Co­lin Ka­eper­nicks Knie­fall

Zu Be­ginn der Foot­ball­sai­son in den USA sorgt nichts für mehr Fu­ro­re als der de­mons­tra­ti­ve Pro­test des Quar­ter­backs der San Fran­cis­co 49ers ge­gen Ras­sis­mus und Po­li­zei­ge­walt.

Die Presse am Sonntag - - Sport - VON THO­MAS VIEREGGE

We­ni­ge Ta­ge vor dem Auf­takt der Foot­ball­sai­son hat sich selbst der Prä­si­dent, der obers­te Sport­fan des Lan­des mit ei­nem Fai­b­le für Bas­ket­ball und Golf, bei sei­nem Asi­en-Trip in die Kon­tro­ver­se um Co­lin Ka­eper­nick ein­ge­schal­tet. Der Ver­fas­sungs­recht­ler Ba­rack Oba­ma ver­tei­dig­te den Quar­ter­back – Spiel­ma­cher und Hirn – der San Fran­cis­co 49ers ge­gen sei­ne Kri­ti­ker und ge­stand ihm zu, mit sei­nem Pro­test ein ver­fas­sungs­mä­ßi­ges Recht aus­zu­üben. „Ich den­ke, er meint es wirk­lich ernst. Und wenn nichts an­de­res da­bei her­aus­kommt, so hat er doch die Auf­merk­sam­keit auf The­men ge­lenkt, über die wir dis­ku­tie­ren müs­sen.“

Seit Wo­chen po­la­ri­siert Ka­eper­nick das Land, in dem Sport und die Sym­bo­lik des Staa­tes un­trenn­bar mit­ein­an­der ver­bun­den sind. Das In­to­nie­ren der Na­tio­nal­hym­ne, ge­mein­hin mit der rech­ten Hand am Herz, vor dem Hin­ter­grund der „Stars and Stri­pes“, des Ster­nen­ban­ners, der Eid auf die Ver­fas­sung, die Über­hö­hung von Kampf und Spiel – all dies ge­hört zu den Fix­punk­ten im pa­trio­ti­schen Ri­tu­al vor je­der Sport­ver­an­stal­tung in den USA. Bei Groß­er­eig­nis­sen wie dem Su­per Bowl wird Stars aus Pop oder Oper dann die be­son­de­re Eh­re zu­teil, „das Land der Frei­en und die Hei­mat der Tap­fe­ren“– wie es in der Hym­ne pa­the­tisch heißt – im Tre­mo­lo zu be­schwö­ren.

Für vie­le Pa­trio­ten be­ging Co­lin Ka­eper­nick ein Sa­kri­leg: Aus Pro­test ge­gen den Ras­sis­mus und die Po­li­zei­ge­walt ge­gen Afro­ame­ri­ka­ner, für die Or­te wie Fer­gu­son oder Ba­ton Rouge pro­gram­ma­tisch ste­hen, blieb der 28-Jäh­ri­ge mit der wu­sche­li­gen Afro­m­äh­ne bei ei­nem Test­spiel vor Sai­son­be­ginn ge­gen die Gre­en Bay Pa­ckers bei der Hym­ne de­mons­tra­tiv sit­zen; in der Fol­ge knie­te er sich in ei­nem Match beim Er­tö­nen des Star-Span­g­led-Ban­ner in San Die­go nie­der – und trat un­ter Kon­ser­va­ti­ven, ins­be­son­de­re je­doch bei Po­li­zis­ten und Mi­li­tärs, ei­nen Sturm der Ent­rüs­tung los.

Man­che Fans der 49ers wün­schen ihr frü­he­res Idol zum Teu­fel, und Do­nald Trump leg­te ihm na­he, sich gleich ein an­de­res Land zu su­chen. Ka­eper­nick hat­te den re­pu­bli­ka­ni­schen Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten zu­vor als Ras­sis­ten be­zeich­net, in sei­ner Kri­tik an der po­li­ti­schen Klas­se aber auch des­sen Ri­va­lin Hil­la­ry Cl­in­ton nicht aus­ge­spart. Dass ein Sport­held zum Streit­ob­jekt im Wahl­kampf wird, kommt selbst in den USA sehr sel­ten vor. Wei­ße Ad­op­tiv­el­tern. Co­lin Ka­eper­nick, der Sohn ei­nes Schwar­zen und ei­ner Wei­ßen aus Mil­wau­kee in Wis­con­sin, ist bei wei­ßen Ad­op­tiv­el­tern in Ka­li­for­ni­en auf­ge­wach­sen, wo das Mul­tisport­ta­lent als jun­ger Er­satz­quar­ter­back die ruhm­rei­chen 49ers aus San Fran­cis­co in der Sai­son 2012/2013 in den Su­per Bowl führ­te. Fünf­mal hat­te das Team die Tro­phäe zu­vor ge­won­nen, da­von vier­mal in der gol­de­nen Ära der 1980er-Jah­re un­ter dem le­gen­dä­ren Quar­ter­back Joe Mon­ta­na. Vor drei Jah­ren schei­ter­te das Team, in dem einst auch O. J. Simpson ali­as The Juice, der no­to­ri­sche Son­ny­boy mit der dunk­len Sei­te, als Run­ning Back ge­spielt hat­te, nur knapp ge­gen Bal­ti­more. Im Jahr dar­auf war im Fi­na­le der Wes­tern Con­fe­rence ge­gen die Se­at­tle Sea­hawks End­sta­ti­on, ehe im Vor­jahr der Ab­sturz folg­te, der in der De­gra­die­rung Ka­eper­nicks zum Er­satz­mann kul­mi­nier­te.

