Wie der Va­ter, so will der Sohn nicht im­mer sein

Adam Sachs’ »In­heri­ted Dis­or­ders« er­zählt po­in­tiert von Söh­nen, die mit dem Er­be ih­rer Vä­ter rin­gen.

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON KA­TRIN NUSS­MAYR

Sie müs­sen das Er­be ih­res Va­ters los­wer­den, be­vor es sie zer­stört, heißt es im Klap­pen­text von „In­heri­ted Dis­or­ders – Sto­ries, Pa­ra­bles & Pro­blems“: In 117 höchst amü­san­ten, poin­tier­ten Kurz­ge­schich­ten er­zählt Adam Sachs im­mer wie­der, in un­ter­schied­lichs­ten Va­ria­tio­nen, wie Söh­ne über die gro­ßen Fuß­stap­fen ih­rer Vä­ter stol­pern. Die Fuß­stap­fen, die ihm ge­legt wur­den, sind selbst nicht klein: Als Sohn des Star­öko­no­men Jef­frey Sachs weiß Adam Sachs, was es be­deu­tet, mit gro­ßen Er­war­tun­gen auf­zu­wach­sen. Mit sei­nem ers­ten Buch löst er sich nun ele­gant vom Er­be des Va­ters und schlägt ei­ge­ne We­ge ein – ein Un­ter­fan­gen, das den Prot­ago­nis­ten sei­ner Ge­schich­ten oft nur mä­ßig ge­lingt.

Da gibt es et­wa – gleich zu Be­ginn – ei­nen ös­ter­rei­chi­schen Nach­kriegs­li­te­ra­ten, des­sen Va­ter ein Na­zi-Of­fi­zier war. Der Li­te­rat in­ter­es­siert sich für die Na­tur, für Bä­che und Far­ne, doch was er auch schreibt, im­mer wird es als Abrech­nung mit den Ver­bre­chen sei­nes Va­ters in­ter­pre­tiert. Nach sei­nem vier­ten Ge­dicht­band über die Schön­heit der Na­tur be­gin­nen sich die Kri­ti­ker gar zu lang­wei­len: Kann er denn über nichts an­de­res schrei­ben als über die Ver­bre­chen sei­nes Va­ters? Gna­den­los di­rekt. Je­de In­ter­pre­ta­ti­on von Sachs’ Ge­schich­ten birgt das Ri­si­ko in sich, eben je­nem Irr­tum auf­zu­sit­zen, den er hier so ge­nüss­lich se­ziert. Die Hin­wei­se auf sei­ne ei­ge­ne Bio­gra­fie schei­nen aber über­deut­lich: Er ka­ri­kiert den Kul­tur­be­trieb ge­nau­so wie das wis­sen­schaft­li­che Mi­lieu, von dem er sich ab­ge­wandt hat, und er nimmt sich vol­ler Selbst­iro­nie – und mit der Kennt­nis bei­der Be­rei­che, im­mer­hin ge­noss Sachs, be­vor er sich als Dreh­buch- und dann Pro­sa­au­tor ver­such­te, ein na­tur­wis­sen­schaft­li­ches Stu­di­um an der Har­var­dU­ni­ver­si­tät – der Kon­flik­te an, die ent­ste­hen, wenn ein aka­de­misch ver­sier­ter Va­ter sei­nen Sohn an die Kunst ver­liert und vice ver­sa.

Gna­den­los di­rekt und mit viel schwar­zem Hu­mor ent­wirft Sachs in den Ge­schich­ten, die nur je ein paar Zei­len bis we­ni­ge Sei­ten lang sind, sur­rea­le, zu­ge­spitz­te Sze­na­ri­os, die doch al­le ei­nen all­zu ver­trau­ten Kern ha­ben: Zen­tra­les Mo­tiv sind Va­terSohn-Be­zie­hun­gen in all ih­ren oft ver­korks­ten, oft lie­be­vol­len Fa­cet­ten. Und wie die Söh­ne ver­su­chen, den Er­war­tun­gen ih­rer Vä­ter (und de­ren Vä­ter und de­ren Groß­vä­ter . . .) ge­recht zu wer­den oder sie eben ab­zu­schüt­teln, so spielt auch Sachs mit den Er­war­tun­gen sei­ner Le­ser und über­rascht sie ge­zielt im­mer wie­der mit ab­rup­ten Wen­dun­gen.

