LEXIKON

Die Presse am Sonntag - - Globus -

In­ner­halb ei­ner hal­ben St­un­de hat­te sie die Grö­ße ei­nes Swim­ming­pools er­reicht. Die Flut war an die­sem Tag erst­mals über drei Me­ter hoch. Fas­zi­niert schau­te ich zu, wie es aus dem Bo­den blub­ber­te. Für die In­su­la­ner war die Über­schwem­mung nor­mal. Der Pre­mier­mi­nis­ter war nicht zu spre­chen. Kri­ti­sche Pres­se war au­ßer­dem un­er­wünscht. „Wir füh­ren ei­ne schwar­ze Lis­te“, sag­te Ava­foa Ira­ta, Staats­se­kre­tär im Au­ßen­mi­nis­te­ri­um. „Sol­che Leu­te dür­fen nicht mehr ein­rei­sen.“

Der smar­te Jung­po­li­ti­ker sprach bes­tes Eng­lisch und konn­te sich da­her nicht ver­spro­chen ha­ben, als er we­nig spä­ter sag­te: „Wir sen­sa­tio­na­li­sie­ren das The­ma Kli­ma­wan­del, da­mit wir et­was da­von ha­ben.“Was ge­nau? „Geld. Und Päs­se.“Am nächs­ten Tag reis­te ich, um vie­le Mu­schel­ket­ten rei­cher, aber um ei­ni­ge Il­lu­sio­nen är­mer, ab. Il­le­gal in Neu­see­land. Im No­vem­ber 2007 be­schlie­ßen Si­geo und Si­ga Ales­a­na, über die Weih­nachts­fe­ri­en Ver­wand­te in Neu­see­land zu be­su­chen. Sie neh­men nur das Nö­tigs­te mit, flie­gen erst nach Fi­dschi und war­ten dort auf ein Be­su­cher­vi­sum. Im De­zem­ber lan­den sie in Auck­land. Erst dort stellt Si­ga fest, dass sie wie­der schwan­ger ist. Das än­dert al­les. Ei­ne wei­te­re Ge­burt oh­ne ent­spre­chen­de ärzt­li­che Ver­sor­gung kann sie nicht ris­kie­ren. Für Si­geo ist klar: Wenn er Va­ter wer­den will, müs­sen sie in ei­nem me­di­zi­nisch si­che­ren Land blei­ben. Er ver­län­gert das Be­su­cher­vi­sum mehr­fach, doch seit 2009 sind sie il­le­gal in Neu­see­land. Sohn Tu­pou wird in die­ser Zeit ge­bo­ren – ein ge­sun­der Bub, aber auch er lag ver­kehrt her­um im Mut­ter­leib. In Tu­va­lu hät­te er wohl nicht über­lebt.

Der Neu­an­kömm­ling Si­geo macht sei­nen Füh­rer­schein und hält sich streng an al­le Re­geln, denn als „Over­stay­er“darf er der Po­li­zei nicht auf­fal­len. To­li­se, ein wei­te­rer Sohn, wird 2011 ge­bo­ren. Die El­tern wol­len nun für im­mer in Neu­see­land blei­ben, wo auch Si­ge­os Schwes­tern le­ben. Ih­re letz­te Hoff­nung ist ein An­walt. Doch des­sen An­trag auf Flücht­lings­sta­tus für die tu­va­lua­ni­sche Fa­mi­lie schei­tert, da

Tu­va­lu

ist ei­ne Grup­pe aus drei Rif­finseln, sechs Atol­len und ei­ni­gen klei­ne­ren Flä­chen in der Mit­te zwi­schen Aus­tra­li­en und Ha­waii – Ge­samt­flä­che 26 km2, Hö­he max. fünf Me­ter. Die haupt­säch­lich po­ly­ne­si­sche Be­völ­ke­rung zählt ca. 11.000 Men­schen, da­zu le­ben ei­ni­ge Tau­send Tu­va­lua­ner mehr oder we­ni­ger dau­er­haft in Aus­tra­li­en, Neu­see­land und an­de­ren Süd­pa­zi­fik­staa­ten.

