»Das war zi­vi­ler Un­ge­hor­sam«

Whist­leb­lo­wer Ed­ward Snow­den sitzt nach wie vor in Mos­kau im Exil fest, in we­ni­gen Ta­gen kommt der Film »Snow­den« in die Ki­nos. Hol­ly­wood-Re­gis­seur Oli­ver Sto­ne über den Prot­ago­nis­ten und was der Um­gang mit ihm über De­mo­kra­ti­en aus­sagt.

Die Presse am Sonntag - - Menschen - VON MARIAM SCHAGHAGHI

Oli­ver Sto­ne ist drei­fa­cher Os­carp­reis­trä­ger und gilt in Hol­ly­wood als „Chef­ver­schwö­rer“des in­ter­na­tio­na­len Po­lit-Films. Wer­ke wie „Pla­toon“, „Ge­bo­ren am 4. Ju­li“oder „JFK“wur­den kon­tro­vers dis­ku­tiert. Am 22. Sep­tem­ber fei­ert sein Film „Snow­den“Pre­mie­re. Wel­che Be­deu­tung ha­ben Ed­ward Snow­dens Ent­hül­lun­gen? Oli­ver Sto­ne: Snow­den glaubt an die De­mo­kra­tie. Da­her fin­det er, dass die Men­schen von dem Da­ten­miss­brauch er­fah­ren soll­ten. Na­tür­lich kann man phi­lo­so­phi­sche Dis­kus­si­on dar­über füh­ren, in­wie­weit es sinn­voll ist, dass das Volk über­haupt dar­über in­for­miert wird. Im Fall der US-Be­völ­ke­rung scheint es eher so, dass sie nicht in der La­ge ist, da­mit um­zu­ge­hen. Sie in­ter­es­siert sich kaum da­für. Das Ame­ri­ka von heu­te ist zu ei­ner rei­nen Po­pu­lär- und Kon­su­men­ten­kul­tur ge­wor­den. Ist der Whist­leb­lo­wer für Sie ein Held? Ja. Ed Snow­den hat den Mut, die Chuz­pe und die Eier, sich ge­gen un­se­re Re­gie­rung zu stel­len, die in mei­nen Au­gen ein strikt to­ta­li­tä­res Re­gime ist. Wie wirk­te Snow­den auf Sie bei Ih­ren per­sön­li­chen Ge­sprä­chen? Er ist ein sehr be­ein­dru­cken­der und wort­ge­wand­ter, nach­denk­li­cher Mann. Ich ha­be mich mehr­mals mit ihm ge­trof­fen. Er nimmt das Exil ge­fasst und ru­hig hin. Er setzt auch dort wei­ter­hin flei­ßig sei­ne Ar­beit fort. Sei­ne Freun­din Lind­say ist in­zwi­schen bei ihm, was ihm die gan­ze Si­tua­ti­on sehr er­leich­tert. Mit ihr ist er viel glück­li­cher. Man nimmt kei­ne Zei­chen wahr, dass er nicht mehr zu sei­ner Ent­schei­dung steht. Er scheint ge­ra­de­zu un­ver­wüst­lich. Doch ich weiß, dass er gern in die USA zu­rück­keh­ren wür­de. Mo­men­tan wür­de er dort al­ler­dings kei­nen fai­ren Pro­zess krie­gen. Wo­her kommt es, dass Snow­dens Tat die Welt so ex­trem ge­spal­ten hat? Ent­we­der es wird von ei­ner Hel­den­tat ge­re­det – oder aber von Hoch­ver­rat. Po­la­ri­sie­run­gen sind das Re­sul­tat von Ver­ein­fa­chun­gen. Ober­fläch­lich be­trach­tet: Er hat Ge­heim­nis­se ver­ra­ten, al­so ist Snow­den ein Ver­rä­ter. Doch das Ar­gu­ment ist: Er hat ei­ne kri­mi­nel­le Hand­lung be­gan­gen, um ei­ne viel grö­ße­re kri­mi­nel­le Hand­lung auf­zu­de­cken. Man­che Men­schen ver­ste­hen die­ses Kon­zept des zi­vi­len Un­ge­hor­sams nicht, das auch die Bür­ger­rechts­bewe-

Oli­ver Sto­ne

wur­de 1946 in New York Ci­ty ge­bo­ren. Der US-ame­ri­ka­ni­sche Re­gis­seur, Dreh­buch­au­tor und Pro­du­zent ist vor al­lem für sei­ne po­li­ti­schen Fil­me be­kannt. Er wur­de drei­mal mit dem Os­car aus­ge­zeich­net.

