»Fu­tu­ris­ten gibt es schon ge­nug«

Pop-Theo­re­ti­ker Died­rich Die­de­rich­sen un­ter­sucht in sei­nem Es­say zum ge­ra­de ge­star­te­ten Wie­ner Ga­le­ri­en-Fes­ti­val Cu­ra­ted by die Sehn­sucht der jun­gen Künst­ler nach den Groß­vä­tern.

Die Presse am Sonntag - - Kultur - VON ALMUTH SPIEGLER

Ihr ti­tel­ge­ben­der Es­say zum heu­ri­gen Ga­le­ri­en-Fes­ti­val Cu­ra­ted by lau­tet: „Mei­ne Her­kunft ha­be ich mir selbst aus­ge­dacht.“Bei Her­kunft denkt man im Mo­ment an Flücht­lin­ge. Doch dar­um geht es Ih­nen gar nicht, son­dern um ei­nen recht kom­ple­xen, to­tal kunst­in­ter­nen Dis­kurs. Die Ti­tel­schrift am Co­ver des Fol­ders kreist da­zu wie ein Ring um ei­nen ein­sa­men grü­nen As­te­ro­iden. Und man fragt sich lei­se, aus wel­cher Welt Sie ei­gent­lich kom­men? Died­rich Die­de­rich­sen: Aus der schö­nen Welt, wo man Ne­ben­sät­ze be­nut­zen darf und Kom­ple­xi­tät er­wünscht ist. Klar, man kann bei je­dem Satz oh­ne Kon­text an Ge­flüch­te­te den­ken. Das ist wo­mög­lich eh­ren­wert und gut ge­meint – oder von ei­ner ge­wis­sen Angst­lust ver­ur­sacht. Aber es gibt ja ei­nen Kon­text: Kunst­ga­le­ri­en. Und schon wird al­les ganz ein­fach: Die Her­kunft ist das Un­ver­füg­ba­re. Vor­stel­lun­gen wie Le­gi­ti­mi­tät und Au­then­ti­zi­tät lei­ten sich da­von ab. Seit den Avant­gar­den und noch­mal durch die Do­mi­nanz des Mark­tes sind die Leu­te heu­te so­wohl zur Le­gi­ti­ma­ti­on über Au­then­ti­zi­tät und Be­zü­ge wie zu be­stän­di­ger In­no­va­ti­on in Gestalt ge­kapp­ter Be­zü­ge ge­zwun­gen. Da es im Kunst­be­trieb und in der Aus­bil­dung fa­mi­li­är und pa­tri­ar­chal zu­geht, den­ken die Leu­te in Ver­wandt­schafts­mo­del­len. Die Groß­el­tern sind die Lö­sung: Man kappt die Tra­di­ti­on des Va­ters und schreibt sich doch in sie ein. Da es die­se Groß­el­tern nicht in der ei­ge­nen Bio­gra­fie gibt, muss man sie sich aus­den­ken be­zie­hungs­wei­se aus der Kunst­ge­schich­te bor­gen. Die Zwangsa­d­op­ti­on ra­di­ka­ler, hel­di­scher Groß­el­tern al­so. Kön­nen Sie mir ein Bei­spiel nen­nen? Ein Jahr­zehnt lang hat­ten die Si­tua­tio­nis­ten je­den Tag ei­nen neu­en En­kel oder ei­ne neue En­ke­lin. Am lie­be­volls­ten war Mi­ke Kel­ley mit Groß­vä­tern wie Pe­ter Saul und – iro­nisch – Hans Hof­mann, die in sei­ner Kunst vor­ka­men, über die er aber auch Es­says schrieb. Co­si­ma von Bo­nin war im­mer sehr gut da­rin, mit neu­en Groß­el­tern zu über­ra­schen: von Poul Ger­nes bis Ma­ry Bau­er­meis­ter. Dann di­ver­si­fi­zier­te das. Es gibt zahl­lo­se En­kel­kin­der von Jack Smith, Bas Jan Ader oder Lee Lo­za­no. Nichts da­ge­gen. Dass kei­ne Groß­aus­stel­lung oh­ne neu ent­deck­te, al­te, ra­di­ka­le Vor­bil­der für die Ju­gend aus­kommt, ist aber et­was fad. Die Hin­wen­dung, der et­was ver­zwei­fel­te Blick auf ei­ne Zeit zwei Ge­ne­ra­tio­nen zu­rück, als Künst­ler schein­bar noch Hel­den wa­ren, al­so die Nach­kriegs­zeit, Wie­ner Ak­tio­nis­mus et­wa, ken­ne ich von mir selbst. Was fehlt mir? Oder ist die­se post­mo­der­ne Selbst­er­fin­dung in­klu­si­ve Zwangsa­d­op­tie­rung ra­di­ka­ler Groß­el­tern nur ein Zei­chen da­für, dass mein ei­ge­nes „in­di­vi­dua­lis­ti­schnar­ziss­ti­sches Pro­gramm für Kin­der des west­li­chen Klein­bür­ger­tums“ab­läuft? Bei­des. Aus der Per­spek­ti­ve de­rer, für die ein nar­ziss­ti­sches Pro­gramm ab­läuft, geht es ja um was. Der Um­stand, dass ich weiß, dass ich im Ki­no sit­ze, än­dert ja nichts dar­an, dass ich den Film ernst neh­me. Sie schrei­ben, dass oft kri­ti­siert wird, dass jun­ge Künst­ler zu brav, zu an­ge­passt sind, um ih­re Vä­ter zu er­mor­den. Aber auch, dass die­ser feh­len­de Va­ter­mord die Ver­drän­gung des im­mer noch vor­han­de­nen Meis­ter­klas­sen­sys­tems an Kunst­aka­de­mi­en ist. Seit 2006 un­ter­rich­ten auch Sie an der Aka­de­mie in Wi­en. Ist der Va­ter­mord Ih­nen schon ein­mal pas­siert? Sie ha­ben ja auch ei­ne Art Meis­ter­klas­se, ich neh­me an, Sie sind Pro­fes­sor auf Le­bens­zeit? Ich bin ent­fris­tet, aber ich ha­be kei­ne Klas­se, son­dern hal­te Se­mi­na­re und Vor­le­sun­gen, die für al­le mög­li­chen Stu­die­ren­den of­fen sind. Trotz­dem bin ich na­tür­lich schon oft er­mor­det wor­den. Im Punk-Rock, mei­nem Her­kunfts­mi­lieu, sind die Sit­ten da oh­ne­hin et­was rau­er. Ih­re Pro­fes­sur be­schäf­tigt sich mit „Theo­rie, Pra­xis und Ver­mitt­lung von Ge­gen­warts­kunst“so­wie mit „Fra­gen der Ge­gen­wär­tig­keit, Ge­gen­warts­be­stim­mung, ei­ner Glo­ba­li­täts­theo­rie und -kri­tik“. Sie soll­ten in mei­nen Au­gen al­so der sein, der auch am bes­ten in die Zu­kunft se­hen kann. Al­so wo­hin geht’s? In der Kunst erst ein­mal?

