten et­wa lau­ten: ei­nen neu­en Schirm für die al­te Schlaf­zim­mer­lam­pe. Ein län­ge­res – und hüb­sche­res – Ka­bel für die Le­se­lam­pe. Oder über­haupt: Ge­stal­ten Sie, äh, ge­stal­te du mir ei­nen ori­gi­nel­len Lam­pen­schirm für mein Ess­zim­mer. Denn Li­on Fink ist Lam­pen­schir­mer­zeu­ger. Er re­pa­riert, re­stau­riert und ent­wirft di­ver­se Lam­pen in al­len er­denk­li­chen Grö­ßen und Far­ben, kom­pli­zier­te Son­der­wün­sche in­klu­si­ve. Fink ist ei­ner der letz­ten Lam­pen­schirm­her­stel­ler, die es noch gibt: Nur noch 14 sind ös­ter­reich­weit ge­mel­det. „Lam­pen­schir­me hat fast je­der zu Hau­se“, sagt Fink. „Aber die Ma­cher sind ver­schwun­den.“

Er selbst übt sein Hand­werk sicht­lich und spür­bar mit gro­ßer Lei­den­schaft aus, er­zählt von sei­nem „24-St­un­den-Job, sie­ben Ta­ge die Wo­che“. Ge­öff­net hat Fink zwar nur von Mon­tag bis Frei­tag, au­ßer­halb der Öff­nungs­zei­ten ar­bei­tet er aber oft bis spät in die Nacht die Auf­trä­ge ab.

Die teil­wei­se auch sehr spek­ta­ku­lär sein kön­nen. Ei­ner der jüngs­ten Auf­trä­ge war für den Ori­ent-Ex­press. Das In­te­ri­eur des le­gen­dä­ren Zu­ges wur­de re­stau­riert, auch die Lam­pen­schir­me für den Spei­se­wa­gen wur­den da­bei er­neu­ert. Dass er den Auf­trag be­kom­men hat, er­zählt Fink nicht oh­ne Stolz. 18 Steh­lam­pen, mit ro­sa­far­be­nem Stoff be­spannt, mit Bor­ten und Fran­sen de­ko­riert. Er ha­be sich stark an den Ori­gi­na­len ori­en­tiert – „und sehr be­müht. Ich fin­de, mei­ne sind so­gar schö­ner ge­wor­den als die Ori­gi­na­le.“

Na­tür­lich ist nicht je­der Auf­trag so gla­mou­rös. Auch wenn die Lis­te der pro­mi­nen­ten Kun­den im Lau­fe der Jah­re – Fink hat das Ge­schäft vor rund 15 Jah­ren von sei­nen El­tern über­nom­men – lang ge­wor­den ist: Im Ho­tel Sa­cher fin­den sich zahl­rei­che Lam­pen­schir­me, die aus sei­ner Hand stam­men, eben­so im Bris­tol. So­gar – und hier wä­re der zwei­te Kon­nex zum gro­ßen Schwe­den – in den Ikea-Re­stau­rants hän­gen sei­ne Lam­pen­schir­me. Für den VIP-Be­reich beim Hah­nen­kamm­ren­nen ge­stal­tet Fink je­des Jahr für Do & Co neue Lam­pen. Auch die Mit­glie­der des ma­lay­si­schen Kö­nigs­hau­ses be­nut­zen im All­tag Lam­pen aus Finks Hän­den. Ein ös­ter­rei­chi­scher Tisch­ler war mit der Neu­ver­tä­fe­lung der Rä­um­lich­kei­ten des Kö­nigs­hau­ses be­auf­tragt wor­den und hat Fink mit der Neu­ge­stal­tung der Lam­pen­schir­me be­traut.