1568

sich­te­te der Spa­nier Al­va­ro de Men­da˜na de Ney­ra die In­seln und nann­te sie Is­las del Je­sus. Erst 1764 ka­men En­g­län­der als nächs­te west­li­che Be­su­cher, im 19. Jh. US-Ame­ri­ka­ner, Pe­rua­ner, Deut­sche, oft wur­den Be­woh­ner als Skla­ven ent­führt. 1877 ka­men die In­seln als El­li­ce Is­lands un­ter bri­ti­sche Ver­wal­tung und blie­ben das bis zur Un­ab­hän­gig­keit 1978, seit­her ist Tu­va­lu im Com­mon­wealth. Fa­mi­lie Ales­a­na samt Oma vor ih­rem Haus in Neu­see­land. ihr von staat­li­cher Sei­te we­der Ter­ror, Krieg noch Ver­fol­gung droht. Und Kli­ma­wan­del kommt in der UN-Flücht­lings­kon­ven­ti­on von 1951 nicht vor.

Si­geo hofft auf die Re­si­den­cy, die dau­er­haf­te Auf­ent­halts­be­rech­ti­gung. Das Ver­fah­ren zieht sich über Jah­re hin. Am En­de steht Si­geo ei­nen gan­zen Tag lang vor ei­nem Tri­bu­nal. Er er­zählt dem Ein­wan­de­rungs­ge­richt von sei­nem Land, von sei­ner Fa­mi­lie, sei­ner Ver­zweif­lung. Er hat nichts zu ver­heim­li­chen, aber viel zu ver­lie­ren: ein si­che­res Zu­hau­se, ei­ne Zu­kunft für sei­ne Kin­der, ein bes­se­res Le­ben, als er es je hat­te. Die Be­hör­den sind letzt­lich gnä­dig. Im Au­gust 2014 wird Si­geo Ales­a­na aus hu­ma­ni­tä­ren Grün­den die Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gung er­teilt. Er ruft als Ers­tes sei­ne Frau an, er schreit vor Freu­de in sein Han­dy, bei­de wei­nen. Es ist ei­ne unend­li­che Er­leich­te­rung. Wä­re er al­lein nach Neu­see­land ge­kom­men, oh­ne Fa­mi­lie, dann wä­re er ab­ge­wie­sen wor­den. Die Fol­gen des Kli­ma­wan­dels auf sei­ne Hei­mat wur­den in der Ent­schei­dung zwar mit be­rück­sich­tigt, aber ent­schei­dend war die Si­tua­ti­on für sei­ne Kin­der: dass sie am stärks­ten un­ter dem Was­ser­man­gel und der Un­ter­ent­wick­lung in Tu­va­lu lei­den wür­den. Fort­an gilt Si­geo Ales­a­na als ers­ter Kli­ma­flücht­ling der Welt, oh­ne je­doch ei­nen le­ga­len Flücht­lings­sta­tus zu be­sit­zen.

Im Fe­bru­ar 2016 flie­ge ich nach Du­n­e­din. Si­geo ist mit sei­ner Fa­mi­lie in die küh­le­re Kle­in­stadt im Sü­den Neu­see­lands ge­zo­gen und ar­bei­tet in ei­ner Kaf­fee­fa­brik. Ma­schi­nis­ten­ar­beit. Zwölf Ta­ge dau­ert je­de Schicht, sonn­tags hat er frei. Das Haus mit Gar­ten liegt in ei­ner ru­hi­gen Stra­ße, Blick ins Grü­ne. Si­geo emp­fängt mich im frisch ge­bü­gel­ten Hemd, ein mus­ku­lö­ser Mann mit kahl­ra­sier­tem Schä­del und wa­chen Au­gen. Tu­pou, der mitt­ler­wei­le sie­ben­jäh­ri­ge Sohn, springt um uns her­um, der vier­jäh­ri­ge To­li­se rennt hin­ter­her.

Im Wohn­zim­mer sitzt Ehe­frau Si­ga in ei­nem lan­gen Som­mer­kleid, ei­nen Säug­ling an der Brust. Drei Wo­chen zu­vor wur­de der drit­te Sohn per Kai­ser­schnitt ge­bo­ren.

Die Wän­de sind de­ko­riert mit Tu­pous Schul- und Sport­aus­zeich­nun­gen und ei­nem hand­ge­schrie­be­nen Bi­bel­zi­tat. „Mei­ne Kin­der und mei­ne Fa­mi­lie sind das Wich­tigs­te für mich“, er­zählt mir Si­geo in lei­sen, prä­zi­sen Sät­zen. „In Tu­va­lu zählt vor al­lem die Ge­mein­schaft. Man sitzt zu­sam­men und fei­ert.“Er seufzt und lä­chelt. Er hat mit der „is­land cul­tu­re“ab­ge­schlos­sen. „Wenn man in ein neu­es Land kommt, muss man sich an­pas­sen und so le­ben, wie dort ge­lebt wird. Das ist mir wich­tig.“Manch­mal or­ga­ni­siert je­mand ei­ne Lie­fe­rung Ta­ro für ihn, denn das Es­sen von Tu­va­lu fehlt ihm. „Aber mei­ne Kin­der mö­gen eh lie­ber Brot.“Er lacht lei­se auf. Si­ga ist auf­ge­stan­den und kommt mit ei­nem Tel­ler Kek­se zu­rück.

