Ge­schichts­un­ter­richt im Re­tro-Wett­be­werb von Ve­ne­dig

Die 73. Film­fest­spie­le von Ve­ne­dig gin­gen am Sams­tag mit der Preis­ver­lei­hung zu En­de. Nach ei­nem schwa­chen Start wa­ren ei­ne Hand­voll in­ter­es­san­ter Ar­bei­ten zu se­hen. Be­mer­kens­wert: Neun der 20 Kon­kur­ren­ten wa­ren His­to­ri­en­fil­me.

Die Presse am Sonntag - - Kultur - VON ANDREY AR­NOLD

Fast hat­te man in den letz­ten Ta­gen der 73. Film­fest­spie­le von Ve­ne­dig das Ge­fühl, sie sei­en schon längst zu En­de. Die im Ver­gleich zu den Stress­kes­seln Can­nes und Ber­lin ent­spann­te Spät­som­mer­at­mo­sphä­re am Li­do wirk­te noch ein Stück­chen ent­spann­ter, die selbst zu Star­rum­mel-Stoß­zei­ten über­schau­ba­ren Men­schen­men­gen rund um den Pa­laz­zo del Ci­ne­ma noch lich­ter als sonst. Tat­säch­lich ha­ben sich vie­le Jour­na­lis­ten und Bran­chen­ver­tre­ter im Lau­fe der ver­gan­ge­nen Wo­che Rich­tung Ka­na­da auf­ge­macht, wo seit 8. Sep­tem­ber das To­ron­to In­ter­na­tio­nal Film Fes­ti­val – ein di­rek­ter Kon­kur­rent Ve­ne­digs – in vol­lem Gan­ge ist. Vie­les, was man hier ver­säumt hat, kann man dort oh­ne­hin nach­ho­len, und als Ki­no­markt und In­dus­trie­mes­se hat die er­heb­lich jün­ge­re Über­see-Ver­an­stal­tung frag­los die Na­se vorn.

Dar­aus könn­te man schlie­ßen, dass die Ki­no-Mos­tra un­ter der Lei­tung von Al­ber­to Bar­be­ra an ei­ner Pro­gramm­pro­fil­schwä­che lei­det, und man hät­te nicht ganz un­recht. Den aus­ge- spro­chen schwa­chen Start des dies­jäh­ri­gen Haupt­wett­be­werbs kom­pen­sier­te des­sen zwei­te Hälf­te al­ler­dings mit ei­ner Hand­voll in­ter­es­san­ter Ar­bei­ten und be­wies, dass Ve­ne­dig im­mer noch mehr ist als ein blo­ßes Sprung­brett für Os­car-Kam­pa­gnen. Ma­nie­rier­te Per­for­mance. Wo­bei sich auch un­ter den os­car­taug­li­chen Bei­trä­gen Se­hens­wer­tes fand – et­wa „Ja­ckie“, das Hol­ly­wood-De­but des stil­be­wuss­ten Chi­le­nen Pa­blo Lar­ra´ın. Kürz­lich in ei­ner Can­nes-Ne­ben­schie­ne mit dem un­kon­ven­tio­nel­len Bio­pic „Ne­ru­da“ver­tre­ten, ließ er hier ein wei­te­res nach­fol­gen. Dies­mal steht die Sti­li­ko­ne und viel­leicht be­rühm­tes­te First La­dy der USA im Mit­tel­punkt, Jac­que­line Ken­ne­dy Onas­sis – ge­spielt von Natalie Port­man, de­ren ma­nie­rier­te Mi­mi­kryPer­for­mance of­fen­kun­dig nach Prei­sen schielt. Span­nen­der ist die lo­se Kon­struk­ti­on des Films (der kurz nach der Er­mor­dung JFKs spielt) als im­pres­sio­nis­ti­sche Mon­ta­ge, die ein brei­tes The­men­spek­trum auf­fä­chert: Die (Un-) Mög­lich­keit von Trau­er­ar­beit als Per- son öf­fent­li­chen In­ter­es­ses, die zu­neh­men­de Me­dia­li­sie­rung der po­li­ti­schen Sphä­re in den Sech­zi­gern, aber auch die Be­deu­tung von My­then­bil­dung für die Iden­ti­tät ei­ner Na­ti­on.

Ganz all­ge­mein konn­te man heu­te fast von ei­nem Re­tro-Wett­be­werb spre­chen: Neun der 20 Kon­kur­ren­ten wa­ren streng ge­nom­men His­to­ri­en­fil­me, die äs­the­ti­schen Zu­gän­ge wa­ren da­bei ganz un­ter­schied­lich. Die star­ke Guy­de-Mau­pas­sant-Ver­fil­mung „Une vie“et­wa lässt sich schlicht­weg nicht an­mer­ken, dass sie ein Ko­s­tüm­schin­ken ist. Ste­pha­ne´ Bri­ze´ in­sze­niert das el­lip­ti­sche Por­trät ei­ner Adel­s­toch­ter (groß­ar­tig: Ju­dith Chem­la), die im 18. Jahr­hun­dert ei­nen Hal­lo­dri hei­ra­tet und spä­ter von ih­rem un­dank­ba­ren Sohn in

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