Die sol­len hier na­tür­lich nicht ver­ra­ten wer­den, wohl aber ei­ni­ge Aus ei­ner Ge­schich­te von Adam Ehr­lich Sachs Kost­pro­ben der Pro­ble­me, die Söh­ne und Vä­ter in „In­heri­ted Dis­or­ders“ha­ben: Da wä­re das wie­der­keh­ren­de Mo­tiv, dass ei­nem Sohn, was auch im­mer er ver­sucht, die kom­plet­te Eman­zi­pa­ti­on von der Welt des Va­ters nicht und nicht ge­lin­gen will. Der Sohn ei­nes Rauch­fang­keh­rers et­wa heimst tat­säch­lich viel Be­wun­de­rung ein, als er end­lich zu aka­de­mi­schen Eh­ren als Lo­gi­ker kommt – bis die Rauch­fang­kehrer­m­e­ta­phern in sei­nen lo­gi­schen Aus­füh­run­gen über­hand­neh­men. Zwölf Ge­ne­ra­tio­nen im Hirn. Der Spröss­ling ei­ner Akro­ba­ten- und der ei­ner Ma­the­ma­ti­ker­fa­mi­lie strei­ten dar­über, wer die grö­ße­re Last zu tra­gen hat: Der ei­ne muss für ei­nen Zir­kustrick sechs sei­ner Ver­wand­ten buch­stäb­lich schul­tern, der an­de­re hat die Bür­de, ein ma­the­ma­ti­sches Pro­blem zu lö­sen, an dem zwölf Ge­ne­ra­tio­nen sei­ner Vor­fah­ren ge­schei­tert sind. Das liegt ei­nem schwer im Hirn!

Dann gibt es noch den Sohn ei­nes ver­stor­be­nen Phi­lo­so­phen, der gleich­zei­tig des­sen Bio­graf ist – und der, da­mit sich die­se bei­den Rol­len nicht in die Que­re kom­men, für je­de Tä­tig­keit ei­nen ei­ge­nen Hut auf­setzt. Die Sa­che ge­rät au­ßer Kon­trol­le, als neue Auf­ga­ben da­zu­kom­men: Der Nach­lass­ver­wal­ter sei­nes Va­ters, des­sen phi­lo­so­phi­scher Ge­sprächs­part­ner, des­sen Dop­pel­gän­ger . . . Zu ra­di­ka­le­ren Mit­teln greift ein Pia­nist, des­sen Va­ter nicht auf­hö­ren will, Con­cer­tos für ihn zu kom­po­nie­ren: Als er bei ei­nem „Un­fall“ei­nen Fin­ger ver­liert, er­klärt er sei­ne Kar­rie­re für be­en­det, doch da schreibt ihm der Va­ter ein „Con­cer­to für neun Fin­ger“, was dem Pia­nis­ten noch mehr Ruhm ein­bringt. Wie vie­le Glied­ma­ßen er auch ein­büßt, sein Va­ter lässt das Kom­po­nie­ren nicht sein.

Das Grund­mo­tiv der Ge­schich­ten va­ri­iert kaum, Red­un­danz stellt sich den­noch nicht ein, der Un­ter­schied liegt in den De­tails: Ein­mal geht es um die Angst zu ent­täu­schen, ein­mal um den Druck, den Va­ter zu über­trump­fen, dann wie­der um den Re­spekt, der ei­nen da­vor be­wahrt, den Va­ter all­zu un­sanft von sei­nem Thron zu sto­ßen. Und zwi­schen­durch geht es auch um Va­ter-Sohn-Be­zie­hun­gen, die so un­ter­kühlt sind, dass man ei­gent­lich nichts mehr ma­chen kann: Ei­ne Kür­zest­ge­schich­te er­zählt et­wa knapp von ei­nem Va­ter und ei­nem Sohn, die die letz­ten Spre­cher ei­ner bei­na­he aus­ge­stor­be­nen Spra­che sind. Weil ihr vor ei­nem Kon­sor­ti­um aus Lin­gu­is­ten auf­ge­zeich­ne­tes Ge­spräch aber so karg an Wor­ten aus­fällt, be­schlie­ßen die Wis­sen­schaft­ler kur­zer­hand, die Spra­che gleich für ganz aus­ge­stor­ben zu er­klä­ren. Auch so kann man ein al­tes Er­be los­wer­den.

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