Das lau­fe oft so, er­zählt Fink, dass er über Elek­tri­ker oder Tisch­ler zu Ar­beit kom­me, die Tei­le ih­rer Auf­trä­ge – eben die Her­stel­lung oder Sa­nie­rung von Lam­pen­schir­men – an ihn wei­ter­ge­ben. Auch Leuch­ten­bau­er zäh­len zu sei­nen Kun­den. „Die Zünf­te ver­knüp­fen sich wie­der, die ei­nen kön­nen das Wis­sen der an­de­ren ver­wen­den.“

Vie­le sei­ner Kun­den sei­en auch Re­stau­ra­to­ren, für die er al­te Schir­me re­stau­riert oder neu be­spannt: „Ka­put­te Lam­pen­schir­me gibt es wie Sand am Meer.“Oder auch Bau­trä­ger, die in Woh­nun­gen, die sie ver­kau­fen wol­len, bei Be­sich­ti­gungs­ter­mi­nen po­ten­zi­el­len Käu­fern nicht die häss­li­chen Bau­stel­len-Fas­sun­gen vor­set­zen wol­len. Sie be­stel­len et­wa bei Fink so­ge­nann­te Stoff- ka­bel (aus ge­färb­ten Fa­sern statt Po­ly­es­ter), die es bei Fink in fast 100 Far­ben gibt und op­tisch viel mehr her­ma­chen. Und, ei­ne wei­te­re Be­son­der­heit der Stoff­ka­bel, die Fink selbst her­stellt: Man kann sie in je­der Län­ge kau­fen. Vie­len Kun­den sind die Ka­bel ih­rer Lam­pen zu kurz, sie kom­men zu Fink, um sich ein län­ge­res Ka­bel ma­chen zu las­sen. Die Lö­sung nach Maß ist ein gro­ßer Vor­teil des klei­nen Händ­lers ge­gen­über den Mö­bel­rie­sen.

Aber na­tür­lich hat Fink wie vie­le klei­ne Un­ter­neh­mer gro­ße Kon­kur­renz: Eben die Mö­bel­häu­ser, die ein gro­ßes An­ge­bot an Lam­pen und Leuch­ten ha­ben. Auch wenn die gar nicht so viel bil­li­ger sei­en, wie man es ver­mu­ten wür­de, sagt Fink. Ei­ne Ess­tisch­lam­pe mit fünf Leuch­ten, die er nach den Wün­schen der Kun­den ge­stal­tet, ge­be es et­wa um 250 Eu­ro, klei­ne­re Lam­pen schon ab 20 Eu­ro. „Die ha­ben aber al­le ei­ne län­ge­re Le­bens­dau­er und sind re­pa­rier­bar“, sagt er. Auf das Preis-Leis­tungs-Ver­hält­nis wür­den vie­le Men­schen heu­te nicht mehr ach­ten, ge­kauft wird, was bil­lig ist, auch wenn es oft we­sent­lich frü­her ka­putt geht.

Ei­ne Leh­re gibt es nicht. Das sei al­les über­lie­fer­tes Wis­sen, er­zählt Li­on Fink.

Über­lie­fer­tes Wis­sen. Dass Fink ein­mal den voll ge­räum­ten und leicht chao­ti­schen Fa­mi­li­en­be­trieb („Zum Auf­räu­men ha­be ich kei­ne Zeit“) über­nimmt, war so nicht ge­plant. Nach der HTL für Ma­schi­nen­bau stu­dier­te er BWL. Heu­te könn­te er sich ei­nen Bü­ro­job als An­zug­trä­ger über­haupt nicht mehr vor­stel­len. Ei­ne Leh­re zum Lam­pen­schirm­her­stel­ler oder Po­sa­men­tie­rer – ein wun­der­bar alt­mo­di­scher Be­griff, der Men­schen be­schreibt, die Bor­ten, Bän­der und Ähn­li­ches her­stel­len – hat er nicht ge­macht, weil es die­se auch gar nicht gibt: „Das ist al­les über­lie­fer­tes Wis­sen“, sagt er – ein Wis­sen, das ihm sei­ne Mut­ter ver­mit­telt hat.

Zum Schluss gibt ei­nem Fink noch ei­ne klei­ne Wahr­heit mit: Je­der, der in ei­ne neue Woh­nung sie­delt, küm­mert sich zu­erst um die Ein­rich­tung. An die Lam­pen denkt man zu­letzt. Oder mit­un­ter gar nicht. Zahl­los die Woh­nun­gen, in de­nen ei­ne Glüh­bir­ne in der blo­ßen Fas­sung hängt – ein Pro­vi­so­ri­um, das oft Jah­re bleibt. Nicht sel­ten bis zum Aus­zug.

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