Es gä­be ge­wiss reich­lich Ge­sprächs­stoff zu Be­ginn der 51. NFL-Sai­son, die am Don­ners­tag mit dem Match Den­ver Bron­cos ge­gen Ca­ro­li­na Pan­thers – der Neu­auf­la­ge des Su­per Bowl vor sie­ben Mo­na­ten – ih­ren Lauf nahm. Dass die Bron­cos heu­er oh­ne ih­ren Star­quar­ter­back Pey­ton Man­ning auf­lau­fen, der nach dem Su­per-Bow­lT­ri­umph – sei­nem zwei­ten – sei­ne Kar­rie­re be­en­det hat, da­mit ha­ben sich die Foot­ball­fans längst ab­ge­fun­den; dass Tom Bra­dy, Man­nings lang­jäh­ri­ger Kon­kur­rent als Quar­ter­back der New En­g­land Pa­tri­ots und Ehe­mann des bra­si­lia­ni­schen Mo­dels Gi­se­le Bünd­chen, we­gen Uns­port­lich­keit für die ers­ten vier Spie­le ge­sperrt ist, ver­kraf­ten sei­ne An­hän­ger.

Das Mil­li­ar­den­un­ter­neh­men NFL tritt in ei­ne neue Pha­se, mit neu­en Köp­fen und ei­nem Team an ei­nem neu­en Stand­ort. Die Rams aus St. Lou­is sind nach Los An­ge­les ge­zo­gen, wo­mit die süd­ka­li­for­ni­sche Me­tro­po­le end­lich wie­der ein erst­klas­si­ges Foot­ball­team be­hei­ma­tet – und sie könn­te wei­te­re Mann­schaf­ten an­lo­cken. Ge­wohn­heits­ge­mäß zäh­len die Pa­tri­ots, die Gre­en Bay Pa­ckers, die Pitts­burgh Stee­lers und die Se­at­tle Sea­hawks zum Fa­vo­ri­ten­kreis. Wel­cher der Au­ßen­sei­ter kann sich in­des­sen als Über­ra­schungs­team pro­fi­lie­ren? In Washington hof­fen die Fans end­lich auf den Durch­bruch der Reds­kins, um des­sen Na­men – „Rot­häu­te“– sich ei­ne De­bat­te ent­zün­det hat, die bei­na­he po­li­tisch so auf­ge­la­den wie je­ne um Ka­eper­nick ist.

Man­che Fans wün­schen ihr frü­he­res Idol in­zwi­schen zum Teu­fel. Su­per­star Micha­el Jor­dan scheu­te den Kon­flikt – im Ge­gen­satz zu Mu­ham­mad Ali.

Vor 20 Jah­ren hat die NFL ei­nen Spie­ler we­gen ei­nes ähn­li­chen Ver­ge­hens für meh­re­re Spie­le ge­sperrt. Der Box­cham­pi­on Mu­ham­mad Ali und die bei­den 200-Me­ter-Sprin­ter Tom­mie Smith und Juan Car­los, die bei Olym­pia 1968 auf dem Sie­ger­po­dest mit schwar­zen Fäus­ten für Black Po­wer de­mons­triert hat­ten, nutz­ten den Sport als Platt­form für po­li­ti­schen An­lie­gen. Aus Angst, lu­kra­ti­ve Wer­be­ver­trä­ge aufs Spiel zu set­zen, scheu­ten Su­per­stars wie Bas­ket­bal­ler Micha­el Jor­dan spä­ter den Kon­flikt mit Po­li­tik und Ge­sell­schaft, was sich zu­letzt ein we­nig än­der­te. So set­zen et­wa LeBron Ja­mes und Se­re­na Wil­li­ams ih­re Star-Po­wer ge­zielt ein; auch Foot­bal­ler und Fuß­bal­le­rin­nen wie Me­gan Ra­pi­noe ha­ben sich Ka­eper­nicks Pro­test an­ge­schlos­sen.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.