Was der 36-Jäh­ri­ge will, ist Wohl­stand für sei­ne Kin­der. Sein Le­ben dreht sich um die Jun­gen, er will ih­nen je­den Wunsch er­fül­len. „Ich war arm. Ich hat­te nichts und ha­be dar­un­ter stän­dig ge­lit­ten.“Er ist ein Vor­zei­geIm­mi­grant: flei­ßig, an­ge­passt, recht­schaf­fen und mit Am­bi­tio­nen. Si­geo und Si­ga ha­ben in Tu­va­lu zwei Kin­der ver­lo­ren, ihr Land ist arm, und sie woll­ten mehr vom Le­ben. Aber ist dar­an der stei­gen­de Mee­res­spie­gel schuld?

Si­geo schaut auf und mir ge­ra­de ins Ge­sicht, sehr ernst. „Mei­ne Ant­wort dar­auf ist, dass ich ein ech­ter Kli­ma­wan­del-Flücht­ling bin. Auch wenn ich es ju­ris­tisch nicht bin – in mei­nem Her­zen bin ich es.“Si­geo legt die Hand auf die Brust. „Der Kli­ma­wan­del hat auf al­les ei­nen Ef­fekt. Auf al­les.“Er ist gläu­bi­ger Christ, aber sein Lieb­lings­fach als Leh­rer war Wis­sen­schaft. „Ich ver­stand, was um uns her­um pas­sier­te.“

Si­ga flüs­tert et­was aus dem Ses­sel ne­ben ihm, sie ist sehr schüch­tern. Ihr Mann hält die Hand auf Knie­hö­he. „Die Pa­pa­ya- und Ba­na­nen­pflan­zen wur­den nur so hoch oder star­ben ab, der Bo­den ist zu sal­zig. Un­ser Haus war frü­her 200 Me­ter vom Ufer weg. Jetzt sind es nur noch hun­dert Me­ter. Bei je­der gro­ßen Flut wird es über­spült. In zehn Jah­ren ist es viel­leicht weg. Wir hat­ten Angst.“Si­ga nickt, ihr Mann fährt fort. „Das Wich­tigs­te ist Was­ser. Dür­re ist mitt­ler­wei­le nor­mal. Selbst das Was­ser im Brun­nen ist dann sal­zig. Wir hat­ten als Kin­der vie­le Haut­krank­hei­ten. Mei­ne Kin­der sol­len da­mit nicht auf­wach­sen.“