Died­rich Die­de­rich­sen

wur­de 1957 in Ham­burg ge­bo­ren, er lebt in Ber­lin und un­ter­rich­tet seit 2006 an der Aka­de­mie der bil­den­den Küns­te Wi­en. Er ist Kul­tur­wis­sen­schaft­ler, Kri­ti­ker, Jour­na­list, Ku­ra­tor, Au­tor („Sex­beat“, „Ei­gen­blut­do­ping“), Es­say­ist und Hoch­schul­leh­rer.

Pop­theo­re­ti­ker

Von 1985 bis 1990 war Die­de­rich­sen Chef­re­dak­teur der Mu­sikund Pop­kul­tur­zeit­schrift „Spex“, ne­ben­her ar­bei­te­te er als Wer­be­tex­ter. Sei­ne For­schungs­ge­bie­te heu­te sind u. a. Pop­mu­sik als Mo­dell ei­ner Ge­gen­warts­kul­tur, Netz­kul­tu­ren und En­ter­tain­men­tAr­chi­tek­tur, Martin Kip­pen­ber­ger und sei­ne Zeit. Aber die Ge­gen­wart ist nicht die Zu­kunft. Und Fu­tu­ris­ten gibt es um uns her­um schon ge­nug. Al­so gut. Wo ste­hen wir jetzt? In der Kunst zum Bei­spiel: Es ist mit ihr ja sehr am­bi­va­lent, ei­ner­seits er­war­tet man in die­ser sich ra­di­ka­li­sie­ren­den Zeit ak­tu­el­le, po­li­ti­sche Stel­lung­nah­me von der zeit­ge­nös­si­schen, ge­ra­de von der jun­gen Kunst. Doch das wird dann schnell lang­wei­lig, schließ­lich sind al­le Kunst­stu­den­ten meist pla­ka­tiv, na­iv links. Dann hät­te man al­so doch lie­ber Es­ka­pis­mus, Schein­wel­ten, Uto­pi­en, Dys­to­pi­en. Was soll Ge­gen­warts­kunst denn heu­te tun, um re­le­vant zu sein? Links zu sein, oh­ne na­iv zu sein, wä­re doch schon et­was. Punkt! Und wo ste­hen wir glo­bal ge­se­hen? Es le­ben heu­te mehr Men­schen auf dem Pla­ne­ten, als je ge­lebt ha­ben. Ge­gen­warts­kun­de hat al­so ge­nau­so viel Stoff wie Ge­schich­te. Viel­leicht muss man al­so we­ni­ger nach Vor­läu­fern su­chen als nach ent­fern­ten, aber re­le­van­ten Zeit­ge­nos­sen. Die Ge­gen­wart ist in dem Sin­ne in­ter­es­san­ter als die Ver­gan­gen­heit oder die Zu­kunft, aber man muss Mit­tel fin­den, sie in ih­rer Aus­ge­dehnt­heit zu re­zi­pie­ren. In der Kul­tur­po­li­tik? Was wür­den Sie der ös­ter­rei­chi­schen ra­ten? Im Ver­gleich zur deut­schen? Ich fin­de die ös­ter­rei­chi­sche in vie­len Punk­ten bes­ser als die deut­sche: Hier wird we­der ein Stadt­schloss ge­baut noch ei­ne Elb­phil­har­mo­nie. In Ös­ter­reich? Wer wird die Bun­des­prä­si­den­ten­wahl ge­win­nen? Hof­fent­lich nicht der En­kel von die­sem an­de­ren ös­ter­rei­chi­schen Künst­ler. Das Ga­le­ri­en-Fes­ti­val Cu­ra­ted by, or­ga­ni­siert von De­par­tu­re (Wirt­schafts­agen­tur), fin­det noch bis 15. Ok­to­ber statt. Es neh­men 19 Wie­ner Ga­le­ri­en dar­an teil, je­weils mit ei­nem in­ter­na­tio­nal tä­ti­gen Ku­ra­tor im Ge­päck. Pro­gramm und ge­führ­te Tou­ren un­ter: www.cu­ra­ted­by.at

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