Ed­ward Snow­den

ist ein ehe­ma­li­ger CIAMit­ar­bei­ter. Sei­ne Ent­hül­lun­gen ga­ben Ein­bli­cke in das Aus­maß der welt­wei­ten Über­wa­chungs- und Spio­na­ge­prak­ti­ken von Ge­heim­diens­ten. gung in den USA wie­der­holt an­wen­det. Ja, manch­mal müs­sen Ge­set­ze ge­bro­chen wer­den, um die Auf­merk­sam­keit auf grö­ße­re Über­tre­tun­gen zu len­ken. Wie be­ur­tei­len Sie die Si­tua­ti­on der USA rund um den Prä­si­dent­schafts­wahl­kampf ? Trump hat ja be­reits die Exe­ku­ti­on Snow­dens ge­for­dert. Und Hil­la­ry Cl­in­ton for­dert ei­nen ex­trem har­ten Ge­richts­pro­zess ge­gen ihn. Und das von ei­ner Frau, die selbst be­reits mehr­fach das Ge­setz ge­bro­chen hat. Oba­ma konn­te in den USA nicht viel be­we­gen. Was trau­en Sie Trump zu? Die Prä­si­dent­schafts­wahl ist für mich ein furcht­bar de­pri­mie­ren­des The­ma. Ich se­he in bei­den Al­ter­na­ti­ven kein gu­tes Er­geb­nis für Ame­ri­ka. Cl­in­ton ist ei­ne noch grö­ße­re Kämp­fe­rin als Oba­ma, sie ist ei­ne Ver­fech­te­rin stren­ger Macht­aus­übung. Als Au­ßen­mi­nis­te­rin war sie ei­ne Ka­ta­stro­phe. Wenn ihr nicht doch noch ei­ne spä­te Er­kennt­nis kommt, dass sie zum Bei­spiel mit Li­by­en, Irak und Sy­ri­en so­wie Af­gha­nis­tan da­mals völ­lig falsch ge­le­gen hat, hal­te ich sie nicht für ei­ne bes­se­re Wahl. Mein Glau­be an die De­mo­kra­ti­sche Par­tei ist nach wie vor stär­ker, weil Rich­ter und Po­li­ti­ker aus ih­ren Rei­hen ein­fach pro­gres­si­ver sind als bei den Re­pu­bli­ka­nern. Aber mei­ner Mei­nung nach ste­cken die USA in ei­ner tie­fen Mi­se­re. Auch Eu­ro­pa steckt in ei­ner Kri­se. Das liegt dar­an, dass Eu­ro­pa sei­ne Sou­ve­rä­ni­tät auf­ge­ge­ben und sich den USA un­ter­ge­ord­net hat. Tut mir leid, ich glau­be, das war echt ver­kehrt, dass ihr der Na­to so in den Arsch ge­kro­chen seid. Das ist eu­er En­de. Eu­ro­pa muss sei­ne Un­ab­hän­gig­keit zu­rück­ge­win­nen. Ihr könn­tet ein wich­ti­ger Frie­dens­stif­ter für die­se Welt sein, aber statt­des­sen lasst ihr euch von den USA da­zu über­re­den, ge­gen Russ­land mit Sank­tio­nen vor­zu­ge­hen. Das ist ei­ne fun­da­men­tal fal­sche Ent­schei­dung und be­rei­tet mir gro­ße Sor­gen. Ge­ra­de Frank­reich und Deutsch­land könn­ten sich ei­ne un­ab­hän­gi­ge Po­si­ti­on leis­ten! Und ge­ra­de Deutsch­land kennt sich doch mit to­ta­li­tä­ren Über­wa­chungs­staa­ten aus, ihr soll­tet die Zei­chen deu­ten kön­nen! War­um wird Mer­kel ab­ge­hört, was hat sie denn ver­bro­chen?

Reu­ters

fei­ert Ed­ward Snow­den. „Snow­den“das Le­ben von Whist­leb­lo­wer Oli­ver Sto­ne ver­film­te am 22. Sep­tem­ber Pre­mie­re.

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