Als ich ihn fra­ge, ob er ei­ne glück­li­che Kind­heit hat­te, wird er sehr still. „Nein.“Noch ei­ne lan­ge Pau­se. „Ich bin in der fal­schen Fa­mi­lie auf­ge­wach­sen. Ich ver­mis­se mein Land, aber ich bin froh, von die­ser Fa­mi­lie fort zu sein.“Stück­chen­wei­se bricht es aus ihm her­aus: Er, der ein­zi­ge Sohn un­ter vie­len Mäd­chen, der aber kein Land ge­erbt hat, weil in der pa­tri­ar­cha­li­schen Tra­di­ti­on zu­erst die äl­te­ren Cou­sins an der Rei­he wa­ren. Sein Va­ter und sein On­kel strit­ten sich stän­dig. Wah­rer Flucht­grund: Fa­mi­li­en­krieg. Ei­ne Fa­mi­lie im jahr­zehn­te­lan­gen Clinch, es gab Ge­walt. „Wir ha­ben nie zu­sam­men ge­lacht, kei­ner hat ge­re­det.“Ein­mal wur­den er und an­de­re Kin­der los­ge­schickt, Ko­kos­nüs­se zu sam­meln. Ein Tag, den er nie ver­ges­sen wür­de. Der On­kel kam mit der Ma­che­te und ver­trieb sie. „Wir muss­ten mit nichts zu­rück nach Hau­se. Mit lee­ren Hän­den.“Si­geo flüs­tert und schaut auf den Tep­pich. Das The­ma tut ihm weh. Es ist der wah­re Grund sei­ner Flucht. Ei­ne zu­tiefst pri­va­te Si­tua­ti­on, die er nicht mehr er­trug, aber ver­stärkt durch den ver­zwei­fel­ten Kampf um be­stell­ba­ren Grund in ei­nem Land, das bald kei­nen mehr ha­ben wird. Si­geo gibt sich ei­nen Ruck und setzt sich auf­recht hin. „Wenn wir al­le fort­ge­hen, wird auch un­se­re Kul­tur und Iden­ti­tät ver­lo­ren ge­hen. Das ist trau­rig. Aber ich per­sön­lich den­ke zu­erst an mei­ne Fa­mi­lie. Tu­va­lu kommt an zwei­ter Stel­le.“ „Kli­ma­flücht­ling“ist ta­bu. Ich er­zäh­le von mei­nem Be­such in Fu­n­a­fu­ti: dass es da­mals nie­man­den gab, der of­fi­zi­ell we­gen des Kli­ma­wan­dels das Land ver­ließ. Dass ich das Ge­fühl hat­te, ei­ner PR-Ins­ze­nie­rung auf­ge­ses­sen zu sein – die zwar mo­ra­lisch und po­li­tisch durch­aus be­rech­tigt war, aber nicht die wah­ren Pro­ble­me der vom Wes­ten stets ro­man­ti­sier­ten, in Wirk­lich­keit aber miss­ach­te­ten fra­gi­len Atoll­ge­sell­schaf­ten be­traf. Nur 17 Men­schen ha­ben laut ei­ner Stu­die bis­her ver­sucht, in Aus­tra­li­en und Neu­see­land An­trag als Kli­ma­wan­delFlücht­ling zu stel­len. Ei­ner da­von, aus dem eben­so ver­müll­ten Ki­ri­ba­ti, schei­ter­te und wur­de ab­ge­wie­sen. Durch ihn er­fuhr ich, dass es ein Ta­bu ist, sich Kli­ma­flücht­ling zu nen­nen – weil es die al­te Hei­mat schlecht aus­se­hen lässt.

Und Si­geo Ales­a­na, der glück­lich mit Frau und Kin­dern beim Kaf­fee in sei­nem Wohn­zim­mer sitzt und bei der ers­ten Ge­le­gen­heit die neu­see­län­di­sche Staats­bür­ger­schaft be­an­tra­gen will – wie geht er mit sei­nem Sta­tus ge­gen­über sei­nen Lands­leu­ten um? Im­mer­hin hat er fast zwei Jah­re lang öf­fent­lich ge­schwie­gen. „Es gibt vie­le von uns aus Tu­va­lu, die nicht zu­ge­ben,

»Wenn man in ein neu­es Land kommt, muss man sich an das dor­ti­ge Le­ben an­pas­sen.« Das The­ma Fa­mi­lie tut Si­geo weh. Sein Va­ter und sein On­kel strit­ten sich stän­dig.

dass sie Flücht­lin­ge sind“, sagt Si­geo. „Sie wer­den es nie laut sa­gen.“

Tu­pou kommt wie­der ins Zim­mer, der Sohn, der gern Rugby und Fuß­ball spielt. Tu­va­lu kennt er nur von Bil­dern im In­ter­net. Ei­ge­ne Fo­tos hat die Fa­mi­lie nicht. „Wir be­sa­ßen kei­ne Ka­me­ra“, sagt Si­geo ver­le­gen. Es drängt ihn nicht zu­rück in die al­te Hei­mat. Zu teu­er der Flug, zu vie­le al­te Kon­flik­te, zu trau­rig der An­blick. Nur Tu­pou will ein­mal dort­hin. Die En­ge und täg­li­che An­stren­gung des Atoll-Le­bens, für sei­ne El­tern un­er­träg­lich, ist für den Sie­ben­jäh­ri­gen nur ku­ri­os und fas­zi­nie­rend. Er kräht be­geis­tert auf: „Da schla­fen die Leu­te auf der Lan­de­bahn vom Flug­ha­fen!“

Ich hof­fe, dass auch er noch ei­nen „Pla­ne Day“in Fu­n­a­fu­ti er­le­ben wird. Als dort das Flug­zeug an­roll­te, stieg ein Schwarm wei­ßer Vö­gel em­por und krei­sel­te wie ei­ne Wel­le von Pal­me zu Pal­me. Es war ein schö­ner An­blick.

Pa­nos Pic­tu­res/pic­tu­re­desk.com

, In Fu­n­a­fu­ti, Tu­va­lus Haupt­stadt, ist das Meer meist bloß ei­nen St­ein­wurf ent­